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Hymnisches (“Anstoß” vom 2. Juli)

Trotz allem waren die deutschen Frauen einfach besser. Als die Jungs. Im Singen der Hymne. Nun ist die deutsche verklungen, und es wird ein Weilchen dauern, bis sie im Sport wieder ertönt. Spätestens, hoffentlich, bei der Leichtathletik-WM.
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Aber auf dem Podest singen diese Lauf-, Sprung- und Wurf-Individualisten erst gar nicht mit. Das Höchste der nationalen Gefühle ist bei ihnen die stille Hand auf dem Herzen. Was auch Vorteile hat. Denn so mancher Fußball-Nationalspieler fürchtet bei Länderspielen nichts mehr als den Moment, wenn die Kamera während der Hymne seinen Mund fixiert und halb Deutschland genauestens kontrolliert, ob er lauthals mitsingt, verdruckst mitmurmelt oder verstockt die Lippen aufeinander presst.
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Außerdem markieren von »Brüh im Lichte« (Sarah Connor) bis »Mit Verglück und Unterstand« (der Tenor Luciano Rondine bei einem Basketball-DM-Finale) akustische Stolpersteine den Weg der deutschen Hymnengesänge durch die Sportzeiten. Weil der offizielle Text nach Besinnungsaufsatz-Thema klingt? Die eingängigere erste Strophe, zuletzt öffentlich 1954 im Berner Wankdorf-Stadion gesungen, wird heute nur noch in gewissen Hinterzimmern angestimmt.
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Kaum einer weiß, dass Haydn die Hymne nicht für alle Deutschen, sondern nur für einen einzigen Fußballer komponiert hat; denn im Original heißt es: »Gott erhalte Franz den Kaiser.« Dennoch sehr weise, dass wir das Textwerk von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben gewählt haben. Der Mann hatte ja noch ganz anderes im Angebot: »Alle Vögel sind schon da«, »Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald«, oder »Ein Männlein steht im Walde«. Ganz nett, als Hymne aber vielleicht etwas zu albern. Selbst für diese Kolumne.
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Unsere Hymne, korrektstrophig gesungen, ist eine angenehme deutsche Harmlosigkeitserklärung: »Einigkeit und Recht und Freiheit« – wer kann davor die Lippen verschließen? Aber was schmettern die Italiener? Selbst Balotelli stimmte kräftig ein: »Lasst uns die Reihen schließen, wir sind bereit zum Tod!« Schon fielen Löws damals noch besonders brave Bubis in Angststarre. Aber man stelle sich bloß vor, Deutsche sängen diesen Text!
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Oder den dänischen. Deren König Kristians »Schwert hämmert so fest, dass Helm und Hirn des Goten birst«. Immerhin nicht (mehr) Nationalhymne, sondern »nur« Königshaushymne. Der Gotenschädel ist mittlerweile zensiert.
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Es ist historisch mehrfach belegt, dass die Hymne wie Mental-Doping wirken kann. Als ein englischer Operntenor vor einem EM-Spiel Englands gegen Kroatien die kroatische Hymne sang, verwechselte er einen Buchstaben. Statt »Mila kuda si planina« (»Du weißt, mein Liebling, wie wir deine Berge lieben«) sang er »mila kura si planina«: »Meine Liebe, mein Penis ist ein Berg.« Mit dieser Gewissheit im Rücken … im Rücken? … im Herzen schwoll den Kroaten nicht nur, wie sonst im Fußball üblich, der Kamm, sondern … Sie wissen schon. England staunte und verlor.
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Apropos die Engländer. Auch mit ihren WM-Hymnen haben sie kein Glück. Wir zwar auch nicht (»Fußball ist unser Leben«), aber als einmal bekannt wurde, dass Phil Collins das englische Lied komponieren und singen wollte, startete der »New Musical Express«, das seit Beatles-Zeiten einflussreichste Pop-Magazin, eine Anti-Collins-Kampagne. Zehntausende Leser unterschrieben das Motto: »Verpiss dich, Phil, wir wollen einen anständigen WM-Song!«
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Wenn es um Phil Collins ging, rastete sogar der gerade tränenreich zurückgetretene und als untadeliger Sportsmann gerühmte Steven Gerrard aus. Im Streit mit einem Disc-Jockey (für Jüngere: »DJ« ist nur die Abkürzung für den altertümlichen »Platten-Reiter«) ging es um die Musik von Phil Collins, und Gerrard entschied den Zwist mit energischem Ellbogencheck für sich. Zunächst war ich ausnahmsweise geneigt, Gerrard mildernde Umstände einzuräumen. Aber dann erfuhr ich, dass er nicht wegen zu viel Collins ausgerastet war, sondern zuschlug, weil der Disc-Jockey sich weigerte, Platten des »Pop-Spießers« aufzulegen, diesen »bordürenbehangenen Konzeptrock für Klugscheißer mit langen Haaren« (»Stern«).
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Aber das nur am Rande. Zurück zu unserer Nationalhymne. Das verpönte »Deutschland, Deutschland über alles« klingt im Vergleich zu manch anderer Hymne, in der das Blut der Feinde in Strömen fließt, fast schon pazifistisch. »Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt«: nur Symbole ohne geografischen Anspruch. Wer weiß denn heute noch, wo sie überhaupt liegen, diese Berge? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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