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Montagsthemen (vom 22. Juni)

In der Nacht zum Sonntag leuchteten auf den Bergen und auch in den Tälern rund um unsere hessischen Dörfer die Freudenfeuer auf. Sie feierten nicht das 4:1 der deutschen WM-Frauen, auch nicht das 3:0 der deutschen EM-Jungs, sondern die Mittsommernacht. Schöner, alter germanischer Brauch, bevorzugt abgefackelt auf ehemaligen Thing-Stätten unserer Vorväter. Dort waren »aller guten Thinge« drei, weil beim »Thing«, der Rats- und Rechtsversammlung der Germanen, ein Angeklagter erst beim dritten Thing persönlich erscheinen musste.
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Auch bei den »missed tests« sind aller guten Dinge drei. Mo Farah ist zwar recht offensichtlich kein alter Germane, doch deren Bräuche scheinen ihm zu gefallen. Jedenfalls ließ er es vor seinem doppelten Londoner Olympia-Triumph nicht zum dritten dicken Ding kommen, weil er nur zwei Mal das einstündige Klingeln des Kontrolleurs an der Haustür überhörte. Fast möchte man ihm die partielle Taubheit glauben, denn sein Trainer Alberto Salazar, Kopf des ominösen Nike-Oregon-Projekts, soll schließlich am eigenen (15-jährigen!) Sohn die Mikro-Dosierungen getestet haben, die des Nachts ihre Wirkung entfalten und des Morgens erlauben, schon beim ersten Klingeln zu öffnen.
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Ein »missed test« ist zwar auch ein Mist-Test, heißt aber so, wenn ein Sportler vom Kontrolleur nicht angetroffen wird. Bei Mo Farah hätte der dritte »missed test« Sperre und statt Weltruhm Weltverachtung bedeutet. Denn beim dritten vergeblichen Klingeln rappelt es im Karton, aber immerhin zwei Mal die Klingel nicht hören zu müssen, das sind ideale Voraussetzungen zur Planung der »Leistungsoptimierung«. Ein deutscher Diskusheld (nicht Harting) hatte es ja sogar geschafft, fünf Mal die Klingel nicht hören zu müssen (damals gab es die Dreier-Sperrklausel noch nicht).
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Da selbst Hartgesottene nicht das ganze Jahr über dopen, sondern nur zwei-, dreimal in zwei- bis dreiwöchigen »Kuren«, ist leicht auszurechnen, dass niemand Angst vor dem Auffliegen haben muss: Wer das Pech hat, ausgerechnet in einer »Kur«-Phase kontrolliert zu werden, überhört das Klingeln, wird aber in den Phasen seiner Doping-Abstinenz um so lauter nach Kontrollen verlangen: Seht her, ich bin sauber!
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Aber vielleicht wird jetzt ja alles besser, denn der Papst persönlich greift auch im Sport ein. Von seiner Thing-Stätte aus verurteilt er nicht nur die globale Umwelt-Sünderei (Enzyklika »Laudato si«), sondern auch die »falsche Kultur« im Sport mit seiner Profit-, Erfolgs- und Dopingsucht. Sein Ideal sind die Amateure, die den Sport nur des Sports willen betreiben. Avanti Dilettanti (ital. Amateure)!
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Der Papst hat gut reden. Ich würde von ihm viel lieber wissen, warum sein Vorgesetzter gestern Nacht wieder tausende von mückenkleinen Minikröten aus ihrem Paradies (= Gartenteich) geschickt hat, um im rauen Leben zertreten und gefressen zu werden. Ich schätze, in diesen Tagen kommen an die hunderttausend Ex-Kaulquappen heraus, von denen vielleicht fünf oder sechs als Jungkröten nächstes Jahr in den Teich zurückkehren. Andererseits: Wenn alle hunderttausend zurück kämen, Jahr für Jahr, das wäre auch keine angenehme Vorstellung. Vanitas, Vanitas.
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Vanitas? Was ist das? Wahn ist das, denn das ist das: Nichtigkeit, Vergeblichkeit. Das schwäbisch-englische Vanitas-Synonym von Wolfgang Schäuble in Sachen Griechenland: »Isch over.« Mit schwäbischem »ist« und nicht hessischem »ich«.
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Apropos: Als ausgewiesener Hellas-Freund wusste ich schon immer, dass die Griechen cleverer sind als wir: Seit Wochen heben die Darbenden Tag für Tag eine Milliarde Euro von ihren Konten ab, also in etwa genauso viel, wie EZB & Co. umgerechnet seit Jahren Tag für Tag dorthin überweisen. Geniales Nullsummenspiel. Nicht umsonst gilt Varoufakis als große Nummer der ökonomischen Spieltheorie. Aber das nur am populistischen Rande. Ist ja alles viel komplizierter.
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Vanitas! Gegen die Vergeblichkeit allen Seins kämpft auch Maradona … nein, der auch, aber gemeint ist: … Madonna vergeblich an. Nun will sie sich, der Vergänglichkeit vergebens trotzend, sogar im Buch der Rekorde verewigen, denn in einer Agenturmeldung lese ich verblüfft: »Im neuen Musikvideo trägt Madonna 56 pinke Schlüpfer.«
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Erst beim zweiten Lesen fällt mir das übersehene Wörtchen auf: Sie trägt nicht 56, sondern mit 56 pinke Schlüpfer. Mit 56? Tatsächlich? Erst? Sie sieht doch viel älter aus.
Kolumne isch over.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de    gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle