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Sport-Stammtisch (vom 13. Juni)

Gibraltar! Wie hoch? Das ist keine überhebliche, sondern die einzig angemessene Frage. Wäre der Fußball mit normalen sportlichen Maßstäben zu messen, ginge es heute 5:0 aus, plus/minus zwei Törchen, bei maximal einem Zufalls-Gegentreffer. Das ist aber kein Ergebnis-Tipp, denn: siehe »normale Maßstäbe«.
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Warum können Fußball-»Zwerge« in DFB-Pokal oder EM-Qualifikation über sich hinaus wachsen? Verliert etwa ein Basketball- oder Handball-Spitzenklub in der ersten Pokalrunde bei einem Viertligisten? Ist ein Freizeitläufer im direkten Duell so schnell wie ein Weltklassesprinter? Unvorstellbar. Im Fußball möglich. Wie isses bloß …? Auf diese Frage (der Mutter in Kempowskis »Tadellöser & Wolff«, erinnern Sie sich?) kennt der Hesse nur eine Antwort: Mer waas es ned. Daher muss der Einstieg in diese Kolumne geändert werden: Gibraltar? Vorsicht! Auch Zwerge haben klein angefangen.
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Den Satz kennt man doch … aber woher?  Ich schaue nach. Moment bitte … Danke, Smartphone: »Auch Zwerge haben klein angefangen«, ein Film von Werner Herzog aus dem Jahr 1970 mit ausschließlich kleinwüchsigen Schauspielern. Und die sind in der Tat gefährlich: Aufständische Zwerge schlagen wild um sich, fesseln einen Affen ans Kreuz, benutzen Hühner als Wurfgeschosse und reiten auf einem toten Schwein, an dem Ferkelchen noch zu saugen versucht hatten. – Ekelhaft. Smartphone zu. Herzog war ja auch von Klaus Kinski fasziniert. Kein Wunder.
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Im Vergleich  dazu wirkt  der Sport trotz Blatter, FIFA, Bestechung, Doping & Co. wie eine echte Wohlfühloase. Apropos: Die FIFA-Potentaten, die physiognomisch wie Karikaturen von Mafiosi wirken, haben keinerlei Mitleid verdient. Aber mit welchem Recht nehmen die USA das Heft in die Hand?
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In diesem Zusammenhang: Lance Armstrong droht eine 100-Millionen-Strafe. Er drückt auf die Tränendrüse: »So viel Geld habe ich nicht.« Oooch! Armer Lance! Vielleicht tröstet ihn: Ich auch nicht. Ernsthaft: Falls Armstrong zahlen muss, bekommt Floyd Landis nach US-Recht als Kronzeuge ein Drittel der Summe. 33 Millionen! Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
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Zurück zur sportlichen Zwergen-Frage: Die latente Sensationsmöglichkeit liegt nicht an Fußball-Eigentümlichkeiten, denn bei den Frauen gilt die übliche Sportregel (siehe auch das 10:0 gegen die Elfenbeinküste). Es muss also etwas mit speziell männlichem Verhalten zu tun haben. Die Kicker haben ja auch beim Rotzen und Schauspielern sonderbare Alleinstellungsmerkmale.
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Bei Armin Veh kämen sie nicht einmal durch die Hundetür ins Haus. Besonders investigative »Stammtisch«-Recherche vor zwei Jahren: Veh hat in seinem Wohnort bei Augsburg eine Mauer bauen lassen, die massiv, klotzig und vier Meter hoch (!) sein Grundstück begrenzt. Die – schon »Berliner« genannte – Mauer erregte in und um Augsburg herum die Gemüter, das Landratsamt verfügte sogar zwischenzeitlich einen Baustopp.
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Mittlerweile ist das Haus fertig, Veh öffnete der »Zeit« die Türen, und wir blicken hinein: »Ein gleißend heller Bauhaus-Kubus, viel Weiß, viel Glas, viel Kies, viel Architekten-Ambition« – und die Tür, an die der »Zeit«-Interviewer klopft, hat keine Klingel. Dann guckt Veh um die Ecke: »Hallo? Sie stehen an der Tür für den Hund.« – »Für den Hund?« – »Ja, dahinter ist eine Dusche. Sonst bringt der so viel Dreck mit rein.« – Übrigens hat Veh in einem Container eine komplette Wohnungseinrichtung gelagert. Nicht, weil es ihm im Glas-Beton-Palast zu ungemütlich wäre, sondern für den beruflichen Fall der Fälle. Der Container – demnächst wieder in diesem, dem Frankfurter Theater?
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Viel Theater auch um die Europaspiele in Baku. Allgemeine Kritik: Sie sollten nicht in diesem Land stattfinden. Ich verkürze die Kritik: Sie sollten nicht stattfinden. Nirgendwo. Da überflüssig. Sie werden sowieso keine lange Lebensdauer haben. Ähnliche zum Scheitern verurteilte Versuche gab es schon mehrmals. Zum Beispiel Goodwill-Games. Die was? Siehste.
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Und da wäre noch meine Alters-Kohorte, in der ich eine merkwürdige Beobachtung gemacht habe. Immer öfter sehe ich in Feld und Wald eine neue Gymastikübung von Joggern und Stockgängern: Setzen sich auf den Boden und stehen schnell wieder auf, als hätte ihnen ein ganzer Ameisenstaat in den Popo gebissen. Ich wunderte mich – bis ich vom neuen Muskel-Indikator für die Lebenserwartung las. Je schneller man vom Boden aufstehen kann, desto älter werde man. Ebenfalls ein Indiz: »Je schwächer der Händedruck, desto höher das Risiko, bald zu sterben.« (»Spiegel«)
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Höchst interessante wissenschaftliche Erkenntnis. Man hat sie auch schon an Menschen überprüft, die gar nicht mehr vom Boden aufstehen und auf Händedruck überhaupt nicht reagieren. Lebenserwartung: null Tage! Kein Wunder, dass Schnellaufstehen und festes Händedrücken schon zum Kanon der Fitnessübungen gehören. Ich stehe jetzt jedenfalls vom Schreibtisch auf und reiche Ihnen die Hand zum Lebenserwartungs-Test … aua! Nicht so feste! Das tut doch weh! (gw)
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(www.anstoss-gw.de  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle