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Sport-Stammtisch (vom 18. April)

Die Bundesliga-Blamage in Zahlen: BVB 0:3, Bayern 1:3, VW 1:4. Südeuropa schlägt zurück, schenkt der »besten Liga der Welt« ein und uns das passende Wort dazu: Strohflaschen. Die flogen vor 200 Jahren nach einer ausgebuhten Oper auf die Bühne, und zwar in Italien. Die zweckentfremdeten Strohflaschen (italienisch »fiaschi«) sind seitdem im Singular Synonym für schwer in die Hose Gegangenes: ein Fiasko.
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Wolfsburg spielte gegen Neapel so, wie sein Bundesliga-Überflieger Kevin de Bruyne aussieht: milchbubihaft. Fast wie eine Kopie des Dortmunder Strohflaschen-Fußballs gegen Turin. Der ist angesichts der großen Klopp-Oper schon Historie, hat aber scheinbar den FC Bayern inspiriert, der die gekonntest ungekonnten Slapstick-Einlagen von Hummels und Subotic von Alonso und Dante nachspielen ließ.
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Ebenfalls eine Reprise: Die Rivalität zwischen Guardiola und Müller-Wohlfahrt endet wie die zwischen Klinsmann und dem Bayern-Doc. Schon damals trat Müller-Wohlfahrt beleidigt zurück. Als Klinsmann gehen musste, kam er wieder. Und jetzt? Zwei große Egos im Zentrum ihrer eigenen Welt. »Es kann nur einen geben.« Im gleichnamigen »Highlander«-Film kämpfen zwei Feinde in der Tiefgarage unter einer Wrestling-Arena, einer schlägt seinem Rivalen den Kopf ab und wird von mystischer Energie aufgeladen, die aus der Leiche des Unterlegenen aufsteigt. Derart hammerhart geht es zwar selbst in Sammerland nicht zu, aber eine Portion mystischer Energie könnten die Bayern im Rückspiel gut gebrauchen.
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Auf der Spur der »Rivalen«:  Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bezeichnet ursprünglich einen Bauern, der sich mit einem anderen ein fließendes Gewässer (»rivus« = Fluss) geteilt hat. Da es dabei oft zum Streit kam, nannte man die Streithähne Rivalen. Und da nicht nur, wie Heraklit wusste, niemand zweimal in denselben Fluss steigen kann, sondern auch zwei Rivalen ihre großen Egos nicht im selben Fluss baden wollen, kann es in und an der Isar nur einen geben.
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Neben Eitelkeiten geht es auch um Sportmedizinisches. Die lange Verletztenliste, der Ärger um Riberys und Thiagos Behandlung in Deutschland und/oder Frankreich bzw. Spanien, das ist alles bekannt, muss hier nicht noch einmal nacherzählt werden. Stattdessen zwei nicht so bekannte Randnotizen: Müller-Wohlfahrt gilt als Klümper-Schüler (ja!), und er schwört auf das aus Kälberblut gewonnene »Actovegin«, das im Jahr 2001 auf die Dopingliste gesetzt und zwei Monate später wieder heruntergenommen wurde. Guardiola schwört zwar nicht auf »Nandrolon«, wurde aber als Spieler gleich zweimal positiv darauf getestet.
Vielleicht hat er sich aber nur mit Dieter Baumanns Zahnpasta die Zähne geputzt, auch da war »Nandrolon« drin. Und dass »Actovegin« erst kein, dann ein, dann kein Dopingmittel war, zeigt nur, wie absurd das populistisch-politisch gewollte Anti-Doping-Gesetz ist, mit dem der Rechtsstaat hinter sich ständig verändernden sportlichen Regeln her hecheln müsste, mit den Sportverbänden als Gesetzgeber für alle deutschen Staatsbürger. Aber das wieder einmal nur am Rande.
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Ganz und gar nicht am Rande: die große Klopp-Oper. Ist von allen schon alles gesagt? Nein, glaubt eine geschätzte Leserin, meinen Senf habe ich noch nicht dazugegeben. Stimmt nicht: Schon eine Stunde vor der Pressekonferenz am Mittwoch habe ich im Blog »Sport, Gott & die Welt« meinen Senf dazugeben. Kurz zusammengefasst: Schon lange scheue ich vor dem gar zu blödsimpel klingenden Gag zurück, der BVB-Niedergang habe mit Klopps Haartransplantation begonnen. Einem wie Klopp hatte man diese Art Eitelkeit nicht zugetraut. Dass er es dennoch tat, passte in das sich verändernde Bild, wie auch die etwas zu selbstgefällig wirkende Werbefigur Klopp. Nun hat er sich und seine Spieler verbraucht und abgenutzt, die »heißeste Nummer im Fußball« verkam zum ausgelaugten, ausgepowerten Team, das sich nur noch sehr sporadisch zu vehementen Kraftakten aufraffen konnte. Was trainingsmethodisch fast zwangsläufig ist, menschlich auch. Festzuhalten bleibt: Die Ära Klopp beim BVB war und bleibt einzigartig. Was fast ausschließlich am grandiosen Trainer lag. Wie allerdings auch der Niedergang.
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Dem habe ich auch heute nichts hinzuzufügen außer der Vermutung, dass Jürgen Klopp nie mehr ähnliche Erfolge feiern wird wie in Dortmund, dass er nicht in Deutschland bleiben, nicht in Italien oder Spanien »aufschlagen« wird (ein auch von ihm gern benutztes Modewort), sondern in England, und dass dort Liverpool der Klub ist, der am besten zu ihm passt.
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Liverpool. Beatles. BVB. Südkurve. In vorgezogener Erinnerung an unvergessliche BVB-Zeiten singt »Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band noch einmal«: It was twenty years ago today / Sergeant Pepper taught the band to play / They’ve been going in and out of style / But they’re guaranteed to raise a smile.
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Den Schlussakkord gab’s am Mittwoch, einem »Day in the Life«, und er hallt, wie auf diesem letzten »Sergeant-Pepper«-Lied, noch lange, lange nach. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle