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Sport-Stammtisch (vom 6. Juni)

Mein altes Mantra war eine rhetorische Frage: Glaubt eigentlich irgendjemand, es seien schon mal Fußball-Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele vergeben worden, ohne dass Bestechungsgelder geflossen seien? Unrhetorisch nachgefragt: Sind denn alle bestochen? Antwort: Je mehr Geld im Spiel, desto ja.
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Aus der Erinnerung des langjährigen Beobachters tauchen in diesen Tagen anekdotische Details auf, die manche aktuelle Entrüstung als scheinheilig entlarven. Hat nicht unser »Kaiser« einst dem Finanzminister ein 500-Millionen-Versprechen abcharmiert, um der FIFA eine WM in Deutschland schmackhaft zu machen? Schon damals das FIFA-Geschäftsmodell: Ihr zahlt, wir kassieren. Und was war in Richtung WM 2006 die gezielte deutsche Sportentwicklungshilfe für stimmberechtigte Länder? Bestechung? Ein gewisser Herr von Brauchitsch würde empört abwiegeln: »Pflege der Landschaft!« (für Jüngere: bei Interesse bitte googeln, Stichwort Parteispendenskandal).
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»Ich würde auch gerne mal in einem Hotel wohnen, wo FIFA-Delegierte tagen. Denn es besteht eine Chance, dass man da einen Umschlag mit sehr viel Geld untergeschoben bekommt – und sei es aus Versehen«, ulkte Martin Sonneborn, Ex-Chefredakteur der Titanic. Das Satiremagazin hatte 2006 versucht, FIFA-Delegierte mit Schwarzwälder Kuckucksuhren zu »bestechen«, was bei diesen einen Sturm der Entrüstung auslöste. Verständlich. Weil: Kuckucksuhren! Statt Umschlag.
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Wie kam es vier Jahre zuvor eigentlich zur WM in Japan und Südkorea, die noch nicht unter aktuellem Verdacht steht? Ich erinnere mich gut an den Präsidenten des südkoreanischen Fußballverbandes, der gleichzeitig Hyundai-Boss war, und an FIFA-Präsident Joao Havelange, der pro Japan und kontra Südkorea eingestellt war. Ein Jahr vor der WM-Entscheidung übernahm Havelanges Schwiegersohn Ricardo Teixeira die Generalvertretung eines südkoreanischen Autobauers. Raten Sie mal, welches. Und so kam es zur ersten Doppel-WM
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Kleinere Verbände backen kleinere Brötchen. Aber auch die können sich wundersam vermehren und viele speisen. Wieso spielten die Handballer  ihre WM in Katar aus, wo ihre Sportart so verbreitet ist wie bei uns Kamelreiten oder die Jagd mit Falken? Immerhin profitieren diesmal  auch Sportler: Da Katar Spaß am Spiel gefunden hat, will sich das Emirat nun auch für Olympia qualifizieren. Mangels Handballern werden diese importiert, vornehmlich vom Balkan. Diese Neu-Katarer »müssen nie wieder Existenzsorgen haben«, sagt einer ihrer Berater.
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Worte von Bin Hammam, der Scheich, der die WM 2022 nach Katar geholt hat, gerichtet an einen früheren Wahl-Konkurrenten: »Ich hacke jedem, der sich mir in den Weg stellt, Kopf, Hände und Füße ab.« Bei dieser Aussicht ist es nicht kopflos, sondern hat Hand und Fuß, für Katar zu stimmen, zumal man ohne Hand diese nicht mehr aufhalten könnte.
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Potentaten des Sports haben es leichter als die der großen Politik, da sie ungehindert »durchregieren« können. Wie Juan Antonio Samaranch, der Vor-Vorgänger von Thomas Bach als IOC-Präsident. Samaranch, der schon im Falangisten-Blauhemd des Diktators Franco in leitender Funktion tätig war und das Freisein von lästiger demokratischer Kontrolle genossen hatte, residierte bei Olympia 2000 in Sydney im noblen Regent Hotel. Von dort aus hatte er einen wunderbaren Blick auf das berühmte Opernhaus. Ein Luxusschiff im Hafen versperrte ihm aber die freie Sicht. Ein Wort von Samaranch genügte, und der Pott musste sich einen anderen Liegeplatz suchen. Das Schiff gehörte Louis Gerstner, immerhin Chef von IBM. Man stelle sich bloß vor, unser Ex-Präsident Wulff hätte angeordnet, das Schiff eines IBM-Chefs … nein, dazu reicht meine Phantasie nicht.
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Auf den Potentaten-Punkt brachte es IAAF-Präsident Primo Nebiolo bei der Leichtathletik-WM 1993 in Stuttgart. Wer sich nicht mehr an ihn erinnert: Nebiolo war auch physiognomisch ein Mix aus Berlusconi, Blatter und einem Obermafioso. Als sich Stuttgarts OB Manfred Rommel leise beschwerte, dass sich die Stadt in Unkosten stürzen musste, damit die IAAF abkassieren konnte, riet ihm Nebiolo bestens gelaunt: »Be happy and pay the deficit.« Was, genau genommen, seitdem das inoffizielle Motto aller sportlichen Großveranstaltungen ist. Nicht alles ist Bestechung, aber das alles kostet uns – UNS! – so viel, dass in den Umschlägen für FIFA- und sonstige Delegierte vergleichsweise nur Peanuts stecken. Oder ganz kleine Kuckucksuhren.
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Bei all der Bestecherei darf ich das wirklich Wichtige nicht vergessen: Schon über 10 000 Menschen fordern im Internet, Bruce Jenner solle sein Zehnkampf-Olympiagold von 1976 zurückgeben, weil er sich schon damals als Frau gefühlt habe. Das sei ein Verstoß gegen die Regeln. Was nur beweist, dass es jederzeit möglich ist, mit brummsdummen Aktionen im Internet abertausende von noch Brummsdümmeren zu mobilisieren.
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Natürlich müsste Jenner sein Gold tatsächlich zurückgeben, wenn er bei den Frauen als Caitlyn gestartet wäre. Aber über diesen Unterschied zwischen lächerlich und folgerichtig sollten sich Hardcore-Feministinnen die Köpfchen zerbrechen. Diese Quadratur des Kreises wird ihnen nie gelingen.
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Obwohl er den entscheidenden Schnitt … nein, zu albern … Schritt noch nicht vollzogen hat, fordert Jenner: »Nennt mich Caitlyn.« Als ich zu meiner ersten Ferienfreizeit aufbrach und ein Erwachsener am Bahnhof vor der Fahrt nach Schillighörn die Teilnehmerliste verlas, wurde auch mein Name laut ausgerufen: »Gerda Steines!« Ein Brüller. Für alle anderen.
Nennt mich … nie wieder Gerda!
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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