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“Meine Griechen” (2 und Schluss)

Griechenland und (k)ein Ende. Aber was stand am Anfang? Als ich von 2001 bis 2004 die Langzeit-Serie »Von Olympia nach Athen« schrieb, wurden, bei aller philhellenischen Schwärmerei, auch schon einige Wurzeln des Übels erkennbar. – Es folgt Teil 2 von Passagen des Originaltextes, zu lesen bereits lange vor Beginn der Finanzkrise (Teil 1 erschien gestern).

Auf Naxos frage ich einen Einheimischen, worum es geht, als Menschen, deren Gesichter ich von Plakaten kenne, am Tag der landesweiten Kommunalwahlen mit großem Gefolge in der Hauptgeschäftsstraße der Inselhauptstadt von Ladenbesitzer zu Ladenbesitzer pilgern, alle heftig umarmend, die ihnen im Weg stehen. Also, um was geht’s denen? Die Antwort meines Griechen lautet lapidar: »Um Geld.« Denn wessen Clan Bürgermeister wird, der stehe vor rosigen Zeiten. Wer darf wann wo was bauen usw., ich verstünde schon. Verstehe ich?

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Werner Sonntag, ein Ultra-Ausdauersportler, ist den umgekehrten Weg gelaufen, den ich gehen will, von Athen nach Sparta, 246 Kilometer in 36 Stunden(!). In seinem Buch »Laufen im Grenzbereich« beschreibt er, wie er »entlang mäandrischen Bändern aus Müll« läuft und in der Nase »den Aasgeruch von angewalzten Katzen und Hunden« hat. »Exkremente der Veredelungswirtschaft, Müllsäcke, aus Autofenstern geworfen, beim Aufprall aufgeplatzt, ausgewürgte Plastikbrocken der Industriegesellschaft.« Igittigitt. Aber ich muss es bestätigen.

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Wieder Peloponnes. Auf nach Methana. Fußsohlenknackende Wanderung durch scheinbar menschenleere Am-Ende-der-Welt-Gegenden, gesprenkelt von winzigen Orten mit gigantischen Namen: Gigantoupolis, Metamorphosis, Taktikoupoli. Meine Metamorphosis: In der gnadenlosen Hitze schrumpfe ich zum Zwergoupolis. Ich verdorre. Und das alles wegen Olympia, diesem, so Tacitus, »Reich der Drückeberger, Turner und Perversen«. Aparte Kombination!

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Die Menschen in Methana lehnen das Angebot Athens ab, hier die Kanu-Strecke für 2004 zu bauen. Sie wollen ihre Ruhe haben. Haben sie auch. Die Ruhe weg. Der Ort Methana auf der Halbinsel Methana wirkt wie ausgestorben. Das kleine Tickethäuschen vor dem kleinen Schiffsanleger ist verschlossen. Vor Monaten habe ich diese Route per Internet ausgearbeitet. Heute um 14.05 Uhr MESZ soll hier die Autofähre nach Ägina ablegen, der Insel vor Athen. Unvorstellbar. Es ist viertel vor zwei, kein Mensch, kein Schiff zu sehen.

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Wir gehen zurück zu einem Kafenion, dessen Tür offen steht. Wir wollen uns stärken für die endlose Fahrt zurück, die uns nun bevorsteht, um über Piräus nach Athen zu gelangen. Doch dann zaubert der Wirt in Windeseile ein wunderbares Essen auf den Tisch, seine Frau erklärt uns, warum er sich so beeilt, wir verstehen sie plötzlich sehr gut, denn sie spricht jetzt deutsch, was nicht übermäßig verwundert, da sie eine vor neun Jahren der Liebe wegen nach Methana verschlagene Münchnerin ist, und das Tempo ihres kochenden Mannes hat auch seinen Grund: Wir führen doch wohl mit dem Schiff, und das komme gleich.

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Gleich? Wie hingezaubert liegt die Autofähre der Saronikos Ferries im urplötzlich nicht mehr menschenleeren Hafen. Hektik. Gedränge. Schnell, schnell, das Schiff legt immer pünktlich ab, mahnt die Münchnerin. Und tatsächlich, Wunder der modernen Welt in einer verschlafen wirkenden, weltabgelegenen Gegend: Die damals im Internet ermittelte Information stimmt, um Punkt 14.05 Uhr tutet es – Abfahrt.

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Das Ziel ist erreicht. »Hast du Athen niemals gesehen, ist dein Gehirn ein Sumpf, hast du es gesehen und warst nicht entzückt, bist du Arsch ganz stumpf.« Apopo: von Dikaiarchos – nomen est omen.

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Nachtrag im Februar 2015: Ach ja, »meine« Griechen. Natürlich wollen sie weiterhin, wie auch schon lange vor dem Euro, von »Europa« (in Griechenland sinnigerweise ein Synonym für »Ausland«, »Fremde«) viel Geld für wenig Gegenleistung (doch wer will das nicht?). Aber die Gegenreaktion der Maßregelung, der einfühlsams- und respektlosen Art, dass an deutschem Wesen Griechenland gefälligst zu genesen habe, ist das Kontraproduktivste, was man tun kann. Stolze Griechen kriechen nicht vor Herrenmenschen. Sie sind stur wie wir Hessen und sagen irgendwann: Gradnedd!  (gw) * (www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle