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Finaler Countdown (“Mein progressiver Alttag” vom 18. Juli 2015 im Gießener Senioren-Journal)

Es ist ja nicht nur der körperliche Verfall. In meinem progressiven Alt-Tag läuft auch ein anderer Countdown ab. Er wirkt auf den ersten Blick etwas seltsam, denn die Zahlen scheinen durcheinander zu purzeln: Drei – eins – zwei …
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Drei – eins – zwei: Solche Zahlenreihen kennt man aus IQ-Tests. Setzen Sie die Reihe fort!, heißt es da. Nichts leichter als das, wenn man zwei Buchstaben vor die Zahlen setzt: HR 3 – HR 1 – HR 2 … HR 4.
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Es begann alles damit, dass ich ein Kofferradio bekam. Ein kleines, handliches. Ungefähr halb so groß und doppelt so dick wie heute ein i-Pad. Ideal zum Hören unter der Bettdecke. Die Eltern dachten, der Bub schläft tief und träumt süß, doch er war hellwach und erlebte per Kurzwelle grandiose Abenteuer. Beim Seewetterbericht flog mir vor Boje 5 die Nordsee-Gischt ins Gesicht, und wenn eine metallische Frauenstimme (»Einns, drrrei, fünneff, fünneff ..«) endlose Zahlenreihen runterratterte, steckte ich mitten in einem Agenten-Krimi.
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Aber zwischendurch schaltete ich immer wieder zur Mittelwelle rüber, drehte den Senderknopf nach hinten rechts auf der Skala, mit viel Fingerspitzengefühl, denn nur mit Feinjustierung konnte Radio Veronika zwischen all dem Rauschen eingefangen werden. Dieser Piratensender spielte von einem Schiff vor der Nordseeküste aus die beste Musik weit und breit.
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Damals lag der fatale Countdown in weiter Ferne. Wo auch anfangen zu zählen, wenn HR 3 noch nicht einmal existiert? Der Startschuss zum dritten Radiosender des Hessischen Rundfunks fiel erst am 1. Juni 1964, und dieses dritte Programm beschränkte sich zunächst auf fremdsprachliche Informationen für Gastarbeiter, lag also auf der entgegengesetzten Seite der Interessen-Skala des Radio-Veronika-Piraten.
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Doch irgendwann, viel später, biologisch gehörte ich schon zu den Erwachsenen, da entdeckte ich diesen neuen Pop-Sender: HR 3. Viele Jahre blieb ich ihm treu, bis mir der Pop zu bunt wurde, die Musik zu schrill, die Sprecher zu aufgekratzt. Wie wohltuend dagegen HR 1: Die Musik, die Themen, die Sprecher, das alles passte zu mir und wurde meine Radio-Welt.
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Doch allmählich überforderte mich auch HR 1, ich schaltete immer öfter zum Klassik-Programm von HR 2 hinüber. Musik zur Kontemplation, keine Hektik, keine sich überschlagenden Stimmen, im Gegenteil, die Sprecher scheinen manchmal während des Musikprogramms sogar einzunicken, denn nach dem letzten Ton einer Symphonie höre ich bisweilen … nichts. Stille. Nicht eine oder zwei Sekunden lang, sondern drei, vier, zehn, viele. Dann endlich räuspert sich eine verschlafene Stimme und kündigt das nächste Stück an. Genial! Und irgendwie sogar up to date, denn so klingt praktizierte Entschleunigung.
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Läuft der Countdown im Alt-Tag weiter ab wie bisher, folgt auf HR 3, HR 1 und HR 2 demnächst HR 4, das Synonym für akustisches Grauen. Natürlich nur aus Hör-Sicht heutigen »Radio Veronika«-Geschmacks von Independent bis Tech-House. Denn ich habe schon mal hineingehorcht … och jo, geht doch.
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Noch bedenklicher als dieser akustische Trend zum Senilen ist der visuelle Verfall. Selbst betulich-seriöse Feuilletons schwärmen von hochmodernen US-Serien, von ihrem rasanten Tempo, den schnellen Schnitten, von genial verwackelter Kameraführung – doch mir ist das Tempo zu hoch, bei den schnellen Schnitten drohen Migräne-Anfälle, und die genial verwackelte Kamera wirkt wie eine »loose cannon«, unberechenbar und gemeingefährlich für meine Sinne.
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Es gibt auch die eine oder andere deutsche Serie, die dem US-Trend hinterher filmt. Wenn ich per Zufall in eine gerate, zappe ich extrem unentschleunigt weiter und verharre bei den Lieblingsserien meines progressiven Alt-Tags, bei den Nonnen von Bürgermeister Wöller oder auch in aller Freundschaft bei den Ärzten im Osten. Da werde ich nicht von unangenehmen Dingen überrascht, zum Beispiel vom makabren Einfall, auf ein Happy-End zu verzichten.
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Denn ein voraussehbar glückliches Ende gehört zu jedem anständigen Film. Langes Leiden ertrage ich nicht mehr, existenzbedrohende Probleme ebenfalls nicht. Dass die Welt nicht heil ist, weiß ich. Es geschehen schreckliche Dinge, aber vor dem Fernseher verschließe ich Augen und Ohren davor, denn ich bin kein Masochist, der sich an Verzweiflung labt. Daher zuckt mein Daumen sogar bei schnuckeligen Tierfilmen (meinen neuen Favoriten) hektisch zappend, wenn ein Löwe der Antilope hinterher jagt, denn es könnte ja sein, dass der Kameramann auf die sadistische Idee kommen könnte, die Jagd realistisch enden zu lassen.
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Am bedenklichsten aber ist mein Alt-Tags-Trend zum Rührseligen. Das möchte ich hier aber nicht vertiefen. Zu peinlich. Wenn Sie wüssten, bei welchem Kitsch ich selig-blöde grinsend mit einem Kloß im Hals vor dem Fernseher sitze …
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Aber so richtig alt bin ich erst, wenn ich nur noch HR 4 höre, statt »Tatort« den ZDF-Kitschfilm am Sonntag anschaue, den Musikantenstadel einschalte, wonnig mitklatsche, Florian Silbereisen als James Dean unserer Tage verehre und rührselig werde, wenn er vor Helene Fischer, die ich mit Marilyn Monroe verwechsle, in die Knie geht und einen Heiratsantrag sülzt.
Aber wenn es nur darum geht, werde ich mindestens 110.

Baumhausbeichte - Novelle