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Sport-Stammtisch (vom 2. Mai)

Nach einer guten Stunde führten die Münchner Bayern nach Toren mit 1:0 und nach Punkten ungefähr so überlegen wie in der Bundesliga (37 zu null), doch dann kam der Trainer auf die Idee, aus dem Pokal-Halbfinale eine verfrühte Reha-Maßnahme für gerade erst schwer verletzte (Robben) oder noch angeschlagene (Schweinsteiger) Profis zu machen.
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Ein Zwangsneurotiker des Fußballs wird wie ein Übermensch bestaunt, der dem simplen Kick scheinbar den Über-Kick gegeben hat. Fußball 2.0? Ach was, mindestens Fußball 5.0! Doch er hechelt immer noch und erneut vergeblich dem Triple des altvorderen Vorgängers hinterher, obwohl er dessen Kader noch um einige Niveaustufen aufstocken durfte. Und vor allem: Das bisher wichtigste Spiel seiner Ära (Real) endete im Desaster.
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Thiago und Müller für Barcelona geschont, Robben und Schweinsteiger für Barcelona fatal vorgetestet – das Bayern-Spiel bekam das, was Badstuber schon vor seiner neuerlichen Verletzung hatte: Probleme mit der Statik. Fehlhaltungen und Meidbewegungen nach Verletzungen begünstigen neue Verletzungen an anderer Stelle, zumal bei zu früher Belastung. Dass Robben nur ein paar Minuten spielte und Badstuber seinen Sehnenriss nicht einmal spürte, muss nicht zwangsläufig daran und am Fitspritzen mit Schmerzmitteln liegen, aber ein Müller-Wohlfahrt wusste, was Guardiola von ihm erwartet und was er nicht erfüllen wollte.
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»Warum ist Guardiola der beste Trainer der Welt? Weil er in Barcelona auf Cruyff bauen konnte, der den ›Barca‹-Stil‹ erfunden hat? Auf Xavi und Iniesta, deren kluges und ein wenig langweiliges Monoton-Tocktocktock erst durch den Genialitäts-Irrwisch Messi Einmaligkeitsgröße erreichte? Ist Guardiola der beste Trainer der Welt? All das, was Guardiola zugefallen ist und zugeschrieben wird, kommt erst in München auf den Prüfstand.« (»Sport-Stammtisch« im Juni 2013).
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Die vier verschossenen Elfmeter? Dazu hätte es erst gar nicht kommen dürfen. Nicht geahndetes Hand- und Foulspiel? Marginalien, wenn die Bayern gegen erbärmlich harm- und einfallslose Dortmunder nur ihren Stiefel runtergespielt hätten. Dass ein fast langweiliges, extrem einseitiges Spiel doch noch in die Fußball-Historie eingeht, verdankt es nicht Klopp, sondern Guardiola.
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Als Klopp auf den Platz sprintete, knapp an Guardiola vorbei, antizipierte man in einer voraussprintenden Schreck-Zehntelsekunde, wie ein Bein hervorzuckt … nein. Quatsch. Kein Quatsch dagegen, dass der BVB nun ein Brüderchen im 5.0-Guru-Geiste Guardiolas griegt … quatsch … kriegt.
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Ziemlicher Quatsch, dass Medien-Profi Klopp auf der Pressekonferenz vor dem Spiel ohne Not dementierte, er sei von seiner Frau rausgeworfen worden und habe ein Verhältnis mit einer Spielerfrau. Ein Gerücht, dass zuvor keiner und danach jeder kannte. Klopp hätte sich besser an Gottfried Benn (in einem Brief an Ernst Jünger) gehalten: »Über mich können Sie schreiben, dass ich Kommandant von Dachau war oder mit Stubenfliegen Geschlechtsverkehr ausübe, von mir werden Sie keine Entgegnung vernehmen.«
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Mögliches Nebenprodukt des irrwitzigen Spektakels vom Dienstag: Alex Meier gewinnt das 1918 von Kaiser Wilhelm II. gestiftete Verwundetenabzeichen, bisher eher als Torjägerkanone bekannt. Apropos Eintracht: Hoffentlich täuscht die Befürchtung, dass sich nach der endenden, scheinbar zu ruhigen Bender/Bruchhagen-Ära eine Allianz der Windmacher auf den Weg zur Macht macht, unselige Zeiten wiederbelebend.
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Ganz anderes Thema: Belinda »former known as Bruce« Jenner. Natürlich macht man darüber keine Witze wie der US-Comedian Conan O’Brien: »Jenner hat die Scheidung eingereicht. Es gab Gerüchte über eine andere Frau, bis Bruce gestand. Ich bin diese andere Frau.« Kein Witz daher: Gleich nach der OP beginnt eine neue Doku-Soap mit Mrs. Jenner in ihrem neuen transsexuellen Leben.
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Heute nur negativ? Nein! Zum Beispiel das Radrennen, dessen Namen ich mir nach dem Ende des Henninger Turms nicht merken kann: Gut, dass die Gefahr rechtzeitig erkannt wurde, und erfreulich, wie unaufgeregt die Absage hingenommen wird. Gute Noten also für Staat, Sport und Gesellschaft.
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Gute Noten können sogar in Zwischenzeugnissen etwas bewirken: Als in Peking aus Anlass der Olympischen Spiele 2008 der Smog vorübergehend bekämpft wurde, kamen die Babys im Schnitt 23 Gramm schwerer auf die Welt als in den Jahren zuvor und danach. 23 Gramm – nicht viel für ein einziges Baby. Aber eine elegante Methode, die Geburtenkontrolle in China zu umgehen. Es gab zwar nicht mehr Babys, aber ein paar Tausend Tonnen mehr Baby.
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Ob es auch an verbesserten Ernährungsbedingungen der Pekinger Menschen lag, ist nicht überliefert. Überliefert dagegen ist, was der Peking-Mensch und seine Vorzeit-Kollegen aßen. Falls es Sie interessiert, sollten Sie zur ersten Feuilleton-Seite zurück blättern. Das ist zwar ein ganz anderes Thema, hat aber sogar dort etwas mit Sport zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle