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Montagsthemen (vom 15. Juni)

Was bleibt? Löw hat die Haare und macht die Nägel schön. Erst feilt er sie auf der Bank, dann seine Jungs in der Kabine. Zuvor eingerissen (Nagel, Schlendrian), danach picobello.

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Ein Götze hat’s nicht leicht. Das WM-Tor und das Pomadige, das Wurschtige und das Genialische – dazwischen irrlichtern er und seine mediale Bewertung. Aber alleine der klitzekleine Moment, als er im Strafraum den Ball streichelte, lässt jedem Freund sportlichen Bewegungsgeschicks das Herz aufgehen.

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Gündogan musste gehen, als es bei ihm zu laufen begann. Er müsste auch in Dortmund gehen, selbst wenn er nicht wollte. Freundin Sila Sahin: »Ich würde überall mit Ilkay hinziehen. Wer aus dem schönen Berlin nach Dortmund zieht, geht überall hin.« Der Satz stand in »In«, zitiert hat ihn die »FAS«, notiert jeder BVB-Fan.

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So etwas würden sie allenfalls Klopps Frau durchgehen lassen, wenn ER denn bliebe. Nun hat Schalke einen kleinen Klopp. Breitenreiter – wahrscheinlich die beste Antwort, die der bisher rat- und glücklose Heldt auf die ihn überfordernden Fragen gefunden hat. Schalke ein neuer BVB? Der Fan wüsste gar nicht, ob er sich vor Grausen oder vor Entzücken winden sollte.

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Die Frankfurter Eintracht findet nicht den großen Klopp, auch keinen kleinen, sondern den alten Veh. Dazu Steubing und Hellmann als neue Bosse und Bruchhagen als »lame duck« im Austragshäuserl (oder heißt es in Hessen »Wasserhäuschen«?) – das riecht nach neuem Leben in Frankfurt.

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Für Jüngere: Der Satz mit »Leben« ist »rainer« Jux (Im Zweifel bitte nachgoogeln). Jedenfalls aber hat die »FR« sicher recht, wenn sie beschreibt, »wie Aufsichtsratschef Wolfgang Steubing die Eintracht umkrempeln will« und den Artikel unter die Überschrift stellt: »Mehr Wind, mehr Bewegung«. Goethe wollte zuletzt mehr Licht, Frankfurt will mehr Wind, aber ob Licht oder Wind, wichtig is’ auf’m (zuletzt unbefriedigenden Tabellen-)Platz. Und dieser Platz vereint Windmacher und Lichtsucher, denn Goethes letzte Worte lauteten im hessischen Original: »Mer liescht … hier so schlecht.«

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Au Backe. Baku: Die Eröffnungsfeier des NSE (No Sense Event) kostet 100 Millionen Manat. Das sind keine aserbaidschanischen Drachmen, sondern umgerechnet fast Euros. Das Brimborium war mehr als doppelt so teuer wie die olympische Eröffnungsfeier in London. Stargast in Baku, nomen est omen: Lady Gaga.

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Die Turner nutzen Baku als Experimentierfeld nach dem olympischen Motto citius – altius – fortius, das aber nicht mehr »schneller – höher – stärker« bedeutet, sondern: »Schneller – kürzer: Äktschn!« Baku-Kontrastprogramm: U23-DM in Wetzlar. Die Zuschauer scheinen überwiegend aus dem Umkreis der Nachwuchs-Leichtathleten zu kommen: Eltern, Betreuer, Trainer, eingesprenkelt einige Weißköpfe (wie ich) auf Nostalgiekurs. Viele gute Leistungen, aber für fernsehgewohnte Eventgucker ohne leichtathletischen Hintergrund recht langweilig. Zwischendurch viertelstundenlanges Garnichts. Andererseits aber auch angenehm, dass wenig von nerviger Attraktivitäts-Ranschmeißerei zu spüren ist.

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U 23 – da beginnt im Turnen  schon die weibliche Altseniorenklasse, und selbst im Fußball gelten 22, 23 Jahre nicht mehr als Blütezeit, sondern schon als Zeit reifster Leistungsfähigkeit. Und danach? Viele wissen nicht, was auf sie zukommt. Inaki Urdangarin ahnt es. Dem Ex-Handballprofi, der in Spaniens  Königsfamilie eingeheiratet hat, drohen wegen Geldwäsche und anderen unschönen Dingen 17 Jahre Haft. Zukunftsplanung leicht gemacht. Dass er zusammen mit seiner Frau und Königs-Schwester Cristina auch den Herzogs-Titel verlor, wiegt für Bunte-Blätter-Leserinnen fast noch schwerer.

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Wenn wir schon bei bunten Blättern sind: Bruce »Call me Caitlyn« Jenner trendsettet auf dem weltweiten Boulevard-Markt einen neuen Geschlechtsbegriff. Was im Einzelfall tragisch und anrühend ist (der Sport kennt einige umgekehrte Fälle), hinterlässt im Kardashian-Suppenoper-Umfeld ein zwiespältiges Gefühl. Und bei mir ein eindeutiges, wenn mich ein Altersgenosse in neckischer Pin-up-Girl-Pose auf dem Hochglanz-Titelblatt verführerisch anlächelt. Ich vermute fast, dass mein Gefühl diesmal auch dem vieler Feministinnen gleicht.

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Bruce/Caitlyn sieht mit seinen/ihren 65 Jahren auf dem »Vanity Fair«-Titel aus wie 30 oder 40, also in etwa so alt wie Margot Käßmann in »chrismon«, einer meiner Lieblingszeitschriften. Dort schreibt die BischöfIn energisch gegen den Jugendlichkeitswahn an, gegen die Plastik-OP-Mode, wobei ich sogar neue Erkenntnisse gewinne, denn sie erwähnt ein für mich neues Wort: »Vaginalstraffung.« Was es alles gibt! Aber das nur am Rande. Apart, dass Margot Käßmann (57) auf dem »chrismon«-Bild »keine Schlupflider, kein einziges Fältchen oder graues Härchen« hat, wie die »FAS« feststellt und von der Redaktion erfährt, die »Visagistin habe beim Shooting wohl etwas übertrieben«, auch Fotoshop sei »minimal verwendet« worden, aber das Bild sei »nur zwei oder drei Jahre alt«. – Schon greife ich zum Kübel Spott und Hohn … und kippe ihn über mich selbst aus: Die Visage oben kommt zwar ohne Visagistin und Fotoshop aus, ist aber schon sechs oder sieben Jahre alt. (Anm. für Nur-Online-Leser: Über den Zeitungskolumnen prangt immer ein Bild des Autors) (gw) * (www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle