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35 – 25 – 15 – 5 (“Anstoß” vom 11. Juni)

Vor 35, 25, 15 und vor fünf Jahren jeweils im Frühsommer: Kleine Texte in »gw«-Kolumnen, die heute nachdenklich stimmen können oder schmunzeln lassen. Oder beides. 35 – 25 – 15 – 5 – Los geht’s.
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(Als der Hamburger SV das Europapokal-Finale 1980 gegen Nottingham Forest verloren hatte, schickte Trainer Branko Zebec die Spieler früh ins Bett, die Magath & Co. bauten aber bis morgens um sechs an der Hotelbar ihren Frust ab – Skandal!) Der Krach beim Hamburger SV hat Diskussionen ausgelöst. Fast immer hat man dabei Sympathie für die Hamburger Spieler und kein Verständnis für Trainer Zebec, der den armen HSVern nicht einmal ein kleines Besäufnis zwei Tage vor dem letztem Bundesliga-Spieltag gönnte. Ich dagegen verstehe Zebec, nicht aber seine Spieler, die sich wie trotzige Schulbuben verhalten haben. Immerhin hatten sie noch eine minimale Meisterschaftschance, und um derentwillen und aus Verantwortungsgefühl für die Zuschauer im proppenvollen Volksparkstadion hätten sich die Hamburger gewissenhaft vorbereiten müssen. Allerdings muss man Branko Zebec mangelndes bzw. nicht vorhandenes Fingerspitzengefühl vorwerfen. Wer Wochen zuvor als hilfloses Alkohol-Wrack von der Trainer-Bank gerutscht war und davor mit 3,25 Promille am Steuer erwischt wurde, sollte seine Spieler nicht mit einem »Ich trainiere nicht mit Betrunkenen« brüskieren. (4. Juni 1980 / Kurz darauf konterte Manni Kaltz: »Wenn wir jedes Mal nicht trainiert hätten, wenn Herr Zebec gerade mal wieder voll war, dann wären wir im letzten Jahr so gut wie nie zur Arbeit gekommen.« Im Dezember 1980 feuerte Manager Netzer den Trainer, der schwer alkoholkrank im September 1988 starb. Beim HSV begann die Ära Happel mit begeisterndem Offensivfußball und großen Erfolgen – lang, lang ist’s her)
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Fragwürdige Olympiastützpunkte: Mehr Medaillen gibt es nur, wenn den Sportlern berufliche, soziale, medizinische und finanzielle Probleme abgenommen werden. Wenn man zudem noch alle Athleten dienstverpflichten könnte, mit Weisungsbefugnis für die Trainer, Behandlungsvollmacht für die Ärzte und Strafandrohung für die Funktionäre … dann landet das hypermoderne Raumschiff »Olmpiastützpunkte« mit Lichtgeschwindigkeit auf seiner Zeitreise in die Vergangenheit in der DDR der 70er Jahre. Wie schmal ist der Grat, auf dem man neben dem Abgrund zum staatskapitalistischen Zentraldirigismus balanciert! Aber Erfolg heiligt nicht die Mittel, obwohl im Bundesausschuss Leistungssport eher die Mentalität herrscht: Der Erfolg ist uns heilig, und zwar mit allen Mitteln. (26. Mai 1990 / Von der Zeit überrollt. Heute verfügt der DOSB über 19 Olympiastützpunkte. Aktuelle Selbstbeschreibung: »Ihre Hauptaufgabe liegt in der Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen komplexen sportmedizinischen, physiotherapeutischen, trainings- und bewegungswissenschaftlichen, sozialen, psychologischen und ernährungswissenschaftlichen Betreuung.« – Na, dann siegt mal … schön?)
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(Erinnern Sie sich an eine schillernde Eintagsfliege oder an ein »seltsames Männlein«? Verrückte Zeiten, in denen die Frankfurter Eintracht keine Diva, sondern eine zweitklassige Drag-Queen war) Da Selbstgerechtigkeit, Überheblichkeit und sonstige Hoffart unter den Sünden nicht die geringsten sind, wird es Frankfurts Ex-Schatzmeister Leben schwer haben, Absolution zu finden: »Wenn ich weiter gemacht hätte, wäre aus der Eintracht ein grandioser Verein geworden. Mit meiner Berufskompetenz wurde ich für den Verwaltungsrat ein zu unbequemer Partner. Ohne mich wäre die Eintracht schon tot.« Oh Gott! Ganz anders zu werten ist das, was Trainer-Gattin Doris Haffner-Ehrmantraut nach einem Elton-John-Konzert über ihren Horst sagte: »Wie dieses Multi-Talent Elton John auf der Bühne saß, Klavier spielte, seine selbstkomponierten Lieder sang, dabei unglaublich locker und gleichzeitig konzentriert rüberkam, da habe ich gesagt: Horst, das erinnert mich an Dich. Für mich bist Du als Trainer ein Genie.« Ist das üble Hoffart? Nein, das ist wahre Liebe! (13. Mai 2000)
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Während in Deutschland über Neuer, Wiese und Butt debattiert wird, gibt es auf der Insel nie eine Diskussion – traditionell steht dort immer ein Elefant im Tor. Weil: Die Engländer haben einen hübschen Ausdruck, wenn es irgendwo ein Riesenproblem gibt: »There is an elephant in the room.« Auch die Hellas-Hilfe könnte elefantös enden, denn ein »white elephant« gilt im Englischen als »Groschengrab«. Manche behaupten ja auch alternativ zum Groschengrab, Griechenland sei ein Fass ohne Boden, dabei wissen sie nicht einmal, was das geflügelte Wort bedeutet: Die Töchter des Danaos, die in der Hochzeitsnacht ihre Männer ermordeten, müssen seitdem in der Unterwelt Wasser in ein Fass ohne Boden schöpfen. (6. Mai 2010 / das Torwart-Problem ist längst gelöst. Wir Töchter des Danaos schöpfen weiter)  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle