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Sport-Stammtisch (vom 18. Juli)

Bei diesem schweißtreibenden Wetter (zum Thema »Schweiß« siehe auch die »Nach-Lese« im Kultur-Teil) sollte man viel trinken. Aber man kann es auch übertreiben. Ich wundere mich schon seit Jahren, dass – vor allem spätberufene – Fitness-Freunde in Feld, Wald, Flur und Studio Unmengen von Wasser in sich hinein schütten, als wäre die Bauch-Beine-Po-Stunde oder der flotte Stock-Spaziergang an der frischen Luft eine Tour-de-France-Bergetappe. Wasser-Päpste gaben vor Jahren die Parole aus: Pausenlos trinken, mindestens drei Liter Wasser am Tag! Bei sportlicher Betätigung noch viel mehr! Je mehr Wasser, desto gesünder! Ich hielt das für Unsinn und diesem mein naives Rezept entgegen: Trinken, wenn man Durst hat. Ausnahme seien ältere Menschen, denen das Durstgefühl oft fehlt.
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Ich wies auch auf gegenteilige Erkenntnisse hin, die im Wasser-Mainstream untergegangen waren: Dass zu viel Trinken beim Laufen genauso schädlich sei wie zu wenig. Argumentation: Bei übermäßigem Trinken verdünnt Wasser das Blut, die Natriumkonzentration sinkt, aus den überprallen Adern sickert Wasser in das Gewebe, kann sich im Gehirn einlagern, zu Krämpfen und Kollaps führen, sogar zu Lebensgefahr.
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Aktueller Nachtrag vom Frankfurter Ironman: Der Mann, der hinter der Ziellinie kollabierte, starb nach letzten Erkenntnissen nicht wegen der Hitze, sondern weil er zu viel Wasser getrunken hatte. SZ-Online berichtet von 14 ähnlichen Todesfällen seit 1981. Die Wissenschaft fordere daher, »wieder auf das Durstgefühl zu hören«. – Sag ich doch. Ausnahme siehe oben.
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Wimbledonsieger Novak Djokovic (Endlich hat Boris Becker den richtigen Job gefunden!)gibt in seiner Autobiographie »Serve to Win« einen ganz speziellen Wasser-Tipp. Er trinke nur noch warmes Wasser, denn »kaltes Wasser verlangsamt die Verdauung und sorgt dafür, dass das Blut dort wegbleibt, wo ich es haben will: in meinen Muskeln«. Und so viel warmes Wasser, pfuibähspuck!, kann man gar nicht trinken, dass es zu viel wäre.
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Dass man nur mit Wasser keine »Tour«-Bergetappe gewinnt, ist ein ganz anderes Thema. »Willkommen zurück, Arschloch!«, titelt »France Soir« zur Frechheit des Lance Armstrong, unter dem Deckmantel einer Wohltätigkeitsveranstaltung ein paar Tour-Etappen abzufahren. Abgefahrene Idee! Im Internet suche ich lange vergeblich nach der »France Soir«-Originalversion vom »Arschloch«, doch dann finde ich nicht nur den »Trouduc«, sondern auch die Geschichte dahinter. »Willkommen in Frankreich, Trouduc«, so empfing »France Soir« den US-Amerikaner, als erste Nachweise für Armstrongs Doping vorlagen. Trouduc, googele ich, ist das umgangssprachliche Wort für »Arschloch«. Es war damals die Antwort auf Armstrongs früheren Kommentar, die französischen Fußballnationalspieler seien Arschlöcher, weil sie positiv getestet worden seien. »France Soir« zitiert sich also selbst. Aber doppelt gemoppelt hält manchmal besser. Trouduc!
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»Drecksau statt Schweini« – wie »Bild« den neuen Bayern Arturo Vidal empfängt, das klingt nicht viel schmeichelhafter, ist jedoch positiv gemeint. Aber ob die Bayern lange ihre Freude an Vidal haben werden? Der Junge passt optisch, mental und fußballerisch zu Guardiola wie die Faust aufs Auge und berserkert auf dem Platz immer am roten Rande des Wahnsinns. Gegen ihn ist sogar Frankfurts Zambrano ein Waisenknabe.
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Dass Vidal zu Guardiola wie die Faust aufs Auge passt, mit dieser Prophezeiung liege ich mit Sicherheit nicht daneben, denn soeben habe ich nachgeprüft, ob ich das geflügelte Wort richtig gebraucht habe. »Wictionary« bestätigt: Faust und Auge passen 1. »ganz und gar nicht zusammen«, 2. »wunderbar zusammen«. Hübsches Paradoxon: Wenn die Faust aufs Auge passt, kann sie nie ins Auge gehen.
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Noch’n Zitat: »Bayern München ist ein großer Club, aber Manchester United ist größer.« Und liegt nicht mal hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Schweinsteigers kleine Stichelei und der Spiegel im Märchen, ManU und Schneewittchen – das ergrimmt die Bayern wie die böse Königin im Märchen.
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Immerhin ist Bastian Schweinsteiger in München vergleichsweise besser (buchstäblich) weggekommen als Iker Casillas in Madrid und wurde nicht wie dieser mit verächtlicher und verachtenswerter Stillosigkeit verabschiedet, sondern … erschreckend beiläufig. Irgendwie gar nicht. Man würde gerne wissen, was Uli Hoeneß davon hält.
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Haben die Bayern ihren Bastian »plutoed«? Das war mal das Wort des Jahres in den USA, als der ehrbare Zwergplanet schnöde zu asteroidem Weltraum-Müll degradiert wurde. Nun sehen wir Pluto in voller Pracht, Planet hin oder her, und sind beeindruckt. Ich dachte als Wahl-Entenhausener immer, Pluto sei nach dem Hund von Micky Maus benannt, dabei ist es umgekehrt: Pluto hat seinen Namen vom römischen Gott der Unterwelt, und Mickys Hund den seinen von der zernarbten Kugel am Rande des Sonnensystems.
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Dass »mein« Pluto offenbar manchmal die Nase voll hat von der perfekten Übermaus, dem strebsamen, politisch korrekten Micky, und sich bei den chaotischen Ducks als Haushund einquartiert, macht ihn nur noch sympathischer – ist aber eventuell ein ganz anderes Thema und hat mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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