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Sonntag, 26. April, 6.20 Uhr

Klitschko hat natürlich gewonnen. Aber nur nach Punkten. In den USA also verloren. So wird er dort die knockoutgeilen Herzen nie gewinnen.

Als er jung, ungestüm und boxerisch noch ein wenig dumm war, hätte er die USA erobern können. Damals schlug er seine Gegner kurzrundig k.o., aber wehe, einer überstand die ersten Runden. Dann verwandelte sich Fallobst in furchterregende Monster. Für mich war das immer ein Musterbeispiel zur Veranschaulichung der muskelphysiologischen Trainingslehre. Muss mal in meinem Archiv nachschauen. Da war doch mal ein Kampf in Kiew, als Klitschko stehend k.o. war. Das war ihm aber auch eine Lehre, seitdem geht er locker über die Runden, schlägt niemanden mehr blitz-k.o., was aber für die weichgekloppten Gegner noch viel gesundheitsschädlicher ist.

So, das könnte ein Bröckchen für den „Montagsthemen“-Stein(es)bruch sein. Viel mehr fällt mir im Moment sowieso nicht ein. Doch, ein Klopp-Wort. „Sind auf Krawall gebürstet.“ Vielleicht kloppfe ich das mal ab. Aber ohne den Hammer-Gag „kloppfen“. Ist ja selbst unter meinem Niveau, solch ein schwaches Namenswortwitzchen.

Klopfen bringt mich aber zu Thomas Gottschalk. Der hat seine Memoiren geschrieben. Erste Kostproben deuten an, dass es kurzweilig zu lesen ist. Gottschalk halt: Unterhaltsam, manchmal kindlich naiv, manchmal nur kindisch, aber auch klug, und manchmal spürt man auch, dass er den intellektuellen Hintergrund hat (was für ihn eher ein Schimpfwort sein dürfte), den Harald Schmidt und Günther Jauch gerne hätten, wenn sie vorspiegeln, dass sie ihn haben.

Ist übertrieben, klar. Da geht mit mir die Lust an plakativer Zuspitzung durch. Aber jedenfalls hat Gottschalk mehr drauf, als er drauf zu haben vorgibt. Leider haut er aber auch drauf, und das vermiest mir meine Sympathie etwas. Im „Bild“-Vorabdruck beichtet er (ist ja Katholik), dass er seine Söhne zwei Mal geschlagen habe. Einmal ließ sein kleiner Sohn in der Eisdiele seine Eiskugeln vom Hörnchen auf den Boden fallen: Klatsch! Ein ander Mal fingerte das andere Söhnchen, einen DJ nachahmend, an einer LP herum: Peng! Auch wenn der Papst das seinen gar nicht schafigen Schäfchen ex cathedra und expressis verbis als „würdige“ Erziehungsmethode anpreist, enttäuscht mich das beim da etwas zu guten Katholiken Gottschalk.

Da fällt mir ein: Früher, sehr viel früher, ganz arg früher wollte mich ein Kollege (später Chefredakteur im Rhein-Main-Raum, leider recht früh gestorben) loben, indem er sagte, meine Kolumnen läsen (ist das der korrekte Konjunktiv?) sich wie Gottschalk-Moderationen, und ich wäre in diesem Stil der ideale „Sport-Studio“-Moderator. Ich werde nie erfahren, ob er mich auf den Arm nehmen wollte oder so falsch eingeschätzt hat, wie man einen Menschen nur falsch einschätzen kann. Ich kenne meine Nicht-Talente.

„Völkermord“ und „Entschuldigung“: Ich würde gerne wissen, ob auch in anderen Ländern derart um den Begriff „Völkermord“ gerungen wird. Dass es Massenmord war, ist doch eh klar. Ob man ihn so oder so nennt, scheint mir unwesentlich.

Soeben habe ich hinter mich gegriffen und „Middlesex“von Jeffrey Eugenides aus dem Bücherregal geholt, weil mir scheinbar eingefallen war, dass es in diesem Roman zu Beginn um die armenische Katastrophe ging. Doch beim Überfliegen des Klappentextes merke ich, dass ich da was verwechselt habe: „Ein junger Mann und eine junge Frau, Bruder und Schwester, fliehen vor den Türken nach Smyrna und, als die Stadt brennt, weiter nach Amerika. Es ist das Jahr 1922.“ Der Massen-Völker-Morde sind viele, nicht nur mit Türken als Tätern. Wer wüsste das besser als wir?

„Middlesex“ bringt mich aber auf die Idee, Bruce Jenner in die „Montagsthemen“ einzubauen. Bei Eugenides geht es aber andersrum: „Das Mädchen Calliope entpuppt sich als Junge, heißt von nun an Cal.“

Fast hätte ich die „Entschuldigung“ vergessen. Deutschland „entschuldigt“ sich für den türkischen „Völkermord“ an den Armeniern. Tragen wir auch daran die Schuld, dass wir uns entschuldigen müssen? Oder glauben wir, stellvertretend für alle Massenmorde der Historie büßen zu müssen, zu wollen? Da müssten wir uns ja auch für das entschuldigen, was die amerikanischen Siedler den Indianern angetan haben, und da waren sogar viele deutsche Auswanderer unter den Tätern. Warum wollen wir auch für Taten anderer die Verantwortung übernehmen, obwohl wir an den eigenen Taten genug zu tragen haben bzw.  hätten? Lenkt das vielleicht von der ureigenen Verantwortlichkeit ab?

Verantwortlich sind wir aber, stellvertretend für Europa, in der Tat für massenhaft Tote im Mittelmeer. Aber nicht, weil wir … ach, nein, selbst im Blog, den ich seit heute wieder spontan und ohne nachträgliche Korrekturen schreibe, scheue ich davor zurück, meine schlimme Vermutung in Worte zu fassen. Würde unmenschlich wirken, wie eine mathematische Gleichung: Mehr Gerettete heute = mehr Tote morgen.

Schreibschuster, bleib bei deinem Leisten. Ran an die „Montagsthemen“.

 

 

Baumhausbeichte - Novelle