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Sport-Stammtisch (vom 25. April)

Im deutschen Pokal gegen Dortmund, im europäischen gegen Barcelona: Der Endspurt um Alles oder Nichts beginnt. So sieht das jeder, der den FC Bayern liebt oder hasst, also etwa 99,9 Prozent des fußballinteressierten Landes. Dass die Bayern das »Nichts« aber schon längst vermieden haben, unterstreicht nur ihre Ausnahmestellung: Deutscher Meister – für alle anderen Alles, für die Bayern nichts Besonderes. Heute, morgen oder erst übermorgen? Egal, sie sind’s doch schon seit vorvorgestern.
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Aber selbst für die Bayern war der Gala-Dienstag etwas Besonderes. Nun sind die  Jubelarien gesungen, das 6:1 ist fachlich hinreichend gewürdigt worden. Aber fehlt da nicht noch etwas? Ja, doch! Der wahre Grund für die turmhohe Überlegenheit der Bayern ist ein doppelter und dennoch ganz einfach: Die Konkurrenz lebt ihre Kreativität in Tattoo- und Frisur-Exzessen aus, die Bayern in Tor-Exzessen.
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Sie haben keine Tattoos, jedenfalls keine sichtbaren, und auch keine »Frisuren«, allenfalls Haarschnitte jener eingeschränkten Auswahl, die uns früher der Friseur gelassen hat: »Kurz oder Fasson?« Der Einwand »Boateng« zählt nicht, denn die Tattoo-Frisur-Rechnung funktioniert wie im Skispringen: Die beiden Extreme fallen aus der Wertung. Wobei es beim anderen Extrem egal ist, ob Neuer, Lahm oder ein anderer die Streichwertung liefert.
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Wenn man sieht, was andere Profis auf der Haut und auf dem Kopf tragen, greift man sich an denselben: Sind die noch ganz dicht? Wie sieht das denn aus? Denken die überhaupt nicht an die Zukunft? Klar, die Haartracht ist schnell geändert. Aber die Tattoos? Doch Moment mal – die Jungs sind cleverer, als man denkt. Selbst die vollprolltätowiertesten Arme sind frei von wahren Herzensbekenntnissen. Klar, manche lassen sich Name oder gar Bild der Liebsten stechen, und dann kann es peinlich werden, wenn verflossene Liebe eine tätowierte Ewigkeit hält. Aber »echte Liebe« gibt es bekanntlich nur im Fußball, und sie sucht man in den Tattoo-Landschaften vergebens. Es wäre ja auch nicht so ganz schlau, denn bei manchem Profi ginge es auf keine Tattoo-Haut, was da alles an Klub-Bekenntnissen zusammen käme, und gar ein BVB-Tattoo auf der Haut eines Schalker Neuzugangs – unvorstellbar.
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Etwas ernsthafter: Beim Versuch, das einzigartige Können von Manuel Neuer zu analysieren, kommt man schnell auch auf die unglaublichen Reflexe und die erstaunliche Beweglichkeit des 1,93-Meter-Mannes. Warum greift bei ihm die Faustregel nicht, dass jeder Zentimeter mehr ein Prozent an Beweglichkeit kostet? Man sieht doch schon bei spielenden Kindern: Die kleinen sind flink, die großen tapsig. Und da die Bewegungsgeschicklichkeit im Kindesalter an- und festgelegt wird, bleiben die kleinen Langen meist die ungeschickten Großen. Neuer ist eine Ausnahme. Warum? In einem Interview stieß ich einmal auf Neuers Randbemerkung, er sei als Kind immer einer der Kleinsten gewesen und erst sehr spät in die Höhe geschossen. Aha! Aber bevor ich mir die einfache Erklärung glaube, nimmt mir sie Dirk Nowitzki von oben herab aus der Hand. Der große Nowitzki ist schon als kleiner Dirk allen über den Kopf gewachsen und dennoch ein Bewegungswunder geworden, das es jenseits der 2,10m kein zweites Mal gibt.
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Apropos Nowitzki: Den NBA-Titel hat er schon, den MVP-Status ebenfalls, die Jahre zwicken, die Mavs liegen schon 0:2 zurück, warum tut er sich das alles noch an? Ich vermute, die Antwort zu kennen, die beste, die es gibt: Weil’s ihm noch Spaß macht.
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Dass Holger Geschwindner als Mentor am Werdegang Nowitzkis maßgeblich beteiligt ist, weiß jeder. Dass er eine verblüffende physiognomische Ähnlichkeit mit Gianis Varoufakis hat, weiß nur, wer ihn schon mal gesehen hat. Aber das nur am Rande. Dass Geschwindner im Trikot des MTV 1846 Gießen einer der besten deutschen Basketballer war, ist ebenfalls bekannt. Dass der MTV drauf und dran ist, wieder in die 1. Bundesliga aufzusteigen, aber schon lange nicht mehr MTV, sondern »Forty Sixers« heißt, freut sogar Namens-Traditionalisten. Denn »Männerturnverein« ist nicht nur irreführend, weil Basketballer nicht turnen, auch nicht an den Ringen, außer allenfalls nach dem Dunking am Ring. Viel bedenklicher ist die Festlegung auf »Männer«, wofür Genderkorrekte nicht den Aufstiegs-Daumen heben, sondern Disqualifikation fordern würden. Ein Hoch also auf die weise Vorausschau der Namensänderer!
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Wir heben den Aufstiegs-Daumen. Nur welchen? Mittlerweile gibt es nicht nur 60 Möglichkeiten, mit denen Facebook-Nutzer ihr Geschlecht angeben können (bigender, transmännlich, viertes Geschlecht, cross-gender usw.), sondern auch diverse Daumen unter den Emoticons, die mir mein Smartphone anbietet. Zum Beispiel einen, nun ja, braunen. Nicht als Erkennungszeichen für Neonazis, sondern als antidiskriminierende Alternative.
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Brauner Daumen? Fehlt noch der grüne Daumen, den manche haben (ich leider nicht), und auch den roten Daumen vermisse ich. Für Indianer und Engländer im Sommerurlaub. Aber das ist ein anderes Thema. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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