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Sonntag, 14. Juni, 6.30 Uhr

Deutsche Meisterschaften U23 im Wetzlarer Stadion, “meinem” alten Stadion. Auf der Fahrt wächst tatsächlich die Nervosität wie früher vor einem größeren Wettkampf. Die typische hilflose, ziellose Aufgeregtheit, die fast immer mit zielgerichtetem Versagen endet. Diesmal koste ich es aus, dieses schlimme Gefühl, dieses Wissen vom bevorstehenden Desaster. Im Stadion kann ich nicht mehr versagen.

In meinem alten Reich angekommen, verfliegt die aus rudimentären Innereien gespeiste Aufregung. Ich spüre: Mit all dem hier habe ich nichts mehr zu tun. Das erste Training, der erste Wettkampf, der erste hessische Jugendtitel, später die Bestleistung – alles hier erlebt, vor allem aber die jahrelange Sommer-Regelmäßigkeit von Schule – Mittagessen – schnell ins Schwimmbad und um fünf ins Stadion, immer als erster, in der Hoffnung, dass mich Frau Pfannekuche (hieß sie wirklich so?) schon reinlässt.

Heute ist alles anders, und ich fremdele. Überhaupt, U23: Zu meiner Zeit gab es Schüler (bis 14), B-Jugend (15-16), A-Jugend (17-18) und eine recht unwesentliche Juniorenklasse (bis 21), als kleine Schutzzone im Aktiven-Alter, das mit 18 begann. Heute gibt es inflationäre “U”-Klassen, fast jeder Jahrgang hat seine eigene Weltmeisterschaft, und die Schutzzone ist bis auf 23 Jahre ausgeweitet. 23 Jahre – da beginnt beim Turnen der “Frauen” fast schon die Altseniorenklasse, und selbst im Fußball gelten 22, 23 Jahre nicht mehr als Blütezeit, sondern schon als Zeit der reifsten Leistungsfähigkeit.

Die Zuschauer in Wetzlar, gar nicht so wenige, scheinen aber überwiegend aus dem Umkreis der Aktiven zu kommen: Eltern, Betreuer, Teilnehmer, die nicht dran sind, Trainer, die Talente sichten, eingesprenkelt einige Weißköpfe auf Nostalgiekurs. Eintritt für beide Tage: acht Euro. Viele gute Leistungen, aber für fernsehgewohnte Eventgucker, zumal ohne leichtathletischen Hintergrund, recht langweilig. Zwischendurch viertelstundenlanges Garnichts. Andererseits auch wieder angenehm, dass außer ein paar übereifrigen Ansagen und Dauermusikberieselung wenig von der nervigen Attraktivitäts-Ranschmeißerei zu spüren ist.

Ein alter Wurfkollege erzählt, wie ihm ein (längst verstorbener) höchstrangiger Funktionär (und Arzt) bedrängte, der ihm unbedingt persönlich Anabolika-Depotspritzen setzen wollte, gleichzeitig aber im Fernsehen als aufrichtig empörter Dopinggegner auftrat. So ist’s gewesen. Ob’s noch so ist? Ich weiß es nicht.

Ich fahre nach Hause. Mit gemischten Gefühlen. Einiges wurde aufgewühlt, das für immer verborgen schien. Muss ich nicht wiederholen. Immerhin fehlt, nach der Hinfahrt-Nervosität,  jetzt das ebenso gewohnt desaströse Gefühl der grenzenlosen Enttäuschung nach dem Scheitern am eigenen überzogenen Anspruch.

Ein Sonntagmorgenblog ohne Stein(es)bruch für die “Montagsthemen”? Gibraltar? Mehr als am Samstag dazu sollte, will ich nicht schreiben. Ansonsten noch wenig, nein keine Inspiration. Opfer der zwiespältigen Nostalgie. Aber vielleicht übernehme ich U23-Bruchstücke. Mal sehen. Jetzt erst KKK, dann FAS, SZ. Bis dann.

 

Baumhausbeichte - Novelle