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“Meine” Griechen (1./”Anstoß” vom 15. Juli)

Griechenland und (k)ein Ende. Aber was stand am Anfang? Seit den 80er Jahren reiste ich sehr oft durch das Land, schwärmerisch wie so viele. Auch als ich von 2001 bis 2004 unsere Langzeit-Serie »Von Olympia nach Athen« schrieb, tat mein philhellenisches Herz manche Merkwürdigkeit lächelnd als kuriose Folklore ab. Nur selten notierte ich Verstörendes. Aber wenn man diese wenigen Passagen aus dem umfangreichen vorolympischen Reisetext löst, werden Wurzeln des Übels erkennbar. – Es folgt ein Extrakt des Originaltextes in zwei Teilen, geschrieben und zu lesen lange vor Beginn der Finanzkrise (Teil 2 folgt morgen).

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In Patras angekommen, ist man längst noch nicht angekommen. Die »Poseidonia« wird wieder zurück nach Brindisi fahren – und da wollen viele mit, die nicht mitdürfen sollen. Daher dauert es mit dem Anlegen auch viel länger als beim Insel-Hopping in der Ägäis, wo Fährschiffkapitäne in jeder Saison neue olympische An- und Ablege-Rekorde aufstellen – denn jede Minute an Land kostet. Wohl ungefähr soviel wie in Patras die Überfahrt nach Brindisi: tausend Dollar.

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Tausend Dollar? Ja, für Albaner, Kurden oder Afrikaner, die in Patras auf ihre Chance warten, als blinde Passagiere nach Italien (und von dort, unkontrolliert, nach Deutschland) zu kommen. Patras ist das Nadelöhr. Bis hierher haben sie schon im Schnitt knapp fünftausend Dollar bezahlt, jetzt wird, für den entscheidenden Sprung, noch mal ein Tausender fällig. Das verlogene olympische Motto, hier gilt es noch, bleibt das einzige Ziel: Dabeisein ist alles.

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Von türkischen Schleppern lassen sie sich in präparierte Lastwagen stecken, von griechischen Polizisten werden sie mit Sonden aufgespürt, die auch kleinste Mengen Kohlendioxyd registrieren – der Mensch muss atmen, und er atmet Kohlendioxyd aus. Trotzdem kommen einige durch. Bei 700 Lastwagen pro Tag kein Wunder. Die anderen versuchen es immer wieder.

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Erster Eindruck vom plastiktütenübersäten Peloponnes: Ökologie ist ein Wort aus dem Griechischen, aber für die Griechen ein Fremdwort. Beim kleinen Dörfchen Flokas wird die erste Rast gemacht, auf einem kleinen, fein herausgeputzten Friedhof. Wenn nur alles so fein herausgeputzt wäre! Der herrlich blühende Oleander, der wie Unkraut am Straßenrand wächst, kann die peloponnesischen Müll-Orgien nur unzulänglich überwuchern

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Eine nicht ganz olympische Sportart auf dem Peloponnes (und in ganz Griechenland): Brandstiftung. So genanntes »Waldland«, offiziell zwei Drittel der Landfläche, darf nicht bebaut und kultiviert werden. Wenn es abbrennt, ist es kein Waldland mehr und darf bebaut werden …

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Ich folge einem Geheimtipp: Loutra Kyllinis, auf halbem Weg zwischen Patras und Olympia, direkt vor der Insel Zakynthos. Doch dann: Loutra Kyllinis atmet den diskreten Charme der Ostzone vor dem endgültigen Absturz, ist aber Resultat des Gegenteils: Irgendjemand hat in Brüssel ein paar hundert Millionen abgegriffen, Straßen und Hotelkomplexe in die Pinienwälder gefräst – und als er sein Ziel erreicht und genug abgezockt hatte, ließ er alles verrotten. Loutra Kyllinis, die Geisterstadt.

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Doch wenn man dann eine Art Ceaucescu-Boulevard zwischen den EU-Ruinen weit hinunter durch den Pinienwald bis zum Wendehammer fährt, kommt man an einen herrlichen Strand: ein paar Kilometer lang, mit feinstem Sand, ohne das kleinste Steinchen im flachen Wasser, und fast menschenleer, da kein Hotel und keine Taverne in der Nähe.

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Auf Kreta wohne ich in Makrigialos bei Michalis, der in seinem Haus am Strand eine Taverne, eine Pension, einen Liegestuhl- und Sonnenschirm-Verleih, ein Souvenirgeschäft, einen Supermarkt und wahrscheinlich noch mehr betreibt. Als ich den verlangten stolzen Zimmerpreis ohne zu handeln sofort akzeptiere, lacht er breit und umarmt mich, den uncleveren Deutschen.

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Ich freunde mich mit ihm an. Bemerkung am – deutschen – Nebentisch, auf meinen Freund Michalis bezogen und mich empörend: »Wisst ihr, was ich an den Griechen mag? Die tun gar nicht erst so, als wären sie keine Drecksäcke.« Das Lob ist ernst gemeint. Ich gucke strafend rüber, muss dabei aber grinsen. (gw) * (www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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