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Camp Nou und Stockholm (“Anstoß” vom 7. Mai)

Der Mann hat eine Marathon-Bestzeit von 2:57 Stunden. Respekt! Pardon, liebe Freizeitläufer, nichts gegen eure vier, fünf Stunden, aber »unter drei«, das ist die Region, in der Marathonlauf erst beginnt, Marathonlauf zu sein.
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Mag sein, dass es momentan Wichtigeres aus Barcelona zu melden gibt (siehe oben). Aber diese 2:57 Stunden haben ebenfalls etwas mit dem Spiel in Camp Nou zu tun, denn der »Unter-drei«-Läufer heißt Luis Enrique und ist Trainer des FC Barcelona. Nach seiner Spieler-Karriere begann er zu laufen, mit Mitte 30, beim Abtrainieren packte ihn aber doch wieder der sportliche Ehrgeiz, und schon bald unterbot er die Drei-Stunden-Marke, Traumgrenze eines jeden engagierten Hobby-Marathonläufers.
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Mit anderen Worten: Lange nach der Blüte seiner Leistungsjahre lief Enrique in 90 Minuten mehr als 21 Kilometer, mithin fast doppelt so viele wie ein Bundesligaspieler, und das zweimal direkt hintereinander. Die reine Kilometer-Laufleistung, einer der Fetische der grassierenden Fußball-Statistikeritis, sagt daher als Zahlenwert alleine nichts aus. Ins Bild passt auch, dass Dortmund im Winter als Schlusslicht Erster in dieser Statistik war und Spitzenreiter Bayern Letzter.
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Aber das nur am Rande. Zurück zum Marathon. Demnächst wird in Stockholm gelaufen, ausgeschrieben als Internationale Nordische Meisterschaft. Fünf Monate lang blieb unbeachtet, was ebenfalls in der Ausschreibung stand: Start- und Preisgeld nur für skandinavische Läufer. Grund: Den Stockholm-Marathon hatte zuletzt 2001 ein Skandinavier gewonnen, seitdem greifen schwarzafrikanische Läufer die Preisgelder ab, mittelklassige Berufsläufer, die bei den großen Marathonläufen keine Chance haben und die kleineren abgrasen, bei denen sie den Einheimischen überlegen sind.
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Warum auch nicht? Ihr gutes Recht! Aber ist es nicht auch gutes sportliches Recht der Veranstalter, den skandinavischen Marathon auf diese Art gezielt zu fördern? Nein!, heult ein Kot-Orkan durchs Netz und fegt die rassistische Diskriminierung hinweg. Die Veranstalter, zutiefst verschreckt, geben klein bei.
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Aber ähnliche Einschränkungen gab es im Sport schon oft, meist aus ähnlichen Gründen. Man denke nur an die frühe Regelung in der Basketball-Bundesliga, die nur einen Ausländer pro Team erlaubte. In der Praxis war das meist ein Schwarzer, der in den USA keine NBA-Chance hatte. Von Diskriminierung redete niemand, im Gegenteil, der Ausländer wurde fast immer Held und Publikumsliebling der Inländer.
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Klar, dass derartige Einschränkungen in der heutigen Zeit unsensibel und ungeschickt wirken, aber sie sind keine rassistische Diskriminierung, sondern – zugegeben: täppische – Versuche, dem Sport den Vorrang zu geben. Die mittelklassigen Schwarzafrikaner sind den bestklassigen nordischen Marathonläufern überlegen, sie kommen nicht aus Freude am Sport und aus Freude an der Leistung, sondern aus Freude am leicht verdienten Geld.
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Auch das ist ihr gutes Recht. Wie es auch gutes Recht der Profifußballer ist, den Verein zu wechseln. Aber wenn ein Gündogan Dortmund verlässt, gilt er als treulos und undankbar, wenn ein Kruse seinen Vertrag nicht verlängert, wird er ausgepfiffen. Doch man stelle sich bloß vor, der schwarzafrikanische Sieger von Stockholm wird ausgepfiffen, weil er nur des Geldes wegen dort läuft …
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Ich habe Verständnis für die Geld-Läufer und die Geld-Fußballer gleichermaßen, aber auch Verständnis für diejenigen, die dafür kein Verständnis haben. Die Ware Sport ist zwar nicht der wahre Sport, aber was nützt mein altes Lamento, wenn der wahre Sport schon längst verschwunden ist wie die Laufbahnen in den Fußballstadien, und wenn die Ware Sport der einzige Sport ist, der noch übrig bleibt?
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Außerdem könnten wir uns auch fragen, ob wir in unserer Waren-Welt, die wie im Sport alles beherrscht, nicht sofort zugreifen würden, wenn wir an eine Arbeitsstelle wechseln könnten, bei der wir das Doppelte verdienen würden.
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Die Moral, die Treue, den Edelmut, die Charakterstärke, die wir von anderen fordern, sollten wir zunächst einmal an uns selbst erproben.
Na ja, aber wer bezahlt uns schon das Doppelte? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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