Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Als wir Aas aßen (“Nach-Lese” vom 2. Mai 2015)

Als Josef H. Reichholf, es ist erst ein paar Tage her, einen runden Geburtstag feierte, würdigten ihn die deutschen Feuilletons in seltener Einmütigkeit als »Meister der Überraschung« (Welt) mit einer »Verneigung zum Siebzigsten« (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Wer nur Reichholfs Beruf kennt, den dürfte die Verneigung überraschen: Er ist kein Repräsentant der »schönen« Künste, sondern Naturwissenschaftler, ein Zoologe und Ökologe, der bis zu seinem Ruhestand einen drögen Titel trug, der Kultur-Eventhopper vor schauriger Langeweile erstarren lässt: »Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung München«.
*
Aber diese Nach-Lese wird, dank Reichholf, ganz gewiss nicht dröge. Versprochen! Der Mann, der einst zusammen mit Ikonen wie Bernhard Grzimek, Konrad Lorenz und Horst Stern die »Gruppe Ökologie« gründete, kennt nicht nur das Wirkungsgefüge der Natur, sondern auch das der Mediengesellschaft. Grundprinzip: Nur nicht langweilen!
*
»Machen Sie sich Sorgen wegen der Klimaerwärmung? Dann lohnt es sich, von den urzeitlichen Nilpferden in Rhein und Themse in Reichholfs Eine kurze Naturgeschichte der letzten Jahrtausende zu lesen. Sie fragen sich, warum die Menschen sesshaft wurden? Bei Reichholf können Sie in Am Anfang war das Bier nachschlagen, dass die Entdeckung des Bierbrauens und des ekstatischen Miteinanders den Ausschlag gab« (FAZ).
*
Auch zur Frage, die mich am meisten interessiert, hat Reichholf ein ganzes Buch geschrieben, dem die Frage sogar den Titel gibt: Warum wir siegen wollen. Es taucht, was mich wundert, in keinem Geburtstagsartikel auf, obwohl es vielleicht das reichholfigste Reichholfbuch überhaupt ist. Die Überraschung steckt schon im kompletten Titel: Warum wir siegen wollen – Der sportliche Ehrgeiz als Triebkraft in der Evolution des Menschen. Und dieser Ehrgeiz begann, so Reichholf, mit dem Großtierfleisch und uns Aasfressern. Also als wir Aas aßen? Meine stabgereimte Formulierung könnte Reichholf gefallen, sie gibt daher der Nach-Lese ihm zu Ehren den Titel.
*
Doch ist das wahr? Wie »wahr« das überhaupt? Ich greife zu Warum wir siegen wollen, lese und denke nach. »Das Siegenwollen steckt angeboren im Menschen und muss keinesfalls erst gelernt und anerzogen werden. Es geht um den Sieg, und der Vorgang heißt Sport.« Also: Evolution – der gnadenloseste Sport überhaupt? Die Sieger überleben (vorerst), die Verlierer scheiden aus dem Massenrennen aus . . . und sterben aus?
*
Aber warum? »Das Ziel als Ort anzustreben lohnt sich nur, wenn es dort etwas Erstrebenswertes gibt.« Was denn? Reichholf: »Das Ziel war das Großtierfleisch.« Und das ist der Knackpunkt. Nur wer der Großtierfleisch-Maxime folgt, der kann auch Reichholf folgen, dass der sportliche Ehrgeiz die Triebkraft in der Evolution des Menschen gewesen sei.
*

Folgen wir daher vorerst dem Meister: »Für das Großtierfleisch«, das für unsere Vorfahren – igittigitt – nur als Aas zu haben war (weil diese Tölpel zu dumm, ungeschickt und körperlich gar nicht in der Lage waren, lebende Büffel zu jagen), für verwesendes Fleisch also »sind wir aus baumhangelnden Waldaffen zu sprintenden Zweibeinern geworden«.
*
»Am attraktiven Frischfleisch des Großtierkadavers hat sich vielleicht schon vor mehreren Jahrmillionen auf unserem Weg zur Menschwerdung die entscheidende Weiche gestellt: Die Wendung vom Recht des Stärkeren zum Recht des Ersten« begann am Kadaver, glaubt Reichholf, sie hatte arterhaltenden Sinn und brachte entscheidende Wettbewerbsvorteile im Evolutionssport. Denn zwar konnte der Stärkste dem Schnellsten der Gruppe das Fleisch wieder abnehmen und sich den Bauch vollschlagen, doch im Gegensatz zum mageren Eiweißangebot im Urwald (Termiten, Nüsse etc.) blieb in der Steppe vom Großtierkadaver für alle etwas übrig.
*
Hier möchte ich Reichholf mit eigenen Feldforschungen ergänzen: Da die Frauen schon immer etwas schlauer waren, gingen sie mit dem Schnellsten ins Bett, wenn der vollgefressene Stärkste faul herumschnarchte. So wurden die Gorilla-Gene langsam zugunsten der Gene von schnellen, schlauen Adonissen ausgemerzt.
*
Da fällt mir ein, dass die Bonobo-Schimpansen, unsere nächsten Verwandten, total friedliche Gesellen sind, weil die Weibchen nicht mit dem Stärksten oder Schnellsten schlafen, sondern mit jedem, jederzeit. Das lässt keine Aggressionen aufkommen, aber dafür sind wir zu Menschen geworden, und ihr bleibt Affen. Ätsch!
*
Auch der Gemeinschaftssinn in der eigenen Gruppe und die Feindschaft mit anderen begann, als wir Aas aßen und endet im modernen Sport: »Was liegt näher, als anzunehmen, dass die Siegesgeste des Läufers, der als Erster durchs Ziel gekommen ist und seinen Erfolg durch Hochreißen der Arme zum Ausdruck bringt, das uralte Signal darstellt, das schon in der afrikanischen Savanne bei der Suche nach dem begehrten Großtierkadaver angewandt worden ist?«
*
Mensch, Reichholf, jetzt hör awwer ma uff! Wenn Usain Bolt im Ziel die Arme hochreißt, bedeutet das: »Hier liegt das Aas«!? Den Satz kannte ich als sinnvollen bisher nur von Jürgen von Mangers Schwiegermuttermörder.
*
Aber was weiß denn ich? Schon mein Forschungsergebnis, dass die Gorilla-Gene langsam zugunsten der Gene von schnellen, schlauen Adonissen ausgemerzt worden sind, stößt auf Widerspruch: Schön wär’s, klagen all die Frauen, die immer wieder über Restexemplare stolpern, die in einer Evolutionsnische überlebt haben.  (gw)
*****
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle