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Dienstag, 15. April, 9.35 Uhr

Mit dem lateinischen Ausdruck Advocatus Diaboli, zu deutsch Anwalt des Teufels, wird im Bereich der Rhetorik eine Person bezeichnet, die mit ihren Argumenten die Position der Gegenseite vertritt, ohne ihr selbst anzugehören. (Wikipedia)

Vielleicht hätte ich statt des simplen “Andersrum”-Denkens den lateinischen Advokatus Diaboli bemühen sollen.

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Heute die “35 – 25 – 15 – 5″-Kolumne (steht schon online), gestern “Ohne weitere Worte” – beide sind Lieblings-Kolumnen von mir. Die eine aus ferner Vergangenheit, die andere ohne eigene (Meinungs-)Worte, daher beide zumindest theoretisch konfliktfrei. Ich dagegen bin mit den Jahren immer konfliktscheuer geworden, jedenfalls im Vergleich zu früheren Kolumnen. Wenn ich nur an Doping denke, den frühen Eintracht-Heynckes, überhaupt die Eintracht, Beckenbauer, Boris, Paralympics, die “Welt der Möpse”, Bodybuilding, Burnout, Catchen, DDR-Sport, Privatfernsehen, Werbung, Globalisierung, Fetisch Wachstum, Klümper, Krabbe, Baumann, Jan Ullrich, Olympia, Rassismus, innere Verwahrlosung, Biathlon, divers politisch Unangepasstes, moderne Völkerwanderung, Untergang des Abendlandes, Jogging oder gar  das “Bizarre Getto Frauensport” (dafür würde ich heute gendergeköpft) – da hatte ich noch Mumm. Oder bin ich nur etwas klüger geworden? Oder nur träge? Ohne Fragezeichen: konfliktscheu.

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Noch so ein Thema: Dass der schreibende Journalismus mit seiner Hinwendung zum Internet lustvoll am eigenen Ast sägt und sogar viel Geld und Geist in den eigenen Untergang investiert – damit bin ich im aktuellen Journalismus outer als out. Jahrelang haben wir, die schreibende Zunft, das Internet aufgepäppelt und aufgewertet, indem wir unsere journalistische Arbeit freudvoll und kostenlos (für die Nutzer; für uns sehr konstenintensiv)  ins Netz gestellt haben, das ohne uns als Massenmedium ein Sammelsurium von alberner bis gefährlichere Spielerei, Schwätzerei und Pornografie (geblieben) wäre und nur für spezielle Nutzergruppen (Wissenschaft etc.) von Belang und unverzichtbar. Die ganze Hinwendung zum Untergang hatte auch den Nebeneffekt, dass der Brotberuf vernachlässigt und sogar verachtet wurde. Früher machte es mir viel Mühe, junge Kollegen, die von ihrem ersten Volontärs-Seminar zurückkamen, wieder einzunorden. Stichwort: Jahreshauptversammlung des Kaninchenzüchtervereins. Die müssten raus aus der Zeitung, dafür mehr “gute Geschichten” rein, hatten sie vom Seminar mitgebracht. Meine Kolumnen wurden sogar als positive Beispiele für die “richtige” Art des Journalismus gelobt, ohne dass verstanden worden wäre, dass der “Anstoß” nur eine Kür ist, die Pflicht aber unser Brot und unseren Kuchen finanziert. Genauso wichtig wie der “Anstoß” war mir immer die Rubrik “kurz notiert”, in die ich oft nicht weniger Zeit investierte als in einen “Anstoß”, obwohl sie in etwa das “Kaninchenzüchter”-Image hatte.

Was soll’s. Was rege ich mich auf. Geht mich nichts mehr an. Ich habe es ja gut: Keine Pflicht mehr, nur noch Kür, nur noch aus Spaß am Schreiben. Ich säge nur, wie jeder, an seinem Lebensast, jedes Jahr ein Ratsch mehr. Aber Ihr, Ihr sägt auch an Eurem materiellen Existenz-Ast!

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Jetzt müsste ich zu einem anderen Bereich kommen, in dem am eigenen Ast gesägt wird. Aber das wäre schwierig, sehr schwierig und fast selbstmörderisch konfliktbehaftet. Ich versuche es dennoch. Steht dann ja nur im Blog. Vorab verweise ich noch einmal auf die Arbeitsweise  des “Advokatus Diaboli”.

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Das böse Wort von der “Lügenpresse”, der gleichgeschalteten, wird von uns, den Angegriffenen, natürlich empört zurückgewiesen. Zu Recht. Denn Lügner gibt es bei uns so viele oder wenige wie in jedem anderen Bereich, wahrscheinlich sogar deutlich weniger, da wir unter ständiger Kontrolle von Konkurrenz, Öffentlichkeit und den eigenen Lesern (Hörern, Zuschauern)stehen. Gleichgeschaltet sind wir auch nicht, jedenfalls nicht durch eine höhere Meinungs-Macht gesteuert, einer Art Meinungs-Mafia, in der nicht die Omerta herrscht, das Gesetz des Schweigens, sondern das Gesetz des Schwätzens, mit dem die “wahren” Wahrheiten überschwätzt werden.

Es ist viel komplizierter. In Land und Stadt beherrscht in allen meinungsführenden Bereichen (Politik, Presse, Kirche, Schule) eine Sicht der Dinge den “Diskurs” (auch so ein Modewort), die wider besseres Wissen die Augen vor Tatsachen verschließt und stattdessen die Welt so sieht, wie man sie eben sehen will. Das ist menschlich in mehrfachem Sinn, denn wer sie nicht so sieht, sondern sie vorurteils- und meinungslos beobachtet und analysiert wie zum Beispiel ein Insektenforscher einen Ameisenhaufen, und wer dies auch noch ausspricht, wird sofort in eine Schublade gesteckt, in eine ganz untere, in die man nur die miesesten Exemplare der Menschheit steckt. Und wer will da schon drinstecken?

Ich merke schon, dass ich ebenfalls drumrumschreibe. Ich möchte nämlich auch in keine Schublade gesteckt werden, in diese schon mal gar nicht. Ich versuche es daher mit Klartext, aber als Advokatus Diaboli in der Definition oben: Wir leben ganz offensichtlich in einer Zeit der Völkerwanderung. Wenn mich mein Schulwissen nicht täuscht, hatten alle Völkerwanderungen den Grund, den schlechten Lebensbedingungen in der eigenen Region zu entgehen, vorzugsweise in eine Region hinein, in der bessere Lebensbedingungen herrschen. Das endete fast immer mit einem naturwissenschaftlichen Prinzip. Stichwort: kommunizierende Röhren.

Tut mir leid, deutlicher kann ich es nicht sagen, auch nicht als “Advokatus Diaboli”. Wegen der dennoch drohenden Schublade.

Letzter Versuch: Immer, wenn ich Meldungen höre, dass wieder Hunderte von Boots-Flüchtlingen im Mittelmeer gerettet worden sind, denke ich sofort an die Tausende, die jämmerlich sterben werden, weil sie den Hunderten folgen werden. Jede Rettung macht das Geschäft der massenmordenden Schleuser lukrativer.

Die, die durchkommen, werden immer mehr. In der Theorie sprechen wir von “Begrüßungskultur”, es gibt in der Praxis viele schöne, bewegende Beispiele dafür. In der Praxis bleiben diese Beispiele aber in der Minderzahl. Und die unangenehmen Begegnungen mit den Neuankömmlingen häufen sich. In den Orten – und es werden immer mehr – in denen die Flüchtlinge in Massenquartieren untergebracht werden, wächst auch bei aufgeschlossenen, aufgeklärten Menschen, auch im halblinks-grünalternativen Milieu (jedenfalls, wenn sie im Umkreis der Massenquartiere leben), die hilflose Angst, da im täglichen Leben in der Begegnung mit den Flüchtlingen Dinge geschehen, die als bedrohlich empfunden werden.

Aber wir scheuen uns davor, das auszusprechen. Schämen wir uns? Fürchten wir, dass schon das Aussprechen des Offensichtlichen uns in die Nähe derjenigen rücken könnte, die ihre rechtslastigen Vorurteile laut rausschreien?

Aber was tun? Selbst als Advokatus Diaboli weiß ich es nicht. Ratlos.

 

 

 

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle