Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 16. Mai)

Mit diesem Text bin ich dem FC Bayern und Schalke 04 einen Schritt voraus: Er findet ohne Pep Guardiola und ohne Roberto Di Matteo statt. Ich könnte zwar wiederholen, was ich an dieser Stelle beim jeweils euphorisch gefeierten Amtsantritt der beiden geschrieben habe, doch mag ich nicht plump auftrumpfen. Da meine Kolumnen im »Anstoß«-Paralleluniversum des Internets nachzulesen sind (»Sport, Gott & die Welt«), können interessierte Leser dort meine frühe Skepsis mit der allgemeinen heutigen vergleichen. Hier nur so viel: Was den Heilserwartenden damals als fiese Stänkerei vorgekommen sein könnte, liest sich heute wie eine Sympathieerklärung für zwei Trainer, von denen nichts weniger erwartet wurde, als den Fußball ihrer Klubs neu zu erfinden – was auf Schalke schwierig und bei den Triple-Bayern ein Ding der Unmöglichkeit war. Und ist und bleibt.
*
Im Halbfinale wurde auch schon ein Endspiel gewonnen: das von Lionel Messi gegen Cristiano Ronaldo um die Weltfußballerschaft. Es sei denn, Andrea Pirlo, das Fußball-Genie von der traurigen Gestalt, trumpft gegen Barca als dann einmal herzlich lachender Dritter auf. Axel Hacke, das Glossen-Genie vom »SZ«-Magazin, über Pirlo: »Ein Mann, der die herrlichsten Pässe mit einer Aura spielt, als wollte er sagen: Na gut, dann spiele ich diesen Pass eben doch, wenn ihr es unbedingt wollt, aber was ändert es schon daran, dass die Welt schlecht ist und wir alle sterben müssen.«
*
Ein Satz, der auch dem Philosophen Odo Marquard gefallen hätte. Marquard, einige Jahrzehnte in Gießen tätig, ist jetzt im Alter von 87 Jahren gestorben. Ich habe ihn in seiner Anfangszeit in Gießen im Seminar erlebt und viel später als schon älteren Herrn im Rahmen einer Porträtserie (»Die andere Seite«) kennengelernt: Ein wunderbarer, liebenswürdiger, verschmitzter Herr, der mir damals, als Helmut Kohl noch allseits als provinzielle »Birne« verspottet wurde, für ein Interview das schöne Bonmot schenkte: »Wer Kohl unterschätzt, wird überschätzt«.
*
Ein großer deutscher Philosoph. Ihn gekannt zu haben, ist ein Privileg. In meinen Texten habe ich mir angewöhnt, Leser-Kritik immer zu veröffentlichen, freundliches Lob aber dezent zu verschweigen. Doch auf ein Lob bin ich derart stolz, dass ich mir die Karte, auf der es steht, seit 25 Jahren aufgehoben habe. Von Odo Marquard, nach einem umfangreichen Text über ihn: »Im übrigen: großes Kompliment!« Danke, Herr Marquard.
*
Zurück zum Sport. Am Mittwoch hat neben Turin auch Borussia Dortmund gewonnen und im Saisonversöhnungsspurt zu den Bayern aufgeschlossen: Beide sind erst an einem Champions-League-Finalisten gescheitert. Sollte Dortmund auch das DFB-Pokalfinale gewinnen, stünde es nach dem Negativ-Countdown der Münchner (3 – 2 – 1) im Titelsammelrennen eins zu eins unentschieden.
*
Nebenbei: Welch ein überbordendes, schon absurdes Selbstverständnis muss man beim ZDF haben, wenn man einen Skandal daraus macht, dass ein zum Interview bereit stehender Spieler nun doch erst in die Kabine geht, weil dort der Trainer der Mannschaft etwas zu sagen hat. Oliver Welkes betriebsblind selbstgerechte Empörung wäre ein gefundenes Fressen … für Oliver Welkes »heute-show«.
*
Mediale Anmaßung auch, wie die »Frankfurter Rundschau« bei den internen Machtspielchen der Frankfurter Eintracht mitmischt und Einfluss nimmt. Thomas Schaaf ist nicht Guardiola, wurde aber ähnlich heilserwartend empfangen. Seitdem die Eintracht wider Erwarten der üblichen Traumtänzer nun doch nicht mit Hurra-Fußball die Konkurrenz – am besten inklusive der Bayern – vom Platz fegt, ist die FR seit Wochen eifrig dabei, die mittelprächtige Saison zu einer katastrophalen hinunter zu schreiben. Kaum versteckte Drohung: »Sollte er« – gemeint ist Heribert Bruchhagen – »sich eindeutig zu Thomas Schaaf bekennen, könnte (ihm) durch den Aufsichtsrat Ungemach drohen«.
*
Um den Frankfurter Presseproporz zu wahren: Auch die »Frankfurter Allgemeine« mischt sich tendenziös in die Politik ein und veröffentlicht unter der Schlagzeile »Kampf um die Befreiung vom ›Glücksspiel-Diktator‹« einen Text, hinter dem ein besonders kluger Kopf stecken könnte: Ein Ass aus der Lobbyismus-Branche, das das Kunststück fertigbringt, eine reine PR-Aktion pro private Wettanbieter und kontra staatliches Glücksspielmonopol als redaktionellen Artikel in der FAZ unterzubringen. Sauber!
*
Das staatliche Glücksspielmonopol, das manches persönliche Unheil verhindert, ist leider kaum noch existent und wird bald, dem Trend der Zeit und ihren PR-Mitarbeitern folgend, nur noch Geschichte sein. Schließlich hängt schon die halbe bis ganze Bundesliga am Tropf der boomenden Zocker-Industrie. Warum nicht gleich auch noch das staatliche Gewaltmonopol beenden?
*
Wenn alle Wettanbieter die Zulassung erhalten und Eröffnung feiern, werde ich noch einmal Trost bei Odo Marquard suchen, der mir einmal seinen Lieblingswitz erzählt hat: »An einem Geschäft hing ein Schild: ›Wegen Eröffnung geschlossen‹.« (gw)
*
(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle