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35 – 25 – 15 – 5 (“Anstoß” vom 23. April)

Vor 35, 25, 15 und vor fünf Jahren jeweils im März/April: Kleine Texte in »gw«-Kolumnen, die heute nachdenklich stimmen können oder schmunzeln lassen. Oder beides. 35 – 25 – 15 – 5 – Los geht’s.

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Die Altersgrenze im Boxen soll auf 37 Jahre festgelegt werden, angeblich, um die Boxer vor gesundheitlichen Schäden zu schützen. Ich frage mich, warum immer nur die Sportler bevormundet werden müssen. Natürlich ist eine Altersgrenze sinnvoll, noch sinnvoller wäre aber ein totales Boxverbot. Ebenso ein generelles Alkoholverbot oder das Verbot des privaten Fahrens motorisierter Gefährte, deren Höchstgeschwindigkeit 50 km/h überschreitet. Es gibt so viele Möglichkeiten für Beschränkungen und Verbote, durch die der Mensch vor dem Menschen geschützt werden kann. Dennoch werden sie nicht erlassen, außer bisweilen im Sport, in dem wohl das gute Gewissen seine Alibi-Funktion erfüllen muss. Leben ist eben lebensgefährlich, und wenn sich ein alternder Boxer aus Enttäuschung über das erzwungene Ende seiner Karriere zu Tode säuft, vollzieht sich das Drama in der Regel hinter den Kulissen und lässt die Verbots-Pharisäer kalt. (16. April 1980 / Aktuelle Altersbegrenzungen: Amateure national 36; bei Olympia 34, für Profis angehoben auf das noch nicht vollendete 40 Lebensjahr. Wladimir Klitschko – auf seinen großen Bruder kommen wir auch noch – wird vier Monate vor den Spielen 2016 40, darf also nicht teilnehmen / In Profi-Kämpfen gibt es keine generelle Altersgrenze)

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»Bayern-AG« – klingt faszinierend, scheint aber – noch – nur die unausgegorene Idee, möglichst schnell mit möglichst wenig Gegenleistung an möglichst viel Geld heranzukommen. Aktionäre als stimmrechtslose Dukatenesel, die mal schnell 60 Millionen lockermachen für eine extrem überbewertete Aktie, deren Nennwert sich vorwiegend aus willkürlichen Transfersummen und imaginärem Spielerwert zusammensetzt? Die AG-Idee muss noch ausgegoren werden. Darauf warten wir gerne; denn unzweifelhaft benötigt die verkrustete deutsche Spitzensport-Struktur neue Organisations-Ideen. Seriöse Aktiengesellschaft statt (nur im Profisport!) veralteter Gesamtvereins- oder windiger Sponsoren-Konstruktionen – vielleicht die Lösung der 90er Jahre. (23. April 1990 / DIE Lösung gibt es immer noch nicht: Bayern, BVB, HSV, Wolfsburg, »RB«, 50+1 – viele Wege führen zum Ziel oder in die Irre)

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Dr. Faust alias Witali Klitschko hat einen neuen Spitznamen bekommen: Dr. Weichei. Derart ungewohnt dezent hat jedenfalls die »Bild«-Zeitung übersetzt, wie Klitschko in den USA genannt wird: Dr. No-Balls. Er gehört schon zu den Besonderheiten der englischen Sprache, dieser Unisex-Ausdruck, der bei Männern und Frauen unterschiedliche Geschlechtsmerkmale gleichnamig kennzeichnet. »Only the ball should bounce«, heißt es in Anna Kurnikowas Reklamespot für einen »schockabsorbierenden« Sport-BH. Und nicht die »balls«. Das ist auch der Unterschied zwischen Dr. Weichei und Dr. No-Balls: Weicheier können wenigstens noch bouncen . . . (15. April 2000 / Ohne weitere Worte 2015, aber in unteren Körperregionen geht es 2010 weiter:)

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Welcher Schiedsrichter hat denn nun die Arschkarte gezogen? Was als schmuddelige Anspielung auf die aktuelle DFB-Affäre missverstanden werden könnte, ist harmloser Wissensdrang, denn eine der vielen seltsamen Mythen der Neuzeit will wissen, dass die »Arschkarte« tatsächlich zuerst von einem Schiedsrichter gezogen wurde: Irgendwann im letzten Jahrhundert, als es schon rote und gelbe Karten, aber noch kein Farbfernsehen gab, begannen die Schiedsrichter, zur besseren Unterscheidung für den Fernsehzuschauer, gelbe Karten aus der Brust- und rote aus der Gesäßtasche zu ziehen. Ob’s stimmt? Es gibt so viele Mythen der Neuzeit. Zum Beispiel, passend zur Arschkarte, die erstaunliche Tatsache, dass der Mensch im Mund mehr Bakterien hat als im After. Interessant auch die Medecophobie, die Angst, andere könnten an der Ausbeulung der Hose die eigene Erektion erkennen, eine Furcht, die momentan in gewissen Schiedsrichterkreisen grassieren soll. (6. März 2010 / Mittlerweile ist die Erinnerung an die Affäre Manfred Amerell/Michael Kempter schon verblasst; Amerell starb 2012, Kempter pfeift heute in der Regionalliga) (gw)

* (www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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