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Montagsthemen (vom 18. Mai)

Steigt der HSV ab oder  der VfB? »Mir egal. Hauptsache: beide.« In Hamburg und Stuttgart  saublödböser Witz, anderswo  Hoffnung auf Rettung in letzter Sekunde. Wobei »Sekunde«  womöglich wörtlich zu nehmen sein wird.
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Stellen wir die Frage andersrum: Wer hat den Abstieg aus Sicht neutraler Fußballfreunde am wenigsten verdient? Da gibt es (Vorsicht, es folgt ein Wort aus der Spitzengruppe der Floskel-Bundesliga) »keine zwei Meinungen«: Freiburg und Paderborn natürlich. Sie wollen aus dem Machbaren das Unmögliche machen. Mit wenig Geld, aber viel Herz und Fußballverstand.
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Hamburg und Stuttgart dagegen haben mit viel Fleiß daran gearbeitet, sich Sympathien zu verscherzen. Immerhin gewinnen beide Liga-Dinos zum Schluss noch Sympathiepunkte. Der HSV mit seinem neuen Springteufelchen auf der Trainerbank, der VfB mit seinen Profis, die per Affentanz ihren knurrigen Trainer witzig-freundlich zum Affen machen.
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Betreiben die Bayern Wettbewerbsverzerrung? Müssten sie nicht mit gleicher Energie und Aufopferungsbereitschaft kämpfen wie ein Abstiegskandidat? Wer die Frage bejaht, war nie Leistungssportler. Wollen wollen sie wohl, aber können können sie nicht mehr. »Schwach wie eine Flasche leer«, nicht im Trapattoni-Sinn, sondern weil sie zwangsläufig das sind, wofür es heutzutage ein Fremdwort gibt, das auf einem deutschen Wort beruht: ausgebrannt. Wahlweise: Akku schwach wie Flasche leer.
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Was das bedeutet, erfahren auch Radler, die auf ein E-Bike umgestiegen sind. Ist der Akku voll, können andere am Berg nur neidisch hinterher schauen. Aber wehe, der Akku ist leergefahren – dann wird der »Körper«, das Rad, bleischwer, man strampelt sich keuchend ab und kommt dennoch kaum von der Stelle.
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Am vorletzten Spieltag wurden einige Abschiede gefeiert, laute und leise, provokant voreilige (Castro!) und wehmütige. In Mainz musste sogar der als »Eisenmann« gerühmte Nikolce Noveski weinen. Unter den Abschiedsgrüßen sah man auch die Aufschrift: »O Captain mein Captain.« Das kennen wir doch? Zuletzt bei Caren Miosga, die auf dem Studiotisch stehend den Abschied von Robin Williams moderierte.
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Viele wissen noch, dass Miosga in den »Tagesthemen« die Schlussszene des wunderbaren Films »Der Club der toten Dichter« zitierte, in dem die Schüler auf ihre Tische steigen und ihren Lehrer (Williams) mit »O Captain! My Captain!« verabschieden. Aber wissen Sie auch, dass das Miosga-Zitat des Schüler-Zitats ein Gedicht von Walt Whitman zitiert? Dessen »O Captain! My Captain!« kreist um die Ermordung von Abraham Lincoln. »Our fearful trip is done (…), / the prize we sought is won (…) / But O heart! heart! heart! O the bleeding drops of red / Where on the deck my Captain lies, / Fallen cold and dead.«
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Na ja, »fallen cold and dead«, da enden zum Glück alle »O Captain«-Gemeinsamkeiten mit den Noveskis dieser Saison.
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Nun müsste ich noch auf Thomas Gottschalk zu sprechen kommen, der unermüdlich 65. Geburtstag feiert und mich letzte Woche fremdschämen ließ, als der von mir durchaus als Tele-Genie Bewunderte in der »Sky«-Expertenrunde neben hochkarätigen Fußball-Größen saß und immer wieder eitles, belangloses Zeug dazwischen quakte. Oder auf Markus Rehm, der mit seinem 8,29-Meter-Weltrekord drauf und dran ist, meine Vorhersage zu bestätigen, dass die Diskussion spätestens dann beendet sein wird, wenn er zehn Meter weit springt. Oder auf meine Ratlosigkeit über Thomas Schmitt, jenen Kugelstoßer, der aus dem Nichts kam, seine Bestleistung um fast zweieinhalb Meter auf 21,35 Meter verbesserte und jetzt bei der Hochschul-DM 17,16 Meter weit stieß.
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Na ja, erwähnt habe ich es damit immerhin. Letztes Thema aber: die Politiker und der Sport. Es begann mit Churchill (»No sports!«), der in Angela Merkel eine würdige Nachfolgerin bekam, deren sportliche Aktivität sich in putzigem Patschhändchen-Applaus und gelegentlichem Wandern erschöpft. Dann kam, buchstäblich ein Quanten-Sprung, Barack Obama, dessen Gang dem eines NBA-Profis ähnelt, der zum Power Dribbling mit abschließendem Slam-Dunk ansetzt. Aber jetzt! Wladimir Putin, der sportliche Tausendsassa, der taucht, schwimmt, reitet und kämpft (Judo!) wie kein Zweiter, hebt nun auch noch die Eishockey-Welt aus den Angeln und schießt in einem Match mit NHL-Veteranen zwölf Tore.
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Die Abstiegsfrage in der Bundesliga wird erst am nächsten Samstag beantwortet. Aber wenn Putin fragt, wer der beste Sportler im Politiker-Land ist, antwortet schon heute das Spieglein an der Wand: »Ihr seid der Beste hier. Aber der kleine, dicke Kugelblitz hinter den Bergen, der ist noch tausendmal besser als Ihr.« Denn der schießt in einem Eishockeyspiel mindestens hundert Tore. Gegnerische Verteidiger werden gegebenenfalls wegen Respektlosigkeit hingerichtet. Per Flic-Flak. (gw)
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(www.anstoss-gw gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle