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Sonntag, 3. Mai 6.15 Uhr

Irgendwo in Amerika kloppen sich zwei, und es ist mir völlig egal. Seit Wochen nervt mich, dass die Sky-Sprecher mindestens zehn Mal pro Live-Fußball ihr Sprüchlein vom “Jahrhundertkampf” aufsagen mussten. Was übrigens jedes Mal ein Hinweis war, dass sie keine Journalisten, sondern PR-Angestellte sind. Einem Marcel Reif müsste das Messer in der Tasche aufgehen, aber wahrscheinlich redet er sich ein, das sei einfach nur professionell. Aber professionell wäre, wenn schon auf den Kampf hinzuweisen, dann auch darauf, dass das Drumrum völlig überzogen ist. Jahrhundertkampf? Ja. Der erste Jahrhundertkampf. Noch viele, viele werden folgen.

Keine Inspirationen in den Meldungen der Nacht. Ich erfahre nur, dass der Kampf, der eigentlich schon beendet sein müsste, verspätet begonnen hat. Die außerhalb des Sports wichtigste Hauptsache der Welt scheint die Geburt eines Kindes in England zu sein. Auch dafür fehlt mir jegliches Interesse. Wird das Kind mal König? Wer ist der Vater? Wer die Mutter? Die heißt Pippa. Nee, Kate glaube ich. Und ihre Schwester Pippa. Der Papa? Irgendein Sohn von Prinz Charles. I presume.

Klingt ziemlich miesmacherisch, was ich da so vor mich hin schreibe. Ist aber gar nicht meine Absicht. Bin auch kein Muppet-Opa, sondern habe ein sonniges Gemüt. Merkt nur keiner.

Mein sonniges Gemüt wundert auch, welch ein Aufregungspotenzial darin zu stecken scheint, dass Spione spionieren.

Jahrhundertkampf, Baby, Spione – ich bin doch gar nicht bissig, ich will doch nur spielen. Da freut mich, dass ich kein so mieser Außenseiter bin, wie ich manchmal befürchte. Zum Beispiel die Passage im “Sport-Stammtisch” zum “Fußballzwangsneurotiker” Guardiola. Am Freitag geschrieben, online gestellt (“gw-Beiträge Anstoß”), am Samstag Morgen in der Zeitung zu lesen, und Samstag Mittag lese ich im neuen Spiegel: “Was Guardiola an der Seitenlinie aufführte, lässt tief blicken in die Seele eines Menschen, der sich überfordert. Er sendete 120 Minuten lang mit Armen und Beinen geheime Botschaften  an sein Team, die offenbar niemand verstand; in der Pause vor der Verlängerung  versuchte er, Robert Lewandowski mit einer angedeuteten Kopfnuss zu instruieren, der wurde später mit einer Gehirnerschütterung ausgewechselt; den vierten Schiedsrichter schrie er gelegentlich an, um ihn sofort danach zu umarmen. Nicht Sportkommentatoren  sollten den Fernsehzuschauern am nächsten Mittwoch das Geschehen auf dem Spielfeld erklären, sondern Psychologen.” Sag ich doch: Fußballzwangsneurotiker.

Ebenfalls im “Spiegel”: Interview mit Johannes B. Kerner. Warum wirkt er im Fernsehen so unerträglich? Ich weiß es wirklich nicht. Früher habe ich manchmal den schwachen Gag gemacht, er sei nett, so nett, sooo nett, so furchtbar nett, so furchtbar. Aber ich glaube, er ist kein bisschen furchtbar, aber wirklich sehr nett. Übrigens auch in Fußball-Fachdiskussionen, und nicht nur das, sondern auch kompetent. Aber als Moderator … soo nett, so furchtbar nett.

Auch Jürgen Klinsmann ist nett, furchtbar nett. Er soll, so der “rote” “Kicker”, sogar auf der Kandidatenliste der Eintracht als Bruchhagen-Nachfolger stehen. Passt in das sich abzeichnende neue Bild der alten Diva. Auch Christoph Metzelder soll auf der Liste stehen. Aber glatte Musterknaben braucht die Eintracht nun auch wieder nicht. Und Veh erst recht nicht.

Da geht scheinbar doch noch der frühsonntagmorgendliche Muppet-Opa mit mir durch. Wo bleibt das Positive? Mittwoch, Barca gegen Bayern. Das wichtigste Spiel der Saison. Damit das noch wichtigere folgen kann. Alles, was über Guardiola geschrieben wird, vom “Spiegel” bis zu mir, kann Makulatur sein, wenn sich die Bayern durchsetzen. Das Zeug dazu haben sie immer noch und sowieso. Das Triple ist zwar nicht mehr drin, aber der DFB-Pokal ist am leichtesten zu verschmerzen. Setzen sie sich durch und gewinnen auch noch das Finale, dann ist alles gut.

Der Sonntagmorgenblog, der ein das ist, was ich hartnäckig vergessend ignoriere, könnte heute ein echter Stein(es)bruch sein. Ma gucke. Aber erst ma gucke, ob Boxen schon vorbei ist. Moment …

… Maiwetter hat nach Punkten gewonnen. Kein Wunder, in diesem Monat. Scheint ein lahmer Zock gewesen zu sein. Hat tatsächlich jemand Geld dafür bezahlt, so früh aufstehen zu müssen? Na ja, ich stehe ja auch ohne Not so früh auf. Ich krieg zwar nichts für, aber ich zahle auch nix.

Noch schnell die Mail von Detlef Hartig online gestellt (siehe “Mailbox”). Heinz Erhardt, natürlich liebe ich ihn. Das von Detlef Hartig genannte Gedicht folgt, Google sei Dank,  zum Abschluss und vor Kaffee-Kuchen-Knicks:

 

Flecke

(Das ABC der Menschenliebe)

 

Gott, voller Weisheit, hehr und mild, schuf uns nach seinem Ebenbild. Gewiß, wir Menschen sind gescheit, doch wo ist unsere Menschlichkeit ? Erscheint uns jemand edel, groß, so täuscht das: er verstellt sich bloß ! Erst wenn er Böses tut und spricht, zeigt er sein wahres Angesicht ! –

Um obiges nun zu beweisen, laßt alphabetisch uns verreisen, dann kann man sehn, was so geschah ! Wir fangen vorne an, bei A !!!

A (Amerika)

Amerika, du Land der Super- lative und dort wo James Cooper zwar seinen »Lederstrumpf« verfaßte, man aber die Indianer haßte, weshalb man sie, halb ausgerottet, in Reservaten eingemottet, sich dafür aber Schwarze kaufte, sie schlug und zur Belohnung taufte, doch heute meidet wie die Pest, sie aber für sich sterben läßt — wie beispielgebend stehst du da für Menschlichkeit ! O USA

B (Briten)

Jedoch auch sie, die vielen Briten, die Schott- und Engländer, sie bieten für unser Thema Menschlichkeit so manchen Stoff seit alter Zeit ! Nur waren’s statt Indianer Inder, die sie ermordeten, auch Kinder; und ähnlich Schreckliches erfuhren danach die Iren und die Buren, die man durch den Entzug des Fetts verschmachten ließ in den Kazetts ! Jedoch bei Völkern, welche siegen, wird sowas immer totgeschwiegen …

C (Christen)

Dann wäre da, bar jeden Ruhms, so manche Tat des Christentums, die, eben wegen seiner Lehre, am besten unterblieben wäre ! Man denke da zum Beispiel an Inquisition zuerst und dann an Waffensegnung mit Gebeten, um andre Gläubigen zu töten ! Auch dieses: lieber Menschenmassen verelenden und hungern lassen, statt man Geburtenregelung übe — auch das zeugt nicht von Menschenliebe !

D (Deutschland)

Nun: Wollt ihr, daß im Alphabet es mit dem D jetzt weitergeht ? Ist es nicht besser, wenn ich ende ? Wascht nur in Unschuld eure Hände und greift, kraft eigenen Ermessens, zum güt’gen Handtuch des Vergessens …

Doch hilft das Waschen nicht und Reiben: Die Flecke bleiben !

 

Jetzt weiß ich wieder, warum ich Heinz Erhardt liebe.

 

 

Baumhausbeichte - Novelle