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Paul-Ulrich Lenz: Die Bischöfin

Sie haben vielleicht Probleme!
Die Bischöfin sollte mir lieber mal erklären, welcher tiefere Sinn im Leiden der Kreatur in der Tonne steckt. Oder, wie ich jetzt gerade gesehen habe, warum Gott heute nacht wieder tausende von mückenkleinen Minikröten aus dem Paradies (dem Teich) geschickt hat, um im rauen Leben zertreten und gefressen zu werden. Ich schätze, in diesen Tagen kommen an die hunderttausend Ex-Kaulquappen heraus, von denen vielleicht fünf oder sechs als Jungkröten nächstes Jahr in den Teich zurückkehren. Andererseits: Wenn alle hunderttausend zurück kämen, Jahr für Jahr, das wäre auch keine angenehme Vorstellung. Vanitas, Vanitas.
Ich fürchte, dass die Bischöfin mit ihren doch recht weichgespülten Botschaften  die falsche Adresse ist. Die gleiche Frage liegt Ihnen ja auch für den armen Franziskus auf der Zunge. Der muss ja für fast alles herhalten.
Ich versuche keine Antwort, schon gar keine Erklärung des Warum. Die Erklärung in den Spuren Darwins ist klar: Es geht um das Überleben der Art. Am Einzelschicksal besteht kein Interesse. Wie beim Fußball: Es ist die Mannschaft, auf die es ankommt. So hat man auch menschheitsgeschichtlich ziemlich lange gedacht: Das Volk ist alles. Unser Interesse am Individuum ist geschichtlich gesehen eher neu und weltweit betrachtet auch ein bisschen skurril. Andere Kulturen denken nicht daran, uns in dieser Betrachtungsweise zu folgen. Trotzdem ist sie nicht unberechtigt. Nur: Das Individuum  ihrer Mini-Kröten hat vermutlich kein Bewusstsein seiner selbst. Deshalb vielleicht auch keine andere Wahl.
Aber ich verfolge noch eine andere Spur: In dem alten Buch, auf das ich mein Denken zurückbeziehe, gibt es eine Zeit – vor dem Fall -, in der die Lebens-Räume und Ernährungsräume klar getrennt sind. Wer wo wohnt und wer was frisst. In dieser Zeit sind alle Geschöpfe übrigens Veganer. Erst durch den Fall kommt alles durcheinander. Die Schöpfung, die Trennung der Lebensräume, die Essgewohnheiten. Das ist die moderne Version der Klima-Forscher vorweggenommen: Das Chaos in unserer Welt ist vom Menschen verschuldet. Die Bibel sagt: Praktisch von Anfang an, seit wir diesseits von Eden sind. Mich wundert manchmal, dass die Christen das vergessen, was ihre Grund-Urkunde so sagt.
Und dann gibt es obendrein noch den heutzutage wenig beliebten und selten wirklich gelesenen Apostel Paulus. Der schreibt:  “Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung;denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.”(Römer 8, 19-22)

Ich erkläre mir selbst: Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem humanen Fortschritt, dass wir Menschen wirklich menschlich werden, und der Befreiung der Schöpfung und unserer Mitgeschöpfe. Es gibt eine Verpflichtung des Menschen seinen Mitgeschöpfen gegenüber. Sie warten darauf, harren, dass wir endlich werden, was wir von Anfang an sein sollen – Ebenbild Gottes, Imago dei. Menschen, die seinem Wesen entsprechen. Oskar Wilde dazu: “Solange es noch nicht gut ist, ist es noch nicht zu Ende.” Wir haben noch einige Schritte in die richtige Richtung zu tun.
Ein letztes – Kindertheologie aus dem vorvorigen Jahrhundert:   Weißt du wieviel Mücklein spielen in der hellen Sonnenglut? Wieviel Fischlein auch sich kühlen in der hellen Wasserflut? Gott, der Herr, rief sie mit Namen, daß sie all’ ins Leben kamen Daß sie nun so fröhlich sind.  Wilhelm Hey 1837
Das ist der Schluß a minore ad maiorem. Vom Kleineren auf das Größere. Wenn Gott schon die Mücken und ihre Kröten alle kennt, wie viel mehr achtet er dann auf seine Menschen. So denkt die Bibel. Denkt der Glaube. Und achtet deshalb das Millionengewürm der Insekten, Kröten etc.
So gehe ich mit der unbeantwortbaren Frage nach dem “Warum” um. Gott gibt uns da keine Auskunft. Und die Auskünfte, die wir uns selbst geben, zerbrechen an der Wirklichkeit.
Wahr ist: Das Leben ist nicht immer fair. Gott auch nicht. Deshalb kommen wir manchmal auf dem Weg ins Stolpern, weil uns etwas vor die Füße fällt. Unseren leichten Schritt durcheinander bringt. Das ist ja im Bild der Wortsinn des griechischen proballein, unseres Problems. (Paul-Ulrich Lenz, Pfr.i.R., Schotten)

Baumhausbeichte - Novelle