Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 8. Juni)

Tolles Finale, aber Messi nur Mitläufer, eher Mitschlenderer. Meinen sogar Fachleute. Aber hat er nicht den sensationellen Diagonalpass geschlagen, der zum 1:0 führte? Kam nicht der Schuss von ihm, den Suarez nur zum 2:1 abstauben musste? Doch selbst Beckenbauer knottert an Messi herum.
*
Da ich beim »Kaiser« nicht auch noch am Fußballverstand zweifeln möchte, klicke ich ins Internet. Aha. Ich bin nicht alleine. Der Superjunge wird in den ersten Online-Berichten gebührend gewürdigt. Hat alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen, dadurch den anderen Freiräume verschafft und dennoch selbst für die Tore vorgesorgt (Neymars 3:1 zählt nur noch statistisch). Und Beckenbauer? Im Fußball-Magazin »11Freunde« lese ich später: »Beckenbauer gibt Messi eine gute Vier. Merkt aber nicht, dass ihm ein Zettel auf dem Rücken klebt: ›Der Kaiser ist doof!‹« – Ätsch!
*
Besonders angenehm an Messi: Außer, dass er außerirdisch Fußball spielt und sich mit Wachstumshormonen ein paar Zentimeter erschummelt hat, ist er ein Männchen ohne Eigenschaften, jedenfalls ohne solche, die zur Schau gestellt werden. Aber was ist mit seinem Unterarm passiert? Schwerer Brandunfall? Nein. Irgendein Tattoo-Halbguru aus Südamerika hat ihm den Arm mit Bedeutungsschwangerem vollgesaut. Was sagt man bloß dazu? Gruppenzwang? Ich denke nach, klicke automatisch bei den elf Freunden weiter, und schon verfärben sie meinen Sonnenbrand vom Nachmittag ins Neidgelbe: »Messi ist ja jetzt auch tätowiert. Was ungefähr so geil aussieht, als hätte Reiner Calmund ein Bauchnabelpiercing.«
*

O Gott. I Gitt. Große Grandezza dagegen: Xavi wird zum standesgemäßen Abschied eingewechselt, obwohl das Spiel noch auf der Kippe steht. Für Xavi (und Iniesta) gilt das Gleiche wie für Messi, minus ein paar Prozent Außerirdischkeit und minus hundert Prozent Tattoo. Mein Bravo für Bravi (blöder Namenswitz, so sieht er aber aus) wird allerdings dadurch gemindert, dass er demnächst zum Abtrainieren für ein paar Milliönchen in Katar kickt.
*
Ausgerechnet Katar. Aber halten wir mal inne, wie auf dem Kirchentag. Gesetzt den leider nicht überaus realistischen Fall, uns verspräche jemand eine Million Euro, wenn wir unsere Stimme bei der nächsten Bundestagswahl der XY-Partei gäben … Siehste. Wäre mal eine schöne Kirchentagslosung, aus der Bergpredigt: »Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?« (Matthäus 7,3).
*
Schluss mit Fußball. Sommerpause beginnt. Wie? Es folgen doch diverse »U«-Weltmeisterschaften. Und das USA-Vorspiel zur EM-Qualifikation. Dann die irre wichtigen Punkte. Gegen Gibraltar! Und die Frauen-WM läuft schon! – Ach so. Ach ja. Na ja.
*

Beinahe wäre ich gendermäßig ausgerutscht wie Alonso und Lahm beim Elfmeterschießen. Wobei übrigens die Slapstick-Bilder mehr aussagten als meine tausend Worte zum Thema David Storl & Stütz- und Umsprung-Abstoß, aber das lassen wir heute und wechseln vom Standbein Fußball auf das Spielbein, also auf das, was ohne Fußball vom Sport übrig bleibt.
*
Und schon sind wir wieder beim Thema Doping. Fiese Gerüchte um Alberto Salazar, Trainer von Mo Farah und Galen Rupp und Initiator des sagenumwobenen »Nike Oregon Project« (NOP). Erinnern Sie sich an mein Kontra zum weltweiten Hype um Mo Farah bei Olympia 2012? Riecht das NOP nach Doping? Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada fand die Hightech-Höhenhäuser »sportmoralisch nicht zu beanstanden”, Salazar dementiert heute, und auch der DFB dementiert jetzt, und zwar die »Sommermärchen«-Gerüchte: Keine Bestechung. Nur Lobbyismus. Um noch ein Fremdwort draufzusetzen: Das ist ein besonders hübsches Beispiel für Euphemismus.
*
Radikal anderes Thema. Oliver Sacks. Er schrieb »Zeit des Erwachens«, Vorlage zum anrührenden Film mit Robert de Niro und Robin Williams. Auch »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte« wurde ein Bestseller. Sacks, bald 82 und sterbenskrank, hat seine Autobiographie geschrieben. Sie wurde in allen großen Feuilletons rezensiert, ich weiß aber immer noch nicht, welche gewaltigen Lasten Sacks als junger Mann zur Hochstrecke brachte. Denn er hielt »den kalifornischen Rekord im Gewichtheben. Dreihundert Kilogramm konnte er hochwuchten« (»FAS«). 300 Kilogramm? Zu Sacks’ Heberzeiten gab es den Dreikampf, da wären 300 kg nicht der Rede wert. In den Einzeldisziplinen Stoßen, Drücken oder gar Reißen 300 kg? Utopisch. Abwegig. Bei Recherchen im Internet werde ich nicht fündig. Bis ich mich an Sacks’ Spitznamen erinnere (»Dr Squat«, also »Doktor Kniebeuge«), weiter forsche und in der »Tampa Bay Times« erfahre, dass Sacks 1960 im kalifornischen Bodybuilder-Freakzentrum Venice Beach einen »state record for a 600 pound full squat« aufgestellt hatte. Er schaffte also eine tiefe Kniebeuge mit 600 US-Pfund auf der Hantel, das sind 272 Kilogramm. Weltrekord derzeit: unfassbare 490 Kilogramm. Dennoch: Sehr, sehr stark. Wenn’s stimmt.
*
Nach meiner ausufernden Rezensions-Leserei und Internet-Recherchierei fragte ich mich: Warum suche ich, obwohl es im Buch (»On the Move. Mein Leben«) sicher leicht zu finden ist? Das werde ich jetzt lesen – damit ich nicht der Mann bin, der fremde Meinungen mit einer eigenen verwechselt.
Empfiehlt sich auch anderweitig.
(gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle