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Sonntag, 10. Mai, 5.45 Uhr

So früh noch? Ja, leider. Nicht nur wegen seniler Bettflucht. Heute gibt es kein KKK, da gleich die Hälfte von uns inkl. der besseren Hälfte von mir zum Sportwettkampf aufbricht. Zu Hause bleiben die alte (gestern) Geschorene und der alte Zausel, der ohne Knicks selbst für die beiden anderen K (Kaffee, Kuchen) sorgen muss.

Geschoren wurde die Berner Sennenhündin, damit sie im Sommer nicht so sehr unter der Hitze leidet. Mit ihren für diese Rasse fast methusalemischen elfeinhalb Jahren sieht sie jetzt aus wie ein junges Hundchen. Beim Sportwettkampf der anderen Hälfte (Coach und Athletin) gelten übrigens keine menschlichen Regeln.

Die “Montagsthemen” sollten einmal, so meine Absicht beim Erfinden dieser Kolumne, die kleinen Themen am Rande beinhalten, als ein Gegengewichtchen zu den auf soundsoviel Sportseiten abgehandelten Hauptthemen und als Anreiz für Leser, die sonst gelangweilt bis verächtlich an den Sportseiten vorbei blättern oder den Sportteil gleich ganz mit spitzen Fingern aus der Zeitung heraus zuppeln und am Frühstückstisch zum Sportfreak der Familie rüber schnippsen. Das hat sich, ohne dass ich es gemerkt oder gewollt hätte, im Lauf der Jahre gewandelt. Heute, also für morgen, will ich versuchen, zurück zu den Wurzeln zu kommen. Bietet sich ja auch an, denn das Hauptthema wären die Bayern, ihr Hinspiel-Desaster und die Rückspiel-Hoffnung, Messi und Guardiola, aber zu all dem ist von allen alles und noch viel mehr gesagt, geschrieben und gesendet worden. Und wenn das Wunder, das gar kein so großes Wunder wäre, eintreten sollte, müsste alles, was gesagt, geschrieben und gesendet wurde, in die Tonne gekloppt werden.

Meldungen der Nacht: Bei dpa sind es die boomenden Hörgeräte. Thema für mich. Mit meinem höre ich kaum besser, nur lauter. Vor allem die Störgeräusche sind laut. / Eine Meldung aus Hessen. Ein 70jähriger Fahrradfahrer verunglückt tödlich. Auf einer Skaterbahn. / Top-Meldung von “Bild”: “Nachtwölfe-Boxer haut Sturm in die Seile” – “Nachtwölfe”, sind das nicht Putins Rocker, die auf Deutschland-Tour sind? Egal. Putin: Ich gehöre nicht zu den “Putin-Verstehern”, aber auch nicht zu seinen Verächtern. Deren Verachtung wird von interessierter Seite gespeist und munitioniert. Heikles Thema. Selten gibt es solche Geschichten wie jene von Putin selbst, die ich gestern in der “FAZ” gelesen habe. Stand dort schon vor ein paar Tagen, ich hatte die Seite herausgerissen und zu den vielen anderen herausgerissenen Seiten mit mir lesenswert erscheinenden Artikeln aus deutschen Zeitungen und Zeitschriften gelegt, um sie später abzulesen. Darin schreibt Putin über seine Familie, was sie im Krieg erlebt hat und wie sie später damit umging. Beeindruckend. Mir scheint sowieso schon lange, dass Putin uns mag, gerne unser Freund wäre, immer noch. Und die Ukraine, die ist sowieso ein sehr weites Feld.

Ebenfalls im Stapel gelesen, ich habe vergessen, aus welcher Zeitung: Interview mit einem Psychiater nach dem Bekanntwerden, dass der Pilot den Absturz offenbar schon auf dem Hinflug geprobt hat. Tenor: Er ist kein Opfer (einer Depression), sondern Täter (aus narzisstischer Kränkung). Sag ich doch! Das habe ich auch, wenn mich nicht alles täuscht, kürzlich im Blog geschrieben, ohne dazu den Probe-Absturz als Beleg zu benötigen. Ich gebrauche das Wort “Diskriminierung” selten bis nie, aber hier ist es angebracht: Den Massenmord mit einer Depression des Täters zu begründen und zu “verstehen”, das ist eine Diskriminierung aller, die an einer echten Depression leiden.

Verblüffendste Lektüre aus dem Stapel: In der “Geld”-Interviewreihe der Süddeutschen Zeitung kam am Freitag der Ex-Knacki Peter Zingler an die Reihe, der als Schriftsteller und “Tatort”-Drehbuchschreiber bekannt ist. Letzte Frage: Wie fing das an? Zingler: “Ich hab im Knast erotische Geschichten geschrieben und für ein halbes Päckchen Tabak verliehen. Das kam gut an. Irgendwann habe ich jeweils eine Geschichte an Playboy, Lui und Penthouse geschickt. Nach drei Monaten hatte ich von allen drei Verträge, 1800 bis 3000 Mark. Da hab ich gesagt: Ok, jetzt werd’ ich Schriftsteller.”

Da war ich baff und wurde in die Vergangenheit geschleudert. Ich wollte einmal einen großen, ganz großen deutschen Roman schreiben, so eine Art moderne Buddenbrooks, mindestens. Jahrelang bosselte ich immer wieder daran herum, hatte schon viel geschrieben, kam aber mit der Komposition nicht zu Rande. Irgendwann gab ich enttäuscht auf, und da hab ich gesagt: Ok, jetzt werd’ ich halt doch kein Schriftsteller. Ich zog mich selbst noch weiter runter, indem ich aus meinem großen, hochliterarischen Werk, das die Feuilletons in Verzückung versetzen sollte, drei “Stellen” heraus pickte und diese Erotik- bzw. Sex-Passagen als eigenständige Geschichten an – Sie ahnen es! – Playboy, Lui und Penthouse schickte, also in tiefere Regionen des Körpers und meines hochfahrenden Geistes. Ich erhielt allerdings nur einen Vertrag, von Penthouse, aber immerhin zu den Konditionen, die auch Zingler bekam. Die Geschichte erschien in dem Männer-Magazin, fünf Seiten mit einer doppelseitigen Grafik, die einen überdimensionalen Muskelmensch zeigte, der einen Brief schreibt. Titel der Story (übrigens fast ohne  Sex und mit nur dezenter Erotik): “Kati, ich liebe Dich. Brief-Romanze von …”

Ja, von wem? Für alle drei Magazine hatte ich mir ein Pseudonym ausbedungen, das für Penthouse war: “Robert Vetzberg”.

Als die Geschichte erschien, las ich auch erstmals den Namen “Peter Zingler”. Er wurde in Penthouse als Autor der nächsten erotischen Kurzgeschichte angekündigt.

Sachen gibt’s. Lang, lang ist’s her. 1989 war’s. Jetzt ist es schon fast sieben Uhr am 10. Mai 2015 … da fällt mir gerade die heutige Blog-Anfangszeit auf: 5.45 Uhr. Ich habe zurückgeschrieben!

Und nun: Kaffee, Kuchen. Ohne Knicks.

 

Baumhausbeichte - Novelle