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Montagsthemen (vom 29. Juni)

0:4 nach 46 Minuten – etwas muss man unseren Jungs ja lassen: Sie haben »brasilianischen Fußball« wirklich sehr modern interpretiert. Denn was früher mit Pele & Co gleichgesetzt wurde, steht heute für das 1:7 von Belo Horizonte. Dass gleichzeitig Brasilien auch bei der »Copa America« scheiterte, passt ins neue Bild.
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Klatsche für die Buben (die übrigens auch zuvor schon grottenschlecht gespielt hatten und dennoch inklusive Trainer absurd hochgelobt wurden), Begeisterung um die Mädels – da müsste man auch die alte Frage neu formulieren, und zwar so: Warum können Frauen Fußball spielen und Männer leider nicht? Na ja, vielleicht erübrigt sich das, wenn die Frage wieder rhetorisch gestellt wird: Wo steht der deutsche Frauenfußball? Da, wo er ein paar Tage lang hingepusht wird, oder dort, wo er ein paar Jahre lang wieder sein wird? Und wo ihn all jene sehen wollen, die den Sturm der Begeisterung in der inneren Emigration abwettern?
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Andere Frage: Die alten Hellenen haben uns aus den germanischen Wäldern in die Zivilisation geführt – treiben uns die neuen Griechen (die nichts mehr mit den alten zu tun haben, entgegen ihres Selbstverständnisses) zurück in die Steinzeit? Vermutung: Nein. Eher sich selbst. Aber das nur am Rande (des Abgrunds).
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Am Rande der Debatte um die Bundesjugendspiele erinnere ich mich an den jährlichen Einmarsch zu den Klängen des Radetzky-Marsches (ja, wirklich!), bei dem ich als trotziger Rebell demonstrativ taktlos mitschlurfte. Kern der Debatte aber: Sportlich anders Begabte würden durch diese Zwangsveranstaltung der Schmach und Schande ausgesetzt. Da ist zwar was dran, aber wenn man alles abschaffen würde, mit dem man sich blamieren kann, müsste man ja … alles abschaffen. Manche könnten meinen, zuallererst diese Kolumne.
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Auch wir Sportjungs, mit nichts als dem Sport (aktiv) und dem anderen Geschlecht (passiv) beschäftigt, haben uns natürlich bäuchehaltend amüsiert, wenn ein Mädchen mit absonderlichen Ausholbewegungen den Schlagball warf und dieser ein Meter vor ihm, fünf Meter seitlich oder gar – Wunder der Bewegungsgeschicklichkeit – zehn Meter hinter ihm landete. Die meisten Mädchen hatten zwar selbst ihren Spaß daran, aber wer den nicht hat, sollte nicht zwangsverpflichtet werden. Allerdings plädiere ich, wie immer, für die individuelle Lösung: Wie schnell kann ein Schnupfen oder akuter Fieberanfall die Teilnahme verhindern!
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Eine Leserin kam im häuslichen Gespräch »bei dieser Gelegenheit auf den Schlagballweitwurf zu sprechen, bei dem neun von zehn Frauen eine jämmerliche Figur abgeben (ich leider auch).« Sie fragt per Mail: »Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse,warum das so ist?«

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Im Prinzip ja. Aber ob sie überzeugen? Angeblich ist der Wurf an sich der größte messbare Unterschied zwischen Mann und Frau überhaupt (ich kenne da zwar einen kleinen größeren, aber, na ja). Wissenschaftler von der Deutschen Sporthochschule in Köln vermuten, neben der größeren männlichen Muskelmasse spielten die breiteren Hüften der Frauen eine Rolle, die als erotisches Signal dienten, bei der Wurfbewegung aber hinderlich seien. Mir fällt dagegen vor allem auf, dass rechtshändige Frauen oft nicht auf dem linken, sondern auf dem rechten Bein abwerfen – das garantiert überzwerche Wurfbewegungen.
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Abgesehen von diesem simplen Technikfehler überzeugt mich aber am meisten – ernsthaft! – ausgerechnet die feministische Philosophin Iris Marion Young. Sie argumentiert, das komische Werfen sei nur ein Symbol für das generell gehemmte Verhalten von Mädchen und Frauen. Vor allem Mädchen, die sehr darauf achten, wie sie auf andere als Mädchen wirkten, würfen besonders ungeschickt. Das sei zwar ein starkes Indiz für repressive Einflüsse, aber was Frau Young noch nicht wusste: Die wachsende weibliche Vorliebe für Ballspiele, insbesondere für den Fußball, habe schon, sagt die Wissenschaft, Veränderungen an den Körpern und in den Gehirnen hervorgebracht, so dass die Mädchen demnächst über die Jungs lächeln werden. Wie  jetzt schon DFB-Fußballerinnen über DFB-Bubis.
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Auch mir ist bewusst, dass ich meiner liebsten Zielgruppe in vielerlei Hinsicht deutlich unterlegen bin, sogar in einer vermeintlichen Spezialdisizplin. So bringt Barbara Tomsch (Reichelsheim) alles das, was ich wortreich und ungelenk über die »Europaspiele« gelästert habe, lakonisch auf den Punkt: »Baku: Hanebüchen trotz Hambüchen.«
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Zu schlechter Letzt noch einmal zu »meinen« Griechen, bei denen die Masse an der jahrzehntelangen oligarchigen Abzockerei leiden muss. In einem »Zeit«-Interview verrät ein Schweizer, der dem deutschen Fiskus eine CD mit Daten von Steuerhinterziehern verkauft hat, dass die 2700 von ihm geouteten Deutschen insgesamt so viel Schwarzgeld auf den Konten hatten wie die 200 Griechen, deren Namen er nicht preisgibt. Weil: Der griechische Staat hat keinen dringenden Kaufwunsch …
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Da bleibt mir nur noch mein Sprachkalender, der am Samstag punktgenau zum Brüsseler Knalleffekt die Aufgabe stellte, diese drei Ausdrücke zu übersetzen (ich schreibe sie in Lautschrift): Stin ygia su! Litses! Perastika!
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Lösung: Gesundheit! Gute Besserung! Zum Wohl! Falsch ist, hoffentlich, was Matthias Beltz, unser Hesse im Himmel, dazu sagt: »Gute Nacht Europa, wo immer du auch bist.« (gw)
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(www.anstoss-gw.de  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle