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Sport-Stammtisch (vom 23. Mai)

Als Thomas Schaaf nach Frankfurt kam, wurde er mit Vorschusslorbeeren überhäuft. Fans und Medien erwarteten nichts weniger als eine Transplantation des schwungvollen, rasanten und erfolgreichen Fußballs aus der Werder-Vergangenheit in die Eintracht-Gegenwart. Ich dagegen hatte Schaaf mit leiser Skepsis begrüßt. Veraltet sei er, fürchtete ich, zu stur, zu sehr »old school«, nicht auf Augenhöhe mit den Peps & Kloppos der neuen Fußballzeit. Nun könnte ich, da sich der Wind am Main schon längst gedreht hat, besserwisserisch ätschen: Siehste, ich hab’s ja gewusst!
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Hab ich aber nicht. Der Klub musste in dieser Saison auf einige seiner Besten ganz (Rode, Jung, Schwegler, Joselu) oder längerfristig (Meier, Aigner) verzichten, hatte dennoch nie etwas mit dem Abstieg zu tun, spielte im Gegenteil fast bis zum Schluss um Europa-Plätze und bot in einigen Spielen einen Fußball, der sich in Strategie, Technik, Taktik und Attraktivität nicht hinter den Spitzenklubs verstecken musste. Dass zu oft nach überlegen geführter Partie gegen schwächere Mannschaften Punkte abgegeben wurden, ist nicht Schaaf-spezifisch, sondern leider Eintracht-Tradition, die weit in die nur scheinbar so glorreiche »Fußball-2000«-Vergangenheit reicht.
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Natürlich hat Schaaf Fehler gemacht. Mit seiner Art eckt er an, und mit der Degradierung von Alex Meier zum Bankspieler trat er schon zu Beginn der Saison in den größten der Fettnäpfe, die hübb und drübb des Mains herumliegen. Dass die Stimmung mieser ist als die Lage, mag auch an ihm liegen. Aber meine Saison-Hoffnung, geäußert bei Schaafs Amtsantritt, wurde verwirklicht: »Hauptsache, immer schön weit vor dem Abstiegs-Strafraum.« Ob trotz oder wegen Schaaf – diese Diskussion mögen andere führen.
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Gegen den Abstieg spielt heute noch ein Drittel der Liga, und egal, wen es trifft, er wird von »Wettbewerbsverzerrung« reden. Hätten sich die Bayern nicht zusammenreißen müssen? Dazu ein Ausflug in die Arbeitsphysiologie: Der Mensch kann nur rund 70 Prozent seines Leistungsvermögens willentlich aktivieren, der Rest ist autonom geschützte Reserve, die nur in Extremsituationen angegriffen werden kann. Wenn es um alles geht. Um wirklich alles. Im Fußball für die Bayern um die Meisterschaft (abgehakt), Pokal und Champions League (vermasselt). Der Rest ist … 70 Prozent.
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Damit entsprechen die heutigen Bayern-Profis der Testgruppe von US-Studenten, bei denen in Zeiten des Kalten Krieges die Maximalkraft gemessen wurde. Sie strengten sich an, so gut sie konnten. Doch als tags darauf noch einmal gemessen wurde, gab es signifikant bessere Leistungen. Wieder einen Tag später ein dritter Test – erneut eine Steigerung. Wie isses bloß möglich? Vor den Tests des zweiten Tages erfuhren die Studenten »zufällig«, dass ihre Kraftwerte bei einer ähnlichen Untersuchung an russischen Universitäten deutlich übertroffen worden seien. Und am dritten Tag hielt sich ein junges, hübsches Mädchen im Raum auf, interessiert zuschauend. Sehr tröstlich eigentlich: Nicht der Kalte Krieg, sondern heiße Gefühle zapften die autonom geschützten Reserven am stärksten an.
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Die Grenze zwischen willentlich verfügbarer Einsatzbereitschaft und autonom geschützten Reserven, Mobilisationsschwelle genannt, ist verschiebbar, zwar nur in Maßen, aber Leistungssportler, die ja täglich im Training den »inneren Schweinehund« überwinden müssen, sind auch hier den Nichtsportlern weit voraus. Die Bayern werden selbst bei ihrer Niederlage gegen Freiburg die Mobilisationsschwelle überschritten und vielleicht fünf Prozent der geschützten 30 angezapft haben. Der Gegner, für den es um alles ging, dürfte dagegen seine autonom geschützten Reserven viel weiter ausgeschöpft haben. Zwar nicht zur Gänze (das funktioniert nur bei Todesangst), aber fast im höchsten sportlich erreichbaren Maße, also nahe an dessen Optimum, der nach oben geschlossenen Schweinsteiger-WM-Endspielskala.
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Ganz anderes Thema: »Drei Gymnastik-Sportler des brasilianischen Nationalteams haben sich wegen mutmaßlich rassistischer Äußerungen eine Sperre von 30 Tagen eingehandelt« (dpa). Sie hatten in einem Internet-Video einen schwarzen Gymnastik-Kumpel  veralbert und gefragt: »Tüte aus dem Supermarkt? Ist weiß. Mülltüte? Ist schwarz!«
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Was soll ich dazu sagen? Dass aus dem Jux, bei dem der Veralberte mitjuxte, eine Staatsaffäre gemacht wird? Dass der Jux an sich auf der nach unten offenen Humor-Skala Rekordtiefen erreicht? Nein, mich schockiert etwas ganz anderes: Gymnastik? Nationalmannschaft? MÄNNER? Jungs, ihr habt da was falsch verstanden mit dem Eindringen in geschützte Bereiche – es geht um Reserven für Sportler, nicht um Reservate von Sportlerinnen!
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Emanzipatorisch BewegtInnen sei versichert: Das ist nur ein Scherz. Denn Papier ist geduldig. Pergament übrigens auch, aber dazu und zu Minne & mehr lesen Sie bitte auch die »Nach-Lese« auf unserer ersten Kulturseite.
* (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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