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Minne & mehr („Nach-Lese“ vom 23. Mai 2015)

Eigentlich wollte ich heute über den Aktionstag gegen Homophobie am 17. 5. schreiben, von dem ich durch die Deutsche Presse-Agentur erfahren habe. Warum gerade am 17. 5.? Jetzt weiß ich’s, dank dpa: Weil die Weltgesundheitsorganisation WHO am 17. Mai 1990 Homosexualität von der Liste der psychischen Krankheiten gestrichen hat. Beim Datum »17. 5.« hatte ich zuvor nur an rätselhafte Aussprüche aus der Kindheit gedacht, begleitet von herzhaftem Gelächter der Älteren. Wir Kinder lachten mit, ohne zu wissen warum. Halt so ein Erwachsenending. Auch die gleichgeartete Beschimpfung (»Hunnerdfünfunnsibzischer!«) blieb rätselhaft. Erst viel später erfuhr ich, dass es um ein Strafgesetz ging, den Paragraphen 175.
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Homophobie. Nicht nur die Sache selbst stört mich, sondern auch unsere Umdeutung der »Phobie« von ihrer wortbedeutenden Angst zum Hass. Ähnlich steht es mit der Xenophobie, der krankhaften Angst (Phobie) vor dem Fremden (Xenos), die dennoch nur mit »Fremdenhass« eingedeutscht wird. Was tief schließen lässt, aber das ist ein anderes Thema. Bei manchen oft besonders machohaft auftretenden Homophoben könnte der Hass allerdings in der Tat von der Angst angetrieben werden – von der Angst, einen nicht unbeträchtlichen Homo-Anteil in der eigenen Sexualität zu entdecken.
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O ja, ich wollte ein mit Tretminen und Fettnäpfen besetztes Feld beackern und dann noch ein weiteres Vierteljahrhundert-Jubiläum draufsetzen. Denn vor 25 Jahren wurde, ebenfalls am 17. 5., ein Gesetzesparagraph … nein, nicht gestrichen, sondern wirksam: Einführung der D-Mark in der DDR. Dem Vorbild John Irvings folgend, der die Arbeit an jedem neuen Roman mit dem Schlusssatz beginnt, hatte ich den krachenden Schluss-Gag sogar schon geschrieben: Die »Ostzone« erscheint in der Retrospektive gar nicht mehr so rückständig, sondern eher als Vorkämpferin. Ob es noch einmal 25 Jahre dauert, bis in Deutschland die D-Mark eingeführt wird?
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Aber dann stieß ich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf einen inspirierenden Artikel von Tilman Spreckelsen über Das Schmachten der Ritter und warf sofort alle riskanten Vorsätze über den Haufen. Der Minnesang, um den es in der FAS geht, liegt nicht popelige 25, sondern viele hundert Jahre zurück, hat zwar ebenfalls mit Liebe und Deutschtum zu tun, aber hier sind die Tretminen und Fettnäpfchen längst verrottet und vertrocknet. Oder?
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Albrecht von Johansdorf traf in seinem berühmten Minnesang Ich vant si ane huote die »Minnecliche« endlich einmal ohne störende Begleitung (»ohne Hüter«) an und witterte seine Chance. Doch »als er die Situation ausnutzen will und der Dame seine Liebe gesteht, weist sie ihn brüsk zurück. Wenn sie ihm nachgäbe, sagt sie, brächte ihm das Ruhm ein, ihr aber nur Schande. Was er sich wünsche, möge er anderswo finden, bei ihr aber ›in tausend Jahren‹ nicht« (FAS).
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So ändern sich die Zeiten. Im Vergleich mit den Minne-Stars haben nicht ganz tausend Jahre später die Stars der Popmusik – und Promis überhaupt – sehr leichtes Spiel mit Tausenden von Damen ihrer, nun ja, Herzen eher nicht, sagen wir: Lenden. Selbst die Muskel-Trumms des US-Footballs staunen über knallhart kalkulierte Bereitschaft. Patrick Venzke, erster deutscher Profi in der US-Liga NFL, berichtet im Spiegel-Interview: »Es geht so weit, dass Frauen die Namen der Spieler auf ihrem Smartphone googeln, um deren Nettowert festzustellen. Die gehen auf die Toilette und beraten sich« … und dann beginnt die Jagd auf den One-Night-Stand mit den Hochpreisigsten. Doch Mädels, denkt an die »Minnecliche« und die Schande!
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Apropos Schande. In Minneliedern geht es auch um die Frage, »ob man zugleich Gott und seiner Dame dienen kann«, ein Problem, das heute noch manchen Zölibatspflichtigen plagen mag. Doch während die Wortwahl der Hohen Minne erlesen ist und nur schamhaft andeutet, twittert man heute eher in die Welt hinaus: »Bumsen und beten, geht das?«
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Entschuldigung. Moral und Sprache standen eben schon im frühen Mittelalter auf höherem Niveau, zumindest in den höheren Ständen. Na ja, jedenfalls auf dem Pergament, auf das die Minnelieder geschrieben wurden.
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In tätiger Bumsen&Beten-Reue möchte ich schließen mit dem schönsten, reinsten Liebesgedicht deutscher Zunge: du bist mîn / ich bin dîn / des solt dû gewis sîn / dû bist beslozzen / in mînem herzen / verlorn ist daz slüzzelîn / dû muost immer drinne sîn.
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Obwohl, selbst bei diesen Zeilen der reinsten, zartesten Liebe höhnen miese männliche Spötter (aber nur unter ihresgleichen, in Abwesenheit der Damen ihrer Herzen und Lenden), dass auch hier das Pergament sehr geduldig war. Für den »Du bist mein«-Minnedichter, diesem Heuchler und Säusler, stehe das, worum es ihm wirklich ging, auf einem ganz anderen Blatt.
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Doch davon distanziere ich mich mit Abscheu und Empörung, denn ich bin, großes Ehrenwort, kein mieser männlicher Spötter, sondern ein minneclich zarter Verehrer meiner liebsten Lese-Zielgruppe.
Papier ist geduldig. (gw)
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(www.anstoss-gw.de (mit »gw«-Blog »Sport, Gott & die Welt«) gw@anstoss-gw.de)

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