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Montagsthemen (vom 13. April)

Grand National in Aintree, Oxford  – Cambridge, Golf-Masters in Augusta, Paris - Roubaix: Tradition wurde an diesem Wochenende groß geschrieben. Ist ja auch richtig so, denn »tradition« wäre falsch.
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Tradition ist auch die erfreuliche Bilanz, dass in Aintree nicht nur die Pferde, sondern auch alle ihnen physiognomisch oft nahe stehenden Zuschauerinnen überlebt haben und nicht unter der Last ihrer zentnerschweren Hüte zusammengebrochen sind.
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Ganz neu dagegen die Erkenntnis, dass Paris – Roubaix eine späte Folge des Tambora-Vulkanausbruchs ist. Denn als Anfang des 19. Jahrhunderts Aschewolken eine Kältewelle verursachten und »die Bürger in ihrer Not viele Pferde schlachteten, suchte der Forstbeamte Karl Freiherr von Drais nach Ersatz« (»Spiegel«) und erfand mal schnell die »Draisine«, die Vorläuferin des Fahrrads, mit der man sich pferdeschnell fortbewegen konnte.
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Vom Pferd über das Wildschwein zur Katze: Der Pferde-Weltrekord im Hochsprung liegt bei 2,47 Meter. Den überboten nun einige Wildschweine, allerdings im Tiefspringen. Sie hechteten (oder wildschweinten?) in Panik zweieinhalb Meter tief auf eine Straße und verschwanden im Wald. Den Weltrekord im Katzentiefspringen hält dagegen ein Mensch. Aufgestellt von Thomas Middelhoff im Gerichtsstadion auf der Flucht vor Journalisten: »Ich bin wie die Katze übers Dach. Ich musste drei Meter tief auf eine Garage springen und dann noch einmal drei Meter auf die Straße.« Seitdem heißt er »die Katze«. Obwohl alles für die Katz war.
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Noch größer als Manager war nur und ist noch Martin Winterkorn. Ob ihn Ferdinand Piëch tatsächlich klein kriegt? Warum bloß will er ihn wegbeißen? Weil er’s kann. Und weil große Alpha-Tiere nur kleinere Alpha-Tiere um und unter sich dulden.
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Das größte Alpha-Tier, der Piëch der deutschen Fußball-Industrie, hält potenzielle Konkurrenz auf bewährte Weise klein. Ergebnis: Während der FC Bayern mit der Frankfurter Eintracht beim höchsten 3:0-Sieg aller Zeiten leichtes Kinderspiel hatte, musste BVB-Trainer Klopp seiner Mannschaft ins Zeugnis schreiben, was in der normalen Arbeitswelt in kein Zeugnis mehr geschrieben werden darf: »Sie haben sich stets bemüht.«
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Die vor zwei, drei Jahren heißeste Nummer der Fußballwelt ist allenfalls noch die zweitbeste Borussia Deutschlands. Der Hauptgrund dafür, auch wenn andere diskutiert werden, steckt im Beißreflex des Alpha-Tieres. Was der bewirken kann, wird mit »Andersrum«-Denken erkennbar, auch als »Baselitz-Methode« bekannt (der Großkünstler malt seine früheren Bilder neu, aber auf den Kopf gestellt). Andersrum gedacht: Wenn der FCB nicht Lewandowski und Götze vom BVB geholt hätten, sondern der BVB Neuer und Boateng vom FCB …
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Noch mal andersrum gedacht, diesmal zum  Pro und Kontra um bezahlte Polizeieinsätze im Fußball. In der Bundesliga sorgen die Veranstalter im eigenen, abgeschirmten Großtheater selbst für – mehr oder weniger – Ordnung. Sollen sie nun auch die Einsatzkräfte bezahlen, die im öffentlichen Raum für – mehr oder weniger – Ordnung sorgen? Spontane Antwort: ja, klar. Doch andersrum gedacht: Wer bezahlt die Polizeieinsätze bei anderen Großereignissen? Der veranstaltende Gastgeber (Beispiel: Pegida)? Oder der ungebetene Gast (Gegendemonstranten)? Oder wir alle?
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Auflockernde Zwischenfrage, leider nicht »Wer bin ich?«-geeignet, da leicht zu googeln: Was haben Jakub Blaszczykowski, Philipp Lahm und Andrea Pirlo gemeinsam? Oder, noch leichter: Welche drei Fußballstars werben gemeinsam für die Firma Drutex? Etwas schwieriger: Warum gerade diese drei? Vermutung: Weil »Europas Marktführer für Fenster und Türen« eine länderübergreifende Kampagne in Polen, Deutschland und Italien startet.
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Aber was haben die Drei mit Diego Maradona gemeinsam? Allenfalls die Körpergröße. Maradona kickte jetzt in Kolumbiens Hauptstadt Bogota bei einem Prominentenspiel »Für den Frieden« mit. Die »Hand Gottes«, die mit selbiger auch schon mal auf missliebige Journalisten schoss, zog eine authentische Maradona-Show ab. Wirkte anfangs irgendwie nicht ganz bei sich, entschied das Spiel dann durch eine »Schwalbe«, nach der er höchstpersönlich den Elfmeter zum 2:1 verwandelte, was der Torwart erkennbar nicht verhindern wollte. Dann schlug er einen Fan, der ihm zu nahe kam, und schließlich prügelte er sich mit Ordnern, als habe er sich vom Video des »Emirs« von Leverkusen inspirieren lassen. Alles »Für den Frieden«.
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Maradona hat also den Sinn von Wohltätigkeitsspielen voll und ganz erfasst. Man muss sich dabei mit der ganzen Persönlichkeit einbringen. Wie einst auch Oliver Kahn bei einer Benefizveranstaltung, als jeder gegen ihn verwandelte Elfmeter mit 500 Mark prämiert wurde. Olli hielt sie alle. (gw)
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(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle