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Sport-Stammtisch (vom 20. Juni)

Dass die Ohne weitere Worte-Kolumne die liebste ihres Schreibers ist, liegt auch am Rumpelstilzchen-Effekt: Ach wie gut, dass niemand weiß, ob die zitierten Meinungen auch die meinen sind. Diesmal mache ich eine Ausnahme, aus aktuellem Anlass: Frauenfußball. Schon das Wort löst Reaktionen aus: Die einen lachen geringschätzig, die anderen preisen diesen Sport überschwänglich. Erstes OWW-Zitat dazu vom Dienstag aus einem Spiegel-Interview mit dem Schriftsteller Helmut Böttiger: »Es gehört eindeutig zur Political Correctness, betonen zu müssen, wie toll Frauen Fußball spielen können. Und die Steigerung von Political Correctness ist die Gender-Correctness.«
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Da stimme ich zu. Hundertprozentig. Zugabe: Spiegel: »Sie betrachten Fußballmannschaften wie Kunstwerke. An was denken Sie da bei Frauenfußball? – Böttiger: »Sten Nadolny, ›Die Entdeckung der Langsamkeit.‹« – Ein Brüller! Da bebt der Stammtisch und lacht sich kaputt. Aber nicht mein Sport-Stammtisch. Denn sportlich dümmer geht’s nimmer. Ich erlaube mir zwar die persönliche Vorliebe für anderen Frauensport wie Leichtathletik, Volleyball oder Tennis, aber sportlich steht der Frauenfußball gleichberechtigt daneben. Die »Langsamkeit« zu verspotten, garantiert an anderen Stammtischen zwar Schenkelklatschen, bei mir aber nur Stirntippen: Ihr spinnt doch! Habt ihr Steffi Graf wegen ihrer im Männervergleich schwachen Vorhand verhöhnt? Lacht ihr euch schlapp, weil ihr die Zeiten unseres hessischen Sprint-Supertalents Lisa Mayer mit denen von Usain Bolt vergleicht?
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Es gibt Sportarten, in denen Männer und Frauen chancengleich gemeinsam wettkämpfen (Reiten!), und solche, in denen aus geschlechtsbedingten Gründen getrennt gewertet werden muss – und nicht verglichen werden darf. Wer es dennoch tut, ist in der Regel (interessante Gemeinsamkeit!) verhöhnender Macho oder überhöhender PC- und GC-Feminist. Aber kein echter Sportler.
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Am Frauenfußball stört mich nur, dass er allem anderen Frauensport extrem und absurd übergeordnet wird. Das ist im Männerfußball zwar ähnlich, doch hier halten sich wenigstens Publikumsinteresse und mediale Präsenz die Waage. Das Hochpushen rächt sich, wenn das Mindestziel nicht erreicht wird. Das heißt immer: Finalsieg. Dass die übergroßen Erwartungen auf dem Weg dahin Kopf und Beine lähmen können, macht Frauen- und Männerfußball dann doch wieder vergleichbar, denn es gilt auch für die hochgepushten U21-Erwartungen: Vae victis!
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Noch hochgepushter (das Wort dürfte Freunden der deutschen Sprache ausnehmend gut gefallen) werden nur die Dingsbums-Spiele von Baku. Der Sport-Informationsdienst bringt es sogar fertig, täglich den gewaltigen Medaillenspiegel zu veröffentlichen. Zwischenstand nach 87 von 253 Wettbewerben: Ukraine Neunter, Spanien 19., Armenien 29. Wer führt? Wo steht Deutschland? Wer ist Letzter? – Interessiert Sie das wirklich? Na also.
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Noch ein Wort, nein, zwei Worte zum Fußball: Armin Veh muss in Frankfurt beweisen, dass er kein Blender ist, wie Kritiker behaupten, sondern die Substanz hat, die seine Befürworter in ihm erkennen wollen. Von Veh wird nichts weniger erwartet als ein etwas besserer Tabellenplatz und viel attraktiverer Fußball als unter seinem Vorgänger und Nachfolger. Ein paar Zeilen weiter oben habe ich das bildungshuberische »vae victis« (Wehe den Besiegten) nur zitiert, um damit jetzt die vielen zirkulierenden Veh-Namenskalauer zu erweitern. Veh victis!
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Zweites Wort, etwas kürzer: Breitenreiter und Schalke, das passt. Vermutung: Schalke wird jener Klub der Saison, der zuletzt Gladbach und davor der BVB war. Knoten ins Taschentuch. Bei Gelegenheit werde ich als Prophet wieder auftauchen – oder zur Belustigung freigegeben.

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In den USA ist eine Uni-Dozentin jetzt schon zur Belustigung freigegeben, die jahrelang an vorderer Stelle gegen Rassendiskriminierung gekämpft und sich dabei als Schwarze ausgegeben hat, obwohl sie auf Kinderfotos meine kleine Schwester sein könnte (also leider wie ich idealtypisch arisch wirkt). Ihre Verwandlung (viel großrahmiger Schmuck, Kraushaare, dunkler Teint) ähnelt der von Bruce in Caitlyn Jenner und wird auch entsprechend kommentiert (»Warum darf man das Geschlecht wechseln und nicht die Rasse?«/Welt).
Was aber niemanden zu stören scheint: Ob jemand keinen oder einen Tropfen schwarzen Blutes in sich hat, nehmen üble Rassisten und beseelte Anti-Rassisten offenbar gleichermaßen wichtig, obwohl es so viel bedeutet wie ein Tropfen im Ozean.
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Ich erspare mir Belustigung, denn dahinter scheint ein tragischer Fall zu stecken. Die weiße Schwarze hat es wahrscheinlich nur gut gemeint, wie es auch, um es auf den Sport runterzubrechen, die politisch korrekten Frauenfußball-Hochpusher nur gut meinen. Aber gut gemeint ist nicht … Sie wissen schon. Um es noch weiter runterzubrechen, direkt ins mittelhessische Herz hinein: Ein/e Verliebte/r hat es besonders gut gemeint und in Reiskirchen einer Eberesche die Rinde bis auf drei Meter Höhe abgeschält, um ein großes Herz und »Love« einzuritzen. Der Baum wird eingehen. Hoffentlich kommt wenigstens die Liebe auf einen grünen Zweig.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle