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Montagsthemen (vom 11. Mai)

»Montagsthemen« sollen die kleinen Geschichten am Rande des großen Sportgeschehens beinhalten, als Gegengewichtchen für die auf (zu?) vielen Montags-Sportseiten abgehandelten Hauptthemen. So jedenfalls meine ursprüngliche Absicht. Auch als Anreiz für Leser waren sie gedacht, die gelangweilt bis verächtlich an den Sportseiten vorbei blättern oder – gelle, liebste Zielgruppe? – den Sportteil mit spitzen Fingern herauszuppeln und zum Sportfreak der Familie rüberschnippen.
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Das hat sich, ohne dass ich es gewollt hätte, im Lauf der Jahre gewandelt. Heute will ich versuchen, zurück zu den Wurzeln zu kommen. Bietet sich ja auch an, denn das Hauptthema wären die Bayern, ihr Hinspiel-Desaster und die Rückspiel-Hoffnung, aber dazu ist von allen alles und noch viel mehr gesagt, geschrieben und gesendet worden. Und wenn das Wunder, das gar nicht so unmögliche, eintreten sollte, müsste alles, was gesagt, geschrieben und gesendet wurde, in die Tonne gekloppt werden.
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Also hinein ins Randgeschehen. Erstaunlichste Leistung des Wochenendes, gesehen auf Youtube: ein 30-Meter-Speerwurf von Bryan Clay. Der Zehnkampf-Olympiasieger von Peking 2008 stellte das lockere Würfchen ins Internet, wo es schon vieltausendfach angeklickt wurde. Der Clou: Am hinteren Ende des Speers ist eine Kordel befestigt, etwa acht, neun Meter lang, die im Mund der kleinen Clay-Tochter endet, festgebunden an einem Schneidezahn. Der Speer fliegt, das Kordel-Knäuel entknäuelt sich, strafft sich, die Fünfjährige spürt offenbar gar nichts, sondern läuft fröhlich hinter dem Speer her, um den fliegenden Zahn aufzusammeln.
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Einmal dabei, stößt man bei Youtube auf immer mehr Erstaunliches aus dem bunten Sportleben. Unter dem Suchbegriff »Hochsprung in Afrika« zum Beispiel sind zwei kenianische College-Jungs zu sehen, die bei einem Schulsportfest in Kenia eine Latte überqueren, die – geschätzt – über zwei Meter hoch liegt. Das Besondere daran verblüfft jeden sportkundigen Beobachter: Die »Anlage« – zwei behelfsmäßige Ständer und die Latte – steht ebenerdig auf staubtrockenem Lehmboden, ohne Aufsprunghügel, ohne Matte, die Springer landen auf dem harten Boden, und sie springen barfuß, frontal anlaufend und in einer Art Schersprung-Stil.
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Die Version, die ich gestern angeklickt habe, wurde von einem Scherzkeks mit hämischem Humor hochgeladen, denn nach den sensationellen Sprüngen in Afrika endet das Video mit einer Szene aus einem westlichen Supermarkt: Ein Kunde kommt rein, will abkürzen, springt über eine etwa 50 Zentimeter hohe Absperrungskette, bleibt hängen und wird unter einer Kaskade von Waren begraben, an deren Regalen die Kette befestigt ist. Schadenfreude pur. Ich verachte das. Wie alle diese und ähnliche Szenen, die im Netz kursieren. Aber gestern musste ich … leider lachen.
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Noch einen? Bitteschön: Das für mich verblüffendste (schon alte) Video wurde jetzt wieder von Brian Oldfield persönlich hochgeladen, ehemaliger Kugelstoß-Weltrekordler und heutiger Nostalgiker in eigener Sache. Auf Facebook führt der ehemalige Zweieinhalb-Zentner-Athlet einen Dunking vor und schmettert den »Ball« fast aus dem Stand, nur mit einem Impuls-Schritt, durch den Korbring. Der hat die offizielle Höhe von 3,05 m – und der »Ball« ist eine 15 Pfund schwere Wettkampf-Kugel. Auch diese Sentenz endet mit einem Schmankerl: Wettlauf Oldfields gegen eine Weltklassesprinterin, der Koloss gewinnt klar, galoppierend wie ein durchgehender Hengst. Die Geschlagene ärgert sich tierisch, Oldfield packt sie und wickelt sie sich wie ein Stoffpüppchen fröhlich um den Hals. Apropos »tierisch«: Niemand wird sich wundern, dass Oldfield in Fachkreisen nur »das Tier« hieß.
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Auch anderweitig boomen Fauna und Flora. Nicht nur im heimischen Garten, wie bei mir altem Weichei. Nein, »was die wilden Kerle wollen« (Süddeutsche Zeitung), das weiß die neue Zeitschrift »Walden«. Denn Männer können jetzt dort »nachlesen, wie man ein Kanu baut und wie schnell ein Grizzlybär rennt« (na ja, jedenfalls nicht schneller als Oldfield).
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Kleiner Trost für domestizierte Kerlchen wie für mich, der nicht im Wald mit Bären kämpft, sondern an seinem kleinen Gartenteich die winzigen Kaulquappen beim Wachsen beobachtet: Die Zeitschrift für Naturburschen gab sich ihren Namen nach dem gleichnamigen Buch (»Walden Oder das Leben in den Wäldern«) von Henry David Thoreau. Das habe ich irgendwann auch einmal gelesen und sogar auf unserer Bücherseite besprochen, daher weiß ich noch: Thoreau lebte zwar zwei Jahre in einer Blockhütte im Wald und schrieb darüber Naturphilosophisches, doch von der Hütte in die Stadt waren es nur zwei Kilometer, die ging er fast täglich, ließ sich dort die Wäsche waschen und schwadronierte auf Soireen faszinierter Damen der Gesellschaft über sein wildes Leben.
Wäsche waschen lassen und Schwadronieren – das kann ich auch. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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