Archiv für Juni 2015

Ohne weitere Worte (vom 30. Juni)

Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Interessantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft.
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Bastian Schweinsteiger, so tönt bereits manch Fußballguru, (…) habe den richtigen Zeitpunkt verpasst aufzuhören. (…) Als leuchtendes Beispiel wird dem Mann (…) sein Mitspieler Philipp Lahm vorgehalten. (…) Kühle Kalkulation lässt den aufrechten Fußballfan aber völlig kalt. (…) In einer Zeit, in der Spieler systematisch zur perfekt funktionierenden Lahmhaftigkeit erzogen werden, sehnen sie sich nach dem Unverfälschten. (…) Wir finden: Gut, dass Schweinsteiger noch dabei ist. (Peter Dausend in der »Gesellschaftskritik« des Zeit-Magazins »über den späten Schweinsteiger«)
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Johannes Geis (…) wurde gefragt, wie es denn jetzt um seine Zukunft als Fußballer bestellt ist. Geis druckste herum. Er sagte, dass er sich damit nicht beschäftige. Das war, genau genommen, noch nicht einmal gelogen, denn Geis hatte die Entscheidung ja schon getroffen. Nicht einmal einen Tag später wurde offenbar, dass er zum FC Schalke 04 wechselt. (Stefan Osterhaus in der taz über »die jungen Diplomaten im Trainingsanzug«)
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Dennoch wird es auch diesmal so sein wie nach allen großen Turnieren zuvor: Auch diese Weltmeisterschaft wird nicht dafür sorgen, dass künftig in der Frauen-Bundesliga mehr als eine Handvoll Fans zu den Spielen kommen werden. Oder dass Frauenfußball im Fernsehen mehr Sendezeit bekommen wird. Diese bittere Wahrheit verbindet unsere Fußballerinnen mit ihren Kolleginnen in der Leichtathletik oder im Schwimmen. (aus dem Editorial des Sport-Bild-Chefredakteurs Alfred Draxler)
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Tönnies preist sich gerne selbst, wenn es sonst schon keiner tut. (…) Die Schnitzel für den Toaster, seine Erfindung. (…) Mehr als 200 Teile holen sie aus einer Schweinehälfte. Aus dem Darmschleim wird der Blutgerinnungshemmer Heparin gewonnen. (Bernd Dörries und Elisabeth Dostert in einer Seite-3-Reportage der Süddeutschen Zeitung über Fleischkonzern und Familienfehde des Schalke-Chefs)
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Trainer Dirk Schuster fungiert zugleich als Sportdirektor – ist das nicht zu viel für einen alleine? – »Was wir nicht brauchen, ist einer, der am Rand über den Trainingsplatz stolziert, beim Spiel auch noch auf der Aschenbahn herumtobt und mit dem vierten Schiedsrichter diskutiert.« (Darmstadts Präsident Rüdiger Fritsch im Kicker-Interview)
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Rudi Gutendorf (…), ein einziges Jährchen jünger als die britische Monarchin, ist ebenfalls noch ziemlich rege. (…) Ihn reizt angeblich noch einmal eine Aufgabe in der Bundesliga – mit 88. Möglicherweise als Berater. (…) Ganz nach der Devise: Wer schon mal in Ruanda gearbeitet hat, kann jetzt auch in Stuttgart noch etwas bewirken. (Rainer Seele in der »Schluss für heute«-Kolumne der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über »Rudi und die Queen«)
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Die größten Alkoholexzesse von Fußballfans erlebt in der Regel ohnehin die Deutsche Bahn, die wohlweislich lieber Sonderzüge älteren Baujahres zu Bundesligaspielen schickt. Wer mal mit halbwegs klarem Kopf ein Abteil nach einer zum Saufgelage ausgearteten Sonderfahrt begutachtet hat, kann selbigen nur verständnislos schütteln. Da haben die Selbstreinigungskräfte der Fans im Wortsinn reichlich Verbesserungsbedarf. (Jan Christian Müller in der Frankfurter Rundschau über ein mögliches Alkoholverbot im Umkreis der Stadien)
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»Das ist kein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft tolerant ist. Das ist ein Zeichen, dass die Gesellschaft bekloppt ist. Manchmal ist ein Mann in Frauenkleidern einfach nur ein Mann in Frauenkleidern.« (Kabarettist Ludger Kusenberg über Conchita Wurst, zitiert in der SZ)
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Carpe Diem – Nimm Dir das Leben. (Überschrift im Bocholter-Borkener Volksblatt, gefunden im »Hohlspiegel« des Spiegel) (gw)
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(www.anstoss-gw.de w@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 29. Juni 2015 .
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Werner Hausmann: Das fehlende Gen (“Sport-Stammtisch” vom 27. Juni)

Wenn Sie das Gen nicht haben – vielleicht hilft Ihnen der Kommentar auf S. 10 der FASZ, es zu verstehen? (Wilfried Hausmann)

 

Hab ich gelesen. Danke.

“… Sie hinterlässt den Europäern eine Botschaft: Macht nicht kaputt, was mühsam aufgebaut wurde.”

 

Veröffentlicht von gw am 28. Juni 2015 .
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Sonntag, 28. Juni, 10.50 Uhr

Dank des frühen Vorschreibens schon fertig mit den “Montagsthemen”. Vielleicht mit dem Effekt, dass aufmerksame Online-Leser Flüchtigkeitsfehler melden, die ich für den Druck bereinigen kann. Am Samstag im “Sport-Stammtisch” passierte ein “Firminho” unbeanstandet Sportredaktion und Korrektorat. Stand leider so im Blatt. Diesmal habe ich den “Firminho” wenigstens online nachträglich in Firmino korrigiert. Ist überhaupt wohl eine blöde Marotte, durch bewusst hinhudelndes Schreiben Fehler zu provozieren, die auch nicht nachträglich ausgebessert werden, der Lebendigkeit und Authentizität (und Faulheit) wegen. Auch das ein Prinzip, das ich in Zukunft ändern will.

Die Kolumne für morgen (siehe Link rechts “gw-Beiträge Anstoß) gefällt mir heute sogar selbst ausnahmsweise gut, aber das kann sich erfahrungsgemäß ändern, wenn ich sie morgen noch einmal im Blatt nachlese. Zum Glück gibt es dann immer den einen oder die andere, um mich mit geschriebenem oder gesprochenem Wort aus dem tiefen Tal der Verzweiflung, schnüff,  zu holen. Aber bevor ich weiter rumblödele, mach ich einen: .

Veröffentlicht von gw am 28. Juni 2015 .
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Montagsthemen (vom 29. Juni)

0:4 nach 46 Minuten – etwas muss man unseren Jungs ja lassen: Sie haben »brasilianischen Fußball« wirklich sehr modern interpretiert. Denn was früher mit Pele & Co gleichgesetzt wurde, steht heute für das 1:7 von Belo Horizonte. Dass gleichzeitig Brasilien auch bei der »Copa America« scheiterte, passt ins neue Bild.
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Klatsche für die Buben (die übrigens auch zuvor schon grottenschlecht gespielt hatten und dennoch inklusive Trainer absurd hochgelobt wurden), Begeisterung um die Mädels – da müsste man auch die alte Frage neu formulieren, und zwar so: Warum können Frauen Fußball spielen und Männer leider nicht? Na ja, vielleicht erübrigt sich das, wenn die Frage wieder rhetorisch gestellt wird: Wo steht der deutsche Frauenfußball? Da, wo er ein paar Tage lang hingepusht wird, oder dort, wo er ein paar Jahre lang wieder sein wird? Und wo ihn all jene sehen wollen, die den Sturm der Begeisterung in der inneren Emigration abwettern?
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Andere Frage: Die alten Hellenen haben uns aus den germanischen Wäldern in die Zivilisation geführt – treiben uns die neuen Griechen (die nichts mehr mit den alten zu tun haben, entgegen ihres Selbstverständnisses) zurück in die Steinzeit? Vermutung: Nein. Eher sich selbst. Aber das nur am Rande (des Abgrunds).
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Am Rande der Debatte um die Bundesjugendspiele erinnere ich mich an den jährlichen Einmarsch zu den Klängen des Radetzky-Marsches (ja, wirklich!), bei dem ich als trotziger Rebell demonstrativ taktlos mitschlurfte. Kern der Debatte aber: Sportlich anders Begabte würden durch diese Zwangsveranstaltung der Schmach und Schande ausgesetzt. Da ist zwar was dran, aber wenn man alles abschaffen würde, mit dem man sich blamieren kann, müsste man ja … alles abschaffen. Manche könnten meinen, zuallererst diese Kolumne.
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Auch wir Sportjungs, mit nichts als dem Sport (aktiv) und dem anderen Geschlecht (passiv) beschäftigt, haben uns natürlich bäuchehaltend amüsiert, wenn ein Mädchen mit absonderlichen Ausholbewegungen den Schlagball warf und dieser ein Meter vor ihm, fünf Meter seitlich oder gar – Wunder der Bewegungsgeschicklichkeit – zehn Meter hinter ihm landete. Die meisten Mädchen hatten zwar selbst ihren Spaß daran, aber wer den nicht hat, sollte nicht zwangsverpflichtet werden. Allerdings plädiere ich, wie immer, für die individuelle Lösung: Wie schnell kann ein Schnupfen oder akuter Fieberanfall die Teilnahme verhindern!
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Eine Leserin kam im häuslichen Gespräch »bei dieser Gelegenheit auf den Schlagballweitwurf zu sprechen, bei dem neun von zehn Frauen eine jämmerliche Figur abgeben (ich leider auch).« Sie fragt per Mail: »Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse,warum das so ist?«

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Im Prinzip ja. Aber ob sie überzeugen? Angeblich ist der Wurf an sich der größte messbare Unterschied zwischen Mann und Frau überhaupt (ich kenne da zwar einen kleinen größeren, aber, na ja). Wissenschaftler von der Deutschen Sporthochschule in Köln vermuten, neben der größeren männlichen Muskelmasse spielten die breiteren Hüften der Frauen eine Rolle, die als erotisches Signal dienten, bei der Wurfbewegung aber hinderlich seien. Mir fällt dagegen vor allem auf, dass rechtshändige Frauen oft nicht auf dem linken, sondern auf dem rechten Bein abwerfen – das garantiert überzwerche Wurfbewegungen.
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Abgesehen von diesem simplen Technikfehler überzeugt mich aber am meisten – ernsthaft! – ausgerechnet die feministische Philosophin Iris Marion Young. Sie argumentiert, das komische Werfen sei nur ein Symbol für das generell gehemmte Verhalten von Mädchen und Frauen. Vor allem Mädchen, die sehr darauf achten, wie sie auf andere als Mädchen wirkten, würfen besonders ungeschickt. Das sei zwar ein starkes Indiz für repressive Einflüsse, aber was Frau Young noch nicht wusste: Die wachsende weibliche Vorliebe für Ballspiele, insbesondere für den Fußball, habe schon, sagt die Wissenschaft, Veränderungen an den Körpern und in den Gehirnen hervorgebracht, so dass die Mädchen demnächst über die Jungs lächeln werden. Wie  jetzt schon DFB-Fußballerinnen über DFB-Bubis.
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Auch mir ist bewusst, dass ich meiner liebsten Zielgruppe in vielerlei Hinsicht deutlich unterlegen bin, sogar in einer vermeintlichen Spezialdisizplin. So bringt Barbara Tomsch (Reichelsheim) alles das, was ich wortreich und ungelenk über die »Europaspiele« gelästert habe, lakonisch auf den Punkt: »Baku: Hanebüchen trotz Hambüchen.«
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Zu schlechter Letzt noch einmal zu »meinen« Griechen, bei denen die Masse an der jahrzehntelangen oligarchigen Abzockerei leiden muss. In einem »Zeit«-Interview verrät ein Schweizer, der dem deutschen Fiskus eine CD mit Daten von Steuerhinterziehern verkauft hat, dass die 2700 von ihm geouteten Deutschen insgesamt so viel Schwarzgeld auf den Konten hatten wie die 200 Griechen, deren Namen er nicht preisgibt. Weil: Der griechische Staat hat keinen dringenden Kaufwunsch …
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Da bleibt mir nur noch mein Sprachkalender, der am Samstag punktgenau zum Brüsseler Knalleffekt die Aufgabe stellte, diese drei Ausdrücke zu übersetzen (ich schreibe sie in Lautschrift): Stin ygia su! Litses! Perastika!
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Lösung: Gesundheit! Gute Besserung! Zum Wohl! Falsch ist, hoffentlich, was Matthias Beltz, unser Hesse im Himmel, dazu sagt: »Gute Nacht Europa, wo immer du auch bist.« (gw)
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(www.anstoss-gw.de  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 28. Juni 2015 .
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Sonntag, 28. Juni, 6.55 Uhr

So spät? Im Gegenteil. Ich habe seit sechs schon an den “Montagsthemen” gebastelt, damit ich die Aufhänger und Fragen nicht vergesse, die mir beim Einschlafen und in der Aufwachphase durch den Kopf gegangen sind und die mich zu einer Mail führen, deren Frage das alles angestoßen hat: Ein mir bekanntes  Ehepaar hat “beim Abendessen die Bundesjugendspiel-Debatte nochmal aufgewärmt” und kam  ”bei dieser Gelegenheit auf den Schlagballweitwurf zu sprechen, bei dem neun von
zehn Frauen eine jämmerliche Figur abgeben ( ich leider auch). Gibt es
irgendwelche wissenschaftliche Erkenntnisse, warum das so ist?” – Die Frage kam mir wie gerufen. Warum können Mädchen nicht werfen? Ich versuche, in den “Montagsthemen” eine Antwort zu geben und sie mit anderen Fragen zu vermengen: Haben deutsche Jungs den “brasilianischen Fußball” etwas zu modern interpretiert? Belo Horizonte statt Pele & Co? Treiben uns die neuen Griechen zurück in die Steinzeit, aus der uns die alten in die Zivilisation geführt hatten? Belo Horizonte, das sind ja “schöne Aussichten” – gleich in den “Montagsthemen”. Aber erst KKK. Bis dann.

Veröffentlicht von gw am 28. Juni 2015 .
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Baumhausbeichte - Novelle