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Montagsthemen (vom 20. April)

Der Countdown läuft. 3 – 2 – 1 – Aus … der Bundesliga kennen wir die alte Weisheit: Wichtig is’ auf’m Platz. Für die Münchner Bayern, längst größer als jeder andere Bundesliga-Platz, gilt nicht die Orts-, sondern die Zeitbestimmung: Wichtig is’ im April. Das bestätigt auch Pep Guardiola: »Der April entscheidet alles.«
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Und das nicht nur in einem Monat, sondern an einem Tag: Dienstag, 21. April. Fliegen die Bayern raus, stürzen sie aus galaktischen Höhen ab. Mit einem winzigen Notfallschirm, der den Aufprall nur leicht abmildern könnte. Er öffnet sich am 28. April. Oder auch nicht. Dann wäre alles aus. Countdown: 3 (Heynckes-Triple) – 2 (Guardiolas Einstands-Double) – 1 (Ausstands-»Eintel« auf’m Bundesliga-Platz).
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Aber der April lehrt uns auch, die Bayern nicht voreilig auszuzählen. Noch ist alles möglich, nur die »0« wohl kaum (das »Eintel« scheint jedenfalls sicherer als Blüms Rente), und noch kann der Countdown sogar rückwärts laufen: 3 – 2 – 3. Denn wichtig is’ im April zu wissen: Er macht, was er will.
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Das Vorspiel zum Endspiel im Viertelfinalspiel wurde holprig, aber ohne zusätzlichen Kraftverlust gewonnen, trotz Dantes Slapstick-Zugabe. Und wer hilft den Bayern in der Not? Ein Frankfurter Bub! Den könnten wir Hessen jetzt sooo gut gebrauchen, dann wäre der April »unser« Europa-Monat! Aber das nur am Rande. Wichtig is’ der FCB. Dem fehlen nicht nur -zig Verletzte, sondern vor allem einer, der körperlich fitter ist als jemals zuvor seit Beginn seiner Manager-Karriere. Gerade in diesen verwirrend-verwirbelten Tagen wissen die Bayern, Akteure wie Fans, was sie an Uli Hoeneß hatten. Der ist erschlankt, hat aber nichts an Gewicht verloren. Nur kann er es nicht wieder auf die Bayern-Waagschale legen. Noch nicht.
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Bei Sammer weiß man nie, ob er Auftreten mit Zutreten  verwechselt, bei Rummenigge weiß man immerhin, dass der in Italien zum »Bella figura«-Fachmann Gereifte das Auftreten der Menschen an der Qualität ihrer Schuhe misst. Kein Wunder, dass Rummenigge größter Fan des auch modischen Avantgardisten Pep Guardiola ist. Fragt sich nur, warum der Mann mit dem Schuh-Tick seinem Freund Uli nicht dringend empfohlen hatte, die Schuhe, mit denen Hoeneß in der Steuer-Sch…uld steckte, rechtzeitig blitzblank zu wienern oder zu münchnern.
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Ich kann weder wienern noch münchnern, noch schwäbeln oder sächseln, meine Muttersprache ist Hessisch, aber da Deutsch meine erste Fremdsprache ist, hätte ich bei der BVB-Pressekonferenz wenigstens nicht unter dem Problem des »Telegraph«-Abgesandten Ben Bloom gelitten. Aber ich wäre auch nicht plötzlich weltberühmt geworden wie der Mann von der Insel, der englischen Humor, britisches Understatement und commonwealthweites Selbstbewusstsein live vorgeführt hat. »Es gibt hier eine kleine Komplikation«, meldete er in seinem Liveblog, als er verblüfft feststellen musste, dass die Pressekonferenz nicht nur in Deutschland stattfindet, sondern dass dabei auch noch deutsch gesprochen wird. So what!
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Sehr deutsches Selbstbewusstsein demonstrierte dagegen jener Mann, der sich als Korrespondent der »Handwerkerzeitung« vorstellte und nur eine Frage stellte: Ob er für seinen Sohn eine Karte für ein BVB-Spiel bekommen könne, er, Klopp, habe ihm das mal versprochen. Da war selbst Klopp baff (»Ihr Selbstbewusstsein möchte ich haben!«).
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Im ersten und zweiten und auch noch dritten Moment dachte ich, mich für unsere Zunft fremdschämend, das sei fast idealtypisch für ein Auftreten, das ich in leicht abgeschwächter Form bei manchen ähnlichen Anlässen erlebt habe. Doch mittlerweile glaube – und hoffe – ich, dass wir alle auf eine geniale Verulkung hereingefallen sind, à la Hape Kerkeling oder Martin Sonneborn. Ein angeblicher Korrespondent einer Handwerkerzeitung – »Handwerkerzeitung«! – stellt bei einer weltweit live übertragenen Wichtig-Wichtig-Pressekonferenz eine total irrsinnige Frage, bricht das überdimensionierte Spektakel um einen Fußballtrainer auf den allerkleinsten gemeinsamen Nenner herunter, auf die kleingeistige Anmaßung in eigener Sache. Genial!
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Sonneborn? Kerkeling kennt jeder, aber Sonneborn? Er war Chefredakteur der »Titanic« und ist Front-Mann von »Die Partei«, für die er sogar im Europa-Parlament sitzt und die den schönen vollständigen Namen »Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative« trägt.
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Wenn Ben Bloom das wüsste und wenn er den angeblichen Kollegen der »Handwerkerzeitung« (die natürlich prompt dementierte) verstanden hätte, es würde ihm sehr gefallen haben. Angenehm überrascht von deutschem Humor hätte er vielleicht sogar – was in einem unbewegten britischen Gesicht einem Lachanfall gleichkäme – anerkennend mit einer Augenbraue gezuckt. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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