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Montagsthemen (vom 1. Juni)

Erst aufgedreht, dann überdreht. Das Pokalfinale spiegelt die Dortmunder Entwicklung in der Klopp-Ära wider: Mit schreckenerregendem Überfall-Fußball begonnen, später hilf- und wehrlos dem Schrecken ausgeliefert, vom Gegner durchschaut und mit den eigenen Mitteln geschlagen zu werden.
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Der Klopp-Hype war mindestens eine Umdrehung zu viel und zum Schluss kontraproduktiv. Jürgen Klopp hat, und das ist sein ewiges Verdienst, den Fußball verändert und den »heißesten Klub Europas« geformt. Er stürmte voraus, wirkte aber um so ratloser, je mehr Klubs und deren Trainer ihn ein- und überholten. Gleichzeitig stagnierte der zunehmend ausgebrannt wirkende BVB, der vergeblich sein Heil darin suchte, das eigene Original immer wieder zu kopieren. Klub undTrainer wirkten als Eigennostalgiker wie ein Abklatsch ihrer selbst. Beide müssen sich nun neu erfinden. Dazu hat der BVB einen Tuchel, Klopp – nur? – einen Klopp.
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Durch zusammengebissene Zähne geknurrt: Wolfsburg hat das richtig gut gemacht. Lässt Dortmund auf- und überdrehen, wettert den Sturm routiniert ab wie ein Hochseekapitän, kentert nicht, sondern kontert »ruhig, abgeklärt und völlig unaufgeregt« (FAS). Hecking und Allofs, das ist sowieso ein Paar, in dem viel mehr echte Fußball-PS stecken als in VW. – Apropos: VW ist Mitbesitzer von drei Vereinen. Einer, der Souverän, ist Meister. Ein anderer Vizemeister und Pokalsieger, der dritte ein Aufsteiger. (Mit) VW läuft und läuft und läuft (es). Freue sich, wer kann. Und wenn Bayern im letzten Spiel gegen Ingolstadt verliert, das dadurch nicht absteigt? Blatter würde höhnen: Ihr Deutschen habt’s gerade nötig!
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Ach ja, der FIFA-Präsident. Was wird ihm konkret vorgeworfen? Dass er ein unangenehmer Typ ist, machtbewusst bis zur Lächerlichkeit? Leider nicht strafbar. Bestechung? So blöd, dass ihm das nachgewiesen werden könnte, kann er nicht sein. Fest steht nur, dass Europa wieder einmal eine Schlacht verloren hat.
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Ganz, ganz schlechtes Empörungsmanagement. Da will die UEFA den Weltverband aufmischen, schickt aber nicht ihren Chef in den Ring, sondern irgendeinen Prinzen aus Zamunda. Auch die Feindschaft zwischen den beiden Präsidenten wirkt wie Kino, riecht nach Fehde à la Wrestling-Show, mit einvernehmlich ausbaldowertem Ausgang. Blatter und Platini, das klingt ja schon wie Blatt und Blättchen, wie Hans und Hänschen Nimmermehr.
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Sepp Blatter ist übrigens Träger des »American Global Peace Award« und hat den Preis nicht minder verdient als mancher kriegserprobte Friedensnobelpreisträger den seinen. Ihm verdanken wir auch ein Wort, das als »contradictio«, als Widerspruch in sich, irrwitziger ist als ein rundes Quadrat oder ein schwarzer Schimmel: »FIFA-Ethikkommission«.
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Glaubt eigentlich irgendjemand, es seien schon einmal Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele vergeben worden, ohne dass Bestechungsgelder geflossen seien? Ich weiß nicht, warum mir gerade jetzt dieses Bild aus der Jahrtausendwende in den Sinn kommt: Auf Samoa tanzt ein Mister Dempsey, folkloristisch animiert, auf einem FIFA-Fest verlegen grinsend und halb nackt vor einem korrekt gekleideten Gentleman namens Franz Beckenbauer, der ihn herablassend, aber nachdenklich ansieht. Derselbe Mister Dempsey stimmt kurz danach nicht, wie von seinem Verband Ozeanien beschlossen, für Südafrika. Märchenhafter Beginn eines deutschen Sommermärchens.
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Das letzte Wort zu Blatter stammt von Blatter: »Ich vergebe, aber ich vergesse nicht.« Godfather ist schließlich kein Westernheld, denn Gott vergibt, Django nie.
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Aber eigentlich interessiert mich die FIFA wenig, und das Pokalfinale will ich schnell vergessen. Die Leichtathletik-Saison beginnt, und da warten endlich Themen auf mich, in denen ich abseits des Mainstreams lustvoll plantschen kann. Zur Einstimmung lese ich in einem taz-Interview mit einer Genderforscherin, dass die Geschlechtermodelle in der Leichtathletik ein Anachronismus seien, man könne von »Zwangsheterosexualität sprechen, das sieht man ja schon bei Facebook, wo man« – wieso »man«, gute Frau? – mittlerweile 50 Kategorien hat, um sein Geschlecht anzugeben«.
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Gut gebrüllt, Löwin! Leider zu spät für mich. Bastian Schweinsteiger wurde zwar jetzt beim Tennis in Paris als »Spielerfrau« geoutet, aber ich werde wohl vergeblich darauf warten, nachträglich im Gendergeschlecht Nr. 51 als OlympiasiegerInchen anerkannt zu werden.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle