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Sport-Stammtisch

Krokodilstränen. Sie fließen bei Krokodilen unwillkürlich beim Fressen (eine von mehreren gängigen Theorien: weil das weit geöffnete Maul auf Drüsen drückt), beim Menschen aber nur, wenn er sie sich bewusst abpresst und heuchelheult. Angesichts der Reaktionen von Sponsoren, Politikern und Sportfunktionären auf die FIFA-Affäre stellt sich die Frage: Gibt es auch Krokodilswut?
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Beispiel Michel Platini, der sich zum Blatter-Widersacher hochsteri … sorry … hochstilisiert: Bei der sportlich absurden Wahl Katars zum WM-Ausrichter 2022 hatte der französische UEFA-Boss … für Katar gestimmt. Kurz darauf kauften die Scheichs mit ihren Fantastillionen die Senderechte für die französische Liga und stiegen bei Paris St. Germain ein, das sich daher einen Ibrahimovic und Beckham leisten konnte. Und einen Platini-Junior, denn die Scheichs hatten auch ein Herz für das Präsidentensöhnchen, das sich »Europachef« von PSG nennen durfte.
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Dass auch Pep Guardiola für schlappe elf Millionen Euro PR für das tolle Fußball-Land Katar gemacht haben soll … na ja, wer von uns solch ein Angebot ablehnen würde, der werfe den ersten Stein. Und überhaupt: Nicht Blatter ist das Problem, sondern die Gier in der FIFA und um die FIFA herum. Dank Blatter erhalten die Gierigen ihr Futter. Wes Kaviar ich speis …
Manchmal kam ich sogar in Versuchung, Blatter als Großmeister der zynischen Ironie richtig gut zu finden. Aber als er sich als »Godfather« des Frauenfußballs rühmte oder Angriffe auf ihn, den Afrika-Freund, als Rassismus bezeichnete, war das vermutlich sein scheinheiliger Ernst.
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Auf der Internetseite des Fußballmagazins »11Freunde« gefunden: »Wenn Sepp Blatter unschuldig ist, dann
… ist der Papst ein Heiratsschwindler
… wird Lothar Matthäus Schalke-Trainer
… gewinnt Darmstadt die Champions League 2017.«
Und so weiter. Nun ja, Matthäus auf Schalke – soo unwahrscheinlich nun auch wieder nicht. Dem Papst ist ebenfalls vieles zuzutrauen (jedenfalls mehr als seinem Vorgänger). Aber die ultimative Unwahrscheinlichkeits-Variation ist diese: »… findet die Eintracht einen Trainer, der zu ihr passt«.
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Eintracht also. (Moment bitte, ich muss mir für diesen großartigen Übergang mal kurz auf die Schulter klopfen) Vorab ein herzliches Dankeschön an Guardiola, der Lewandowski im letzten Spiel auswechselte, bevor dieser  Alex Meier gefährden konnte. Aber das nur am Rande. Im Mittelpunkt: Das Scheitern von Thomas Schaaf. »Anonyme Attacken und fehlende Rückendeckung vertreiben den Trainer nach nur einem Jahr aus der Stadt«, schreibt die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, wogegen die »Frankfurter Rundschau« in eigener Sache dagegen hält: »Dass Schaaf wegen unbotmäßiger Presseartikel hinwirft, ist ein vorgeschobenes Argument. Es wäre nahezu lachhaft«, denn die FR-Berichte »basieren auf sauberer Recherche, Hintergrundwissen und Informationen von Beteiligten und Spielern. Er ist vielmehr in Frankfurt nie richtig angekommen.« Ein aparter Euphemismus (»Informationen von Beteiligten«), aber ein zutreffendes Fazit: Schaaf ist nie richtig angekommen, weil er im Gegensatz zu seinem Vorgänger keinen vertraulichen Kontakt mit den Main-Medien pflegte (ich habe dazu erstaunliche »Informationen von Beteiligten«). Im Gegenteil, Schaaf ließ die Sichwichtigfühler fühlen, für wie unwichtig er sie hält. Das rächte sich.
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Aber ich will nicht schon wieder das Frankfurter Medien-Nest beschmutzen. Ich würde sowieso alles – ALLES! – verzeihen, wenn sie Klopp herbei schreiben könnten. Und nicht ein weiteres Opfer. Aber eher ist Blatter unschuldig.
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Wer weiß, vielleicht ist er es ja wirklich? Bei all meinen oft sehr meinungsfreudigen Kolumnen bin ich mir der Möglichkeit bewusst, dass die andere Meinung die zutreffendere sein könnte. So lese ich in der »Bild«-Zeitung, dass Verkehrsminister Dobrindt »Merkels Mode-Minister« sei. »Bild« zitiert auch die »Promi-Designerin« Anna von Griesheim: »Die Typ-Veränderung ist gelungen und ausdrucksstark.« Das Beweisfoto zeigt Dobrindt in einem knappen karierten Anzug (Stielike-Style?), in dem er für mich allerdings aussieht wie ein Clown.
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So können Meinungen auseinander gehen. Ich glaube ja auch, heute einen gelungenen und ausdrucksstarken Text geschrieben zu haben. Oder doch nur Ansichten eines Clowns? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle