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Rück-Blog (vom 18. Juni)

Im Internet begleitet und ergänzt der Blog »Sport, Gott & die Welt« die »Anstoß«-Kolumnen von »gw«. In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen wir im »Rück-Blog« kurze Auszüge. Wer mehr davon mag – bitte reinklicken.
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Ungetwittert (neue Mini-Rubrik im Blog), 20. April: Was hat Depression mit aggressiver narzisstischer Kränkung zu tun? Wie geht es Depressionskranken, die jetzt als potenzielle Massenmörder gelten? Was sagen 149 Kerzen zu der 150.?
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Freitag, 24. April: Gießens Wiederaufstieg. Als ich 1972 von Heidelberg zurück nach Gießen kam, »sozialisiert« von den USC-Basketballern, hatte ich als Volontär einen meiner ersten Termine bei einem Freundschaftsspiel des MTV 1846, und in meiner leichtathletischen Ignoranz schrieb ich u.a., das Spiel schleppe sich dahin wie der alternde Ron Davis über das Parkett. Prima Einstand, zumal Davis der absolute Gießener Publikumsliebling war. Man hat es mir erst sehr, dann gar nicht mehr übel genommen, auch weil ich langsam in die MTV-Familie hineinwuchs, in der Osthalle fast täglich gleichzeitig mit den MTV-Basketballern trainierte und ab und zu auch einmal im Spiel Eins gegen Eins einen aus dem Erstliga-Kader schlagen konnte.
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Sonntag, 26. April: Verantwortlich sind wir, stellvertretend für Europa, für massenhaft Tote im Mittelmeer. Aber nicht, weil wir … ach, nein, selbst im Blog scheue ich davor zurück, meine schlimme Vermutung in Worte zu fassen. Würde unmenschlich wirken, wie eine mathematische Gleichung: Mehr Gerettete heute = mehr Tote morgen.

Ungetwittert: Sind die Australier Unmenschen? Oder retten sie vor ihrer Küste mehr Menschenleben als wir vor Lampedusa?
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Sonntag, 3. Mai: »Spiegel«-Interview mit Johannes B. Kerner. Warum wirkt er im Fernsehen so unerträglich?  Früher habe ich manchmal den schwachen Gag gemacht, er sei nett, so nett, sooo nett, so furchtbar nett, so furchtbar. Aber ich glaube, er ist kein bisschen furchtbar, aber wirklich sehr nett. Übrigens auch in Fußball-Fachdiskussionen, und nicht nur das, sondern auch kompetent. Aber als Moderator … soo furchtbar nett.
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Sonntag, 10. Mai: Ich gebrauche das Wort »Diskriminierung« selten bis nie, aber hier ist es angebracht: Den Massenmord mit einer Depression des Täters zu begründen und zu »verstehen«, das ist eine Diskriminierung aller, die an einer echten Depression leiden.
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Samstag, 30. Mai: Bahnreise. Zwischen Nürnberg und München 300 km/h. Ich bin leicht beeindruckt. Ein Welterfahrener trumpft lässig auf: »In Japan waren es 600 km/h.« So einen gibt es immer. / U-Bahnhof in München. Ein altes, ein sehr altes Paar, krokodilige Haut, braungebrannt, stark tätowiert, fast nackt. Beide (auch er) haben nur einen knappen gelben Bikini an. Als wäre es ihre selbstverständliche Reisekleidung.
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Dreitägige Radtour am Main mit den beiden alten Klassenkameraden, die nicht ganz so alte Blogleser schon von ähnlichen Touren kennen. Klar, dass wir abends bei Speis und Trank alle ungelösten Probleme der Welt gelöst haben.
Alte Klassenkameraden: Vor 49 Jahren zusammen Abitur gemacht. Nächstes Jahr Jubiläum. War doch erst gestern, oder?
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Sonntag, 31. Mai: Zur Belohnung für konzentriertes Schreiben gönne ich mir ein paar Mal hintereinander das erste Tor von Messi im spanischen Pokalfinale (siehe youtube). Es wäre unglaublich, hätte man nicht von Messi schon so viel Unglaubliches gesehen. Es fällt mir schwer zuzugeben, aber dagegen wirkt sogar das legendäre Tor »meines« Jay-Jay Okocha wie eine übermütig harmlose Spielerei.
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Ungetwittert (6. Juni): Wir leben in zwei Zeitaltern gleichzeitig, dem der Völkerwanderung und dem der Dekadenz. Das eine wird das andere beenden.
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Samstag, 6. Juni: Mit dem Rad unterwegs. Abfahrt, 50 km/h, plötzlich krach, knirsch, peng, mein Hintern fällt scheinbar ins Bodenlose, das Rad schlingert, ich kriege es nur mühsam in den Griff. Sattel ist weg. Liegt hundert Meter weiter hinten. Weggesprengt wie ein Schleudersitz. Das Sattelrohr steckt noch. Wäre ich draufgefallen, hätte ich den Ersthelfern ein interessantes Bild geboten: Alter Mann liegt schwer verletzt im Gebüsch, im Hintern steckt ein 30 cm langes Stahlrohr.
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Sonntag, 14. Juni: Deutsche Meisterschaften U23 im Wetzlarer Stadion, »meinem« alten Stadion. Das erste Training, der erste Wettkampf, die ersten Erfolge – alles hier erlebt. Jahrelange Sommer-Regelmäßigkeit von Schule – Mittagessen – schnell ins Schwimmbad und um fünf ins  Stadion, immer als erster, in der Hoffnung, dass mich Frau Pfannekuche (hieß sie wirklich so?) schon reinlässt.
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Ein alter Wurfkollege  erzählt, wie ihn ein höchstrangiger DLV-Funktionär (Arzt und Professor) bedrängte, der ihm unbedingt persönlich Anabolika-Depotspritzen setzen wollte, gleichzeitig aber im Fernsehen als aufrichtig empörter Dopinggegner auftrat. So ist’s gewesen. Ob’s noch so ist? Ich weiß es nicht.
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Ungetwittert (14. Juni): Ich will mich nicht mehr für alles interessieren. Je älter ich werde, desto mehr Meinungslosigkeit gönne ich mir. Luxus der späten Jahre. Es bleibt genug Meinungswilliges übrig. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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