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Montagsthemen (vom 27. April)

»Wir sind auf Krawall gebürstet und wollen uns nicht mit Blumen weichkochen lassen.« Ein seltsam verquerer Ausspruch von Jürgen Klopp, der doch als Lieferant punktgenauer Bonmots berühmt ist. Überhaupt, eine komische Redewendung, »auf Krawall gebürstet« zu sein. Woher kommt sie? Im Internet gefunden: »Das kommt von den Punkfrisuren: Auffällig und provokant gestylt, um andere in ihrer gesitteten Kultiviertheit schon nur durch das Aussehen zu erschrecken.« Mit einem Wort: Aubameyang? Das wäre ein schlechtes BVB-Omen für das Pokalspiel, denn der Outfit-Extremist aus Gabun tut nur so, ist aber ein ganz Braver und will nur spielen.
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Punk ist Quatsch. »Krawall« kommt, weiß mein »Lexikon des lateinischen Spracherbes«, vom lateinischen »charavallium« (= Krach, Katzenmusik). Wenn man Katzen gegen den Strich bürstet, protestieren sie laut und machen krawallige Katzenmusik. Mit derartiger Kakophonie gewinnt man aber nicht gegen das Bayern-Symphonieorchester … doch bevor ich weiter am schiefen Bild male, lasse ich es lieber ganz, sonst koche ich mich mit Blumen weich.
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Klitschko klopft seine Gegner mit Fäusten weich, was für die Weichgekloppten aber viel gesundheitsschädlicher ist als ein kerniger, kurzer, knackiger Knockout. Natürlich hat er wieder gewonnen. Aber »nur« nach Punkten. Der Gegner war nicht einmal richtig weichgeklopft. In den USA hat er also verloren. So wird er dort die knockoutgeilen Herzen nie gewinnen.
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Als Klitschko jung, ungestüm und boxerisch noch ein wenig dumm war, hätte er die USA erobern können. Damals schlug er seine Gegner kurzrundig k.o., aber wehe, einer überstand die ersten Runden. Dann verwandelten sich Opfer in Monster. Klitschko wurde ab und zu knockout geschlagen, mit Dampf in den Fäusten, aber ohne Ausdauer. In Kiew 1998 war er sogar gegen einen gewissen Puritty nach zehn hoch überlegenen Runden stehend k.o. und musste ohne Schlagwirkung aufgeben. Das war ihm eine Lehre. Er stellte das Training um, mittlerweile kann er auch spätrundig gewinnen, was aber die Maximalschlagkraft der ersten Runden beeinträchtigt. Das ist muskelphysio-logisch. Sollen sie doch pfeifen, drüben in den USA. Lieber langweilig gewinnen als spektakulär verlieren.
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Klitschko hatte auch noch das Pech, gegen einen zweiten Kontrahenten antreten zu müssen, der in den USA alle Schlagzeilen- und Einschaltrekorde bricht. Bruce Jenner (heute 65), der kraftstrotzende Zehnkampf-Weltrekordler und Olympiasieger von Montreal 1976, ist eine Frau. Sagt sie. Ein spätes, überlebensnotwendiges Outing – oder kalkulierte Fortsetzung der Kardashian-Dokusoap in extremis?
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Als der Sohn von Hermes und Aphrodite in der Quelle einer in ihn verliebten Nymphe badete, flehte diese die Götter an, ihn mit ihr zu vereinen. Die Götter, wieder einmal randvoll böser Albernheit, erfüllten ihr den Wunsch ganz wörtlich – der Hermaphrodit war geboren.
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Der Sport kennt eine ganze Reihe von ihnen. Manche stellten Rekorde auf und gewannen Goldmedaillen, schwiegen und schweigen aber ein Leben lang. Andere bekannten sich zu sich. Die österreichische Skiläuferin, die DDR-Kugelstoßerin, die bundesdeutsche Stabhochspringerin, sie tragen schon lange ihre neuen männlichen Vornamen. Dass der Weg zum Selbst ein harter, ein sehr harter Weg ist und mit Stolpersteinen wie Alkohol, Suizidversuch und Psychiatrie gepflastert sein kann, hat der geniale tragikomische Autor Simon Borowiak eindringlich beschrieben. Mittels chirurgischer und chemischer Geschlechtsangleichung zog er die äußeren Konsequenzen, um das kleine »e« am Ende seines Vornamens ausradieren zu können. Der großartige Roman zum Thema: »Middlesex« von Jeffrey Eugenides (2002 erschienen). Der Titel sagt alles. Bemerkenswert aber, dass der Hermaphrodismus fast immer in Richtung Mann korrigiert wird. Jenner ist die große Ausnahme. Damit beweist er auch, dass Anabolika ganz offensichtlich doch nicht vermännlichen und dass der Zehnkampf tatsächlich eine männermordende Disziplin ist.
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In der Ungnade der frühen Geburt kann ich Informationen aus dem Gedächtnis kramen, die selbst junge Nerds im Netz nicht finden. So wurde Bruce Jenner, die bisherige Vaterfigur im popoprallen Kardashian-Clan, schon drei, vier Jahre nach seinem Olympiasieg mehrfacher Millionär, vor allem durch Werbe-Einnahmen, zum Beispiel für Cornflakes. 1980 protestierte er dann, wie jeder echte Sportler, gegen den Olympia-Boykott. Scherzhafte Begründung: Ein Präsident, der keinen Zehn-Kilometer-Lauf durchstehen könne (Jimmy Carter war beim Joggen zusammengebrochen), sei inkompetent für Entscheidungen, die den Sport betreffen. Als Cornflakes-Käufer drohten, die Frühstücksflocken zu boykottieren, verkündete Jenner kleinlaut, der Präsident habe wohl doch recht mit dem Boykott. Sofort stieg der Cornflakes-Umsatz wieder und erreichte fast die Höhe der aktuellen Kardashian-Einschaltquote. Jenner zog also schon damals den Schwanz ein. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle