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Sonntag, 19. April, 6.05 Uhr

Heute geht der erste Blick nicht nach draußen, sondern bleibt drinnen und richtet sich auf die  letzten beziehungsweise ersten Meldungen der Nachrichtenagenturen. Aber noch liegt kein Ergebnis vom Dirk-Nowitzki-Playoffspiel vor.
Der nächste Blick richtet sich in die Weiten der Netzwelt. Eingegrenzte Google-Suche, alle Sprachen, aber auf die letzte Stunde beschränkt. Nichts. Nur das hier, wohl aus einem »Livestream«: »Dirk Nowitzki screams in triumph after making a 3-pointer that turned into a 4-point play!« Ein Livescream im Livestream also. Mein im Lauf der Jahrzehnte abgebröckeltes Englisch will mir sagen, dass Nowitzki einen Dreier in ein oder zu einem Vier-Punkte-Spiel dreht. Oder wie? Oder was?
Da fühle ich mich ein bisschen wie Ben Bloom bei der BVB-Pressekonferenz. Der Junge ist jetzt weltberühmt, weil er englischen Humor, britisches Understatement und commonwealthweites Selbstbewusstsein live präsentiert hat. »Es gibt hier eine kleine Komplikation«, meldet der von seiner Redaktion nach Dortmund Geschickte, als er verblüfft feststellt, dass die kurzfristig angesetzte Pressekonferenz nicht nur in Deutschland stattfindet, sondern dass dabei auch noch deutsch gesprochen wird. So what aber auch! Sprechen die Kerle hier  einfach ihr Eingeborenen-Kauderwelsch statt unserer Weltsprache! Wie früher im Dschungel, als wir unser Empire aufbauten!
Sehr deutsches Selbstbewusstsein demonstrierte dagegen jener Mann, der sich als Korrespondent der Handwerkerzeitung vorstellte und nur eine Frage an Klopp stellte: Ob er für seinen Sohn eine Karte für ein BVB-Spiel bekommen könne, er, Klopp, habe ihm das mal versprochen. Da war selbst Klopp baff (»Ihr Selbstbewusstsein möchte ich haben!«). Im ersten und zweiten und dritten Moment dachte ich, mich für unsere Zunft fremdschämend, das sei fast idealtypisch für eine anmaßende innere Haltung, die ich in nur leicht abgeschwächter Form bei vielen ähnlichen Anlässen erlebt habe. Doch mittlerweile glaube – und hoffe – ich, dass wir alle auf eine geniale Verarsche reingefallen sind, so à la Hape Kerkeling oder Martin Sonneborn: Ein angeblicher Korrespondent der Handwerkerzeitung – »Handwerkerzeitung«! – stellt bei einer weltweit live übertragenen Pressekonferenz eine total irrsinnige Frage, bricht das überdimensionierte Spektakel um einen Fußballtrainer auf den allerkleinsten gemeinsamen Nenner herunter, auf die kleingeistige Anmaßung in eigener Sache. Genial! Wenn’s kein Ernst wäre.
Sonneborn? Hape kennt jeder, aber Sonneborn? Er ist nicht nur Ex-Chefredakteur der »Titanic« (gewesen), sondern Vorzeigefigur von »Die Partei«, für die er sogar im Europa-Parlament sitzt und die den schönen vollständigen Namen trägt: »Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative«.
Dass Sonneborn im Europa-Parlament sitzt, weiß Mister Bloom sicher nicht, aber es würde ihm sehr gefallen – und wenn er die Frage des Handwerkszeitungs-Korrespondenten verstanden hätte, wäre er vor Neid erblasst – die Deutschen haben ja nicht nur Klopp, den die Engländer so gerne hätten, sondern auch einen irren Humor, den längst nicht jeder Engländer hat!
Aber leider ist bei mir da wohl der Wunsch der Vater des Gedankens. Wäre halt zu schön: Die Welt weint um das Kloppo-BVB-Märchen, die Medien überschlagen sich, und der Handwerkerzeitungsmann hat nur im Kopf, für den Sohn eine Karte zu schnorren …
Zwischenblick und – klick auf die Dirk-und-Dallas-Lage … Mist! (SID) – Basketball-Superstar Dirk Nowitzki und seine Dallas Mavericks sind mit einer Niederlage in die Play-offs der nordamerikanischen Profiliga NBA gestartet. Trotz einer starken Leistung von Nowitzki verlor der Meister von 2011 bei den Houston Rockets mit 108:118. Nowitzki war mit 24 Punkten bester Werfer der Mavericks, die als Siebte im Westen in die Entscheidungsrunde eingezogen waren. Aufseiten der Gastgeber kam MVP-Kandidat James Harden ebenfalls auf 24 Zähler. – Aber was war das mit dem Dreier, der ein Vier-Punkte-Spiel dreht?
Noch ein Blick, diesmal auf die Uhr: Schon kurz nach sieben. Schreibe ich tatsächlich schon eine Stunde am Blog? Dann muss jetzt aber mal Schluss sein. Kaffee, Kuchen, Knicks und die »Montagsthemen« warten.
Letzter Blick zur Seite, in die Mailbox: Der Nachtbriefträger hat nur eine Mail eingeworfen: »Hallo, haben Sie schon von den lokalen Deutschlehrer aus Ihrer Nachbarschaft gehyrt?« Nee, hab ich nicht. Aber er scheint ja sein Fach zu verstehen, da sein PR-Mailmann nur zwei Fehlerchen macht. Ich werde die Mail an Mister Bloom weiterleiten.

Baumhausbeichte - Novelle