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Sonntag, 12. Juli, 6.30 Uhr

Zwei Meldungen der Nacht, die wichtigste und eine scheinbar nebensächliche:

Nach neun Stunden Diskussion haben die Finanzminister ihre Beratungen ergebnislos abgebrochen.

In Deutschland zahlen die Versicherungen ihren Kunden im Jahr 100 Millionen für geklaute Fahrräder.

Um wie viele Millionen werden die deutschen Versicherungen betrogen?

Um wie viele Milliarden die europäischen Institutionen?

Also in beiden Fällen wir alle?

Und sind Sie, bin ich ohne Schuld? Ohne “Kavaliersdelikt”? Ohne angemaßtes Gewohnheits(un)recht?

Wie griechisch wären wir, wenn wir Griechen wären?

 

So, das war das Wort zum Sonntag. Zum Thema Griechenland stelle ich, wie am Freitag schon notiert, einen Text mit Auszügen aus der alten Olympia-Serie zusammen. Entweder als “Anstoß” im Sport (vielleicht sogar zweiteilig) oder als “Nach-Lese” fürs Feuilleton. Denn den am Freitag geschriebenen Text zur Willensfreiheit habe ich bereits am Samstag verworfen, als ich bei einer Stichwortsuche im eigenen Archiv feststellen musste, dass ich zu viel davon schon irgendwann irgendwo im Blatt veröffentlicht habe. Ist zwar fast durchweg schon lange her, aber nun schreibe ich lieber, jahreszeitlich aktuell, über Schweiß. Auch da wird nicht alles neu sein. Aber amüsant, glaube ich.

Bin ich beim Willensfreiheit-Text zu pingelig mit mir selbst? Hätte ich ihn gar nicht verwerfen sollen? Zur Begutachtung stelle ich ihn wenigstens in den/das Blog (warum sträubt sich in mir noch alles, “das” Blog zu schreiben?) Hier ist er:

 

Die »sozialen« Netze manipulieren das Denken der Menschen, behaupten Harald Welzer und Michael Pauen in ihrem neuen Buch »Autonomie«. In einer »Zeit«-Rezension heißt es dazu, »Menschen schlössen sich häufig der Mehrheitsmeinung an, auch wenn diese ziemlich offensichtlich falsch sei«.

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Tja. Keine besonders originelle These. Sie bewahrheitet sich täglich durch Shitstürme und andere Windmacherei. Mich interessiert mehr, warum so viele Menschen ihre manipulierte Meinung mit eigenem Willen verwechseln. Überhaupt: Willensfreiheit – gibt’s die? Haben wir sie?

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Im »Spiegel« las ich, Neurowissenschaftler hätten das Zentrum für Willenskraft im Gehirn entdeckt. Es liege in der Großhirnrinde, sei winzig klein und mache, wenn man es elektrisch stimuliert, »aus manchen Menschen Wunder an Willensstärke«, während es unstimulierte andere dazu bringe, »in schwierigen Situationen die Segel zu streichen«. Freibrief für alle Willensschwachen? »Ich würde ja gerne wollen, aber mein Hirn kann nicht wollen«?

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In der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« gab ein isländischer Genom-Forscher auf die Frage nach dem freien Willen eine seltsame Antwort: »Wenn ich so schnell nach Hause laufen will, wie ich kann, ist das eine ganz andere Sache, als wenn Usain Bolt dasselbe will. Mein freier Wille ist in dieser Hinsicht sehr verschieden von Usain Bolts freiem Willen.« – Beim besten Willen: ein selten dämlicher Vergleich. * Mir sehr suspekt auch, dass die Gehirnforschung herausgefunden haben will, das, was der Mensch scheinbar frei und spontan entscheidet, sei von seinem Gehirn schon zehn Sekunden vorher festlegt worden. Aber, liebe Gehirnforscher, auch euch ist doch nur schwer vorstellbar, dass, zum Beispiel, das Gehirn von Lothar Matthäus schon zehn Sekunden vorher durchdacht hat, was Lothars Mund entfleucht?

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Aber zurück zum Ernst des Themas: Wie manipulierbar ist unsere Willensfreiheit? Man denke an das berühmt-berüchtigte Experiment von Stanley Milgram, der vor einem halben Jahrhundert Testpersonen in New Haven beauftragt hatte, Schüler beim Lernen zu überwachen, mit der Maßgabe, ihnen für jeden Fehler Elektroschocks zu versetzen, mit bei jedem weiteren Fehler steigender Intensität. Was die Testpersonen nicht wussten: Die elektrischen Schläge waren nur vorgetäuscht und die »Schüler« Schauspieler, die immer erbarmungswürdigere Schmerzensschreie ausstießen. Testpersonen, die abbrechen wollten, wurden vom Versuchsleiter energisch aufgefordert weiterzumachen – was zwei Drittel auch noch taten, als die Stromstöße, was sie wussten, tödlich gewesen wären.

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Der Psychologe Philip Zimbardo modifizierte 1971 in einem Keller der Uni Stanford das legendäre Milgram-Experiment. Zimbardo teilte seine Testpersonen in zwei Gruppen auf: »Wärter« und »Gefangene«. Im Gefängnis-Mikrokosmos des Uni-Kellers begannen die »Wärter« schon bald, die »Gefangenen« schwerst zu misshandeln, sodass der Test abgebrochen werden musste.

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Gibt es Gut und Böse überhaupt? Was macht den Menschen aus? Wenn bei einem Unfall, oder durch einen Tumor, der vordere Hirnlappen schwer verletzt wird, sind bei dem Patienten, der überlebt, oft schwere Persönlichkeitsänderungen festzustellen. Zum Beispiel Phineas Gage. Im Jahr 1848 drang dem 25-jährigen US-Eisenbahner bei einer Explosion eine Brechstange durch das Kinn in den Kopf und kurz hinter der Stirn wieder hinaus, dabei Teile des Gehirns, des vorderen Stirnlappens, mit sich reißend. Von der gruseligen Wunde abgesehen, war Gage nichts anzumerken, er ging noch eigenfüßig zum Arzt und stellte sich ihm angeblich mit den Worten vor: »Hier ist viel Arbeit für Sie.« Nach vier Wochen war die Wunde verheilt, Gage lebte sein altes Leben scheinbar unversehrt weiter, ohne jede körperlichen Beeinträchtigung – aber der zuvor freundliche, zurückhaltende, fleißige junge Mann verwandelte sich in ein faules, streitsüchtiges, fluchendes und amoralisches Scheusal.

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Was sagen die Religionen dazu? Kam der Mann als früher Phineas in den Himmel oder als später Gage in die Hölle? Wieviel Willensfreiheit hat der Mensch? Na ja, für meine kleine »Nach-Lese« vielleicht doch eine etwas zu große Frage. Außerdem ein neurologisches Modethema, bei dem die Wissenschaft zu einer Antwort tendiert (»Willensfreiheit gibt es nicht«), von der ich einfach glauben will, dass sie grundfalsch ist. Phineas hin, Gage her.

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Und wenn ich mein Gehirn befrage? Dann kenne ich in zehn Sekunden die Antwort. Ich versuche es. Ich warte. Zehn Sekunden. Eine Minute. Eine Stunde. Aber die Antwort kommt bestimmt. Am St. Nimmerleinstag.

 

Über Milgram und Zimbardo habe ich zuletzt 2012 geschrieben, über Phineas Gage sogar erst vor eineinhalb Jahren. Aber wahrscheinlich haben es die meisten Leser längst vergessen und würden den Komplex “Willensfreiheit” lieber lesen als die “Schweiß”-Schoten. Wer weiß. Was meinen Sie?

Akut wichtigere Frage: Was kommt in die “Montagsthemen”? Über Schweinsteiger schreiben ja alle. Vielleicht von mir nur ein kurzer Anstuppser, dazu Lahms staatstragender Kommentar, dessen Engagement bei Bogner, abschweifend zu Barbie Henneberger? Die FR als Veh-Groupie? Meine ehrenvolle Erwähnung im kommunistischen “Gießener Echo” in Sachen FIFA? Die Idee, bei Randale ein Spiel abzuschenken? Mein Denkanstoß, dass Drehtechnik und Angleiten zwei verschiedene Disziplinen sind, wie auch Straddle und Flop? Sam und der Datenschutz? Die Universiade und die Azubis? Meine jeweils ersten “Schalker” Erwähnungen von Di Matteo und Breitenreiter gegenüberstellen?

Erste Idee dazu: Alles davon in die “Montagsthemen” stecken, jeweils ganz kurz, als ein buntes Kaleidoskop, ohne bemühte Übergänge. Also kein Konzept-Album, sondern eine LP mit unterschiedlichsten Singles? Mal schauen. Erst KKK.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle