Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Dr. Hans-Ulrich Hauschild: So früh und schon so schwer

So früh am Morgen und solche schwerwiegenden und aufwühlenden Fragen und Themen? Das haben Sie nicht einfach so hingeschrieben – was Sie ja zuweilen betonen.
Auf die Gefahr hin mich hier vollends unbeliebt zu machen, antworte ich auf Ihre Massenmord- und Entschuldigungsfrage sehr kurz in Form von Gegenfragen, denn offenkundig sind ja Auffassungen, wenn sie in Frageform gekleidet sind, hier mit einem verminderten Maßstab zu betrachten.
Zu Ihrer Differenzierung zwischen Massen- und Völkermord will ich nur fragen: Ist die planmäßige Vernichtung einer offiziell als »Volk« benannten Gruppe, die Vernichtung, die mit industrieller Präzision und unter Inanspruchnahme einer hocheffizienten Verwaltungselite und einer zuverlässigen arbeitenden Industrie ins Werk gesetzt wurde, Völkermord, ja oder nein? Denn hier wurde mit staatlicher Vollkommenheit und Legitimation ein Genozid, also der Mord an einem Volk geplant und in das Werk gesetzt. Warum für einen als Vernichtung eines Volkes offiziell erklärten Vernichtungsakt nicht den dafür passenden Namen Genozid vewenden?
Muss sich Deutschland für die Tatsache, dass es den Völkermord an den Armeniern hätte verhindern können, es aber aus Gründen der Opportunität nicht getan hat, nicht entschuldigen? Zur Begründung: die Deutschen hatten 1915 ein erhebliches Interesse, die Dritte Front an den Dardanellen zur Entlastung der Kriegsführung im Westen und Osten aufrecht zu erhalten. Das ging natürlich nur mit Hilfe des osmanischen Reiches. Die deutsche auswärtige Administration kommentierte diesen Völkermord mit den Worten »War aber nützlich«.
Ihren Andeutungen zum Flüchtlingsproblem bzw. den Andeutungen trete ich hingegen bei. Wird doch nun auch in Regierungskreisen schon länger darüber nachgedacht, die Verteilung der Asylbewerber auf die einzelnen europäischen Staaten »gerechter« als bisher zu gestalten und vor allem die Entscheidung über Asyl oder nicht  so zu regeln, dass sie schon vor der Einreise nach Europa möglich wird. Der deutsche Innenminister deutete jedenfalls dergleichen an. Wie auch immer, man muss berechtigt sein, derartige Fragen auch ohne … (also Pünktchen, die das Eigentliche nur andeuten), zu stellen und zu diskutieren. Mit Psychologisierungen zu den angeblichen Ängsten der Deutschen – wie sie Herr Witteck neulich vorgenommen hat – ist niemandem gedient. Man hat keine Angst, man hat Bedenken, die zu diskutieren eine aus welchen Gründen auch immer interessierte Elite verhindert. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

Baumhausbeichte - Novelle