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Montagsthemen (vom 6. Juli)

Da schwitzt man sich einen ab und wird nicht mal mit einem Hitzerekord belohnt. Welch eine Schweiß-Verschwendung in einer Zeit, für die nur Platz eins zählt.
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Tony Martin dürfte ähnlich denken. Selten fühlte sich ein Zweiter als derart fürchterlich enttäuschter erster Verlierer. Aber wer sich selbst so unter Druck setzt, dass ein einziger Tag über Wohl und Wehe der gesamten Saison entscheidet und nur der Sieg »Wohl« bedeutet, alles andere »Wehe«, der muss am eigenen Anspruch scheitern. Ich kenne das.
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Fünf Sekunden – Martin hätte sie eingespart, wäre er oder sein Rad drei Kilo leichter. Das jedenfalls wollen Sportmathematiker errechnet haben. Was Martin nicht viel hilft, denn die Regel schreibt ein Rad-Mindestgewicht von 6,8 Kilo vor, und an ihm selbst sähen drei Kilo weniger nach Bulimie im Endstadium aus.
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Überhaupt, das Gewicht. Bei Radprofis und auch für uns Hobby-Radler ein sehr gewichtiges Thema. Und je gewichtiger wir selbst sind, um so leidvoller erfahren wir die Agonie am Berg. Wie am Schnürchen ziehen die Federleichten an uns vorüber. Aber dann! Heissa, es geht abwärts, und unsere zwei Zentner fliegen an den Dünnbeinen vorbei.
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Laut Sportmathematik fährt man bergauf mit drei Kilogramm weniger etwa eine Minute pro 20 km schneller. Für uns eine läppische Minute, für Rad-Profis auf einer 200-Kilometer-Bergetappe der Unterschied zwischen Star und Wasserträger. Aber bei der Tour de France tritt seit Jan Ullrich niemand mit drei Kilo zuviel an. Nicht mal mit 300 Gramm.
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Armer Jan. Wie ungerecht die Zeit ihm mitspielt. Wäre er früher geboren, stünde er als mehrfacher Tour-Sieger und glorreicher Bezwinger von Hinault & Co. an vorderer Stelle der  Ruhmeshalle des Sports. Und heute wäre er ebenfalls weit vorn: als Sex-Symbol. Dafür müsste er gar nichts tun, sondern moppelig bleiben wie in seinen Frühjahrs-Zeiten, in denen halb Deutschland jedes Fettgrämmchen auf seinen Rippen missbilligend beäugte. Denn das Sex-Gebot der Stunde heißt »dad bod«. Kommt von »Dad« und »Body« und natürlich aus dem Internet. Die dort weltweit verbreitete Frage »Why girls love the dad bod« wird eiswürfelwellenartig mit Fotos beantwortet, auf denen Männer statt Waschbrett- stolz ihren Waschbärbauch zeigen, je adipöser desto … attraktiver?
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Diese Internet-Welle hält aber, wie so vieles dort, dem Alltagstest nicht stand, sondern schwappt in schamroten Schweißströmen aus, wenn der stolz präsentierte Schwabbelbauch im Schwimmbad vor dem höhnischen Gelächter in die Umkleidekabine flüchtet. Es sei denn, er springt vor Scham ins Becken – dann jubelt das Volk und verteilt Höchstnoten.
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Arschbombe. Im Sportneudeutsch »Splashdive«. In der Süddeutschen Zeitung gibt ein echter Weltmeister Tipps zur perfekten Arschbombe: »Der Klassiker nennt sich Anker: ein Bein gestreckt, eins angewinkelt. Der vordere gestreckte Fuß durchbricht die Wasseroberfläche, der angewinkelte, am besten flex gestellt, verbreitert die Körperfläche und macht die Fontäne.« – Wissen wir Arschbomber doch. Vor zehn Jahren schon habe ich an dieser Stelle die Wertungskriterien genannt: »Bonuspunkte gibt es für Lautstärke des Aufklatschens, Mächtigkeit der aufgewirbelten Wassermasse und für unbeteiligt wirkende Miene in der Flugphase.« Neu ist nur der Name, denn die Arschbomber gehen und springen mit der Zeit: »Wir hatten Probleme mit den Sponsoren, die die Kombination aus Arsch und Bombe schwierig fanden.«
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Das menschliche Gewicht wiegt schwer. Ungefähr so schwer wie das der Ameisen. Denn Insektenforscher verblüffen uns gerne mit der Schnake … nee, die können sie behalten und ausrotten … mit dem Schnack, dass alle lebenden Ameisen genauso viel wiegen wie alle Menschen zusammen. Und das, obwohl es keine Ameisen-Spezies mit Waschbärbauch gibt, sondern nur solche mit Wespentaille.
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Bleiben wir bei den Insekten. Glühwürmchen. In den letzten Tagen habe ich die ersten der Saison gesehen. Spötter, zu denen ich natürlich nicht gehöre, behaupten sogar, die deutschen Fußballerinnen seien mediale Glühwürmchen. Auf jeden Fall aber haben sie den unverwechselbaren Unterschied zwischen Männer- und Frauenfußball bewiesen: Deutschland verliert. Bei einer WM. Gegen England. Durch einen Elfmeter. Verwandelt. Von England. Sachen gibt’s.
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Die deutschen Tennisspieler waren ebenfalls nur Wimbledon-Glühwürmchen. Auch der tolle Typ Dustin Brown. Und sogar des unvergleichlichen Lionel Messis Licht leuchtet bei einem großen Finale wieder einmal nur flackernd und verglüht, weniger als Glüh- denn als Würmchen.
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Was bleibt? Die arschbombenartige Erinnerung an eine »Titanic«-Schlagzeile, als sich Helmut Kohl im Urlaub zu Wasser ließ: »Nach Arschbombe: Halb Italien überflutet!«
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Vor dem Verglühen, auf der Pressekonferenz nach der Nadal-Sensation, wurde Dustin Brown gefragt, warum er so anders sei. Die Frisur, die Art und überhaupt. Er antwortete: »Für mich ist das alles normal.« Und fügte ein Wort hinzu, dass alle  folgenden Niederlagen überstrahlen wird: »Warum seid IHR alle anders?« (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle