Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Ostermontag, 6. April, 6.25 Uhr

Aber wer weiß, was da noch alles ermittelt wird. Gerade mal eineinhalb Wochen ist es her, dass ich diesen Satz im Blog geschrieben habe. Dann sickerte das Unfassbare durch. Mittlerweile gehen wir schon wieder zur Tagesordnung über. Fataler Nebeneffekt der Tragödie: Mit Depressionen wird in Zukunft noch viel weniger offen umgegangen werden als bisher, auch von den Betroffenen selbst. Denn das Wort wird nun mit Massenmord assoziiert. Das muss unbedingt noch ausgeräumt werden, sonst wird die fehlgeleitete Diskussion noch große weitere gesellschaftliche und individuelle Schäden anrichten. Auch wenn ich mich mit Depressionen weder selbst, in meiner Umgebung oder ganz allgemein auskenne, glaube ich vermuten zu können: Depressive sind potenzielle Selbst-, aber nicht Massenmörder. Wird dies nicht selbstverständlicher Konsens, könnte ich mir vorstellen, dass die Offenbarungsbereitschaft von Depressiven sinkt und ihr Suizidrisiko ebenso stark steigt.

Die ”One-Issue”-Gesellschaft, die sich immer nur mit einem Thema gleichzeitig beschäftigt, hat ihre Griechenland-Schlagzeilen eine Woche lang auf hintere Seiten in Medien und Köpfen verdrängt. Jetzt werden sie wieder nach vorne drängen, die Zeit zwischen deutscher und griechischer Karwoche war nur eine kurze Pause des unvergleichlich größeren Schreckens. Für die Griechen beginnt heute erst die “megali ewsomasa”, die “große Woche”. Dass Ostern im griechisch-orthodoxen Griechenland selten gleichzeitig mit uns gefeiert wird, wusste ich zwar, hatte auch eine ganz vage Ahnung (gregorianischer Kalender), aber exakt informierte mich erst heute früh mein – nicht gregorianischer – griechischer (Sprach-)Kalender: Weil sich die griechisch-orthodoxe Kirche nach dem julianischen (und nicht gregorianischen) Kalender richtet, fällt hier Ostern auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang. Verkomplizierung: Kollidiert dies mit dem jüdischen Passahfest, wird es wiederum um eine Woche verschoben.

“Heureka”, ich hab’s gefunden. Im Sprachkalender. “Heureka” heißt auch ein altes Buch, das ich soeben wieder entdecke. Untertitel: “Das archimedische Prinzip und 80 weitere Versuche, die Welt zu erklären – eine kleine Geschichte unseres Denkens von der Antike bis heute.” Nachdem ich zuvor einige Male vergeblich versucht hatte, Aristoteles & Co im Original zu lesen, hat mir dieses populärwissenschaftliche Buch von Michael Macrone die alten Denker (und auch neuere) näher gebracht. Ob das Buch noch erhältlich ist? Dazu müsste ich kurz aus dem Blog raus … Moment bitte … Ja, es gibt’s, Sachen gibt’s: zwar nur noch gebraucht, aber für einen Cent (plus 3 Euro Versand).

Beim ersten Wiederreinlesen, und nur deswegen komme ich hier auf “Heureka”, stoße ich auf einen Absatz, der überzeugend auch das alte Missverständnis vieler Kolumnen-Leser ausräumen kann, die das Kolumnen-Ich mit dem Ich des Schreibers gleichsetzen (nicht Nietzsche hat”Gott ist tot” gerufen, sondern “ein toller Mensch”). Ich versuche es immer mit Axel Hackes altem Kühlschrank-Freund Bosch: Hacke hat in vielen seiner großartigen Kolumnen lange Gespräche mit Bosch geführt, obwohl ich die leise Vermutung habe, dass Hackes eigenes Ich dies eher seltener tut und Bosch vielleicht sogar nur in den Kolumnen existierte. Auch mein “Anstoß”-Ich hat vieles erlebt, was ich nicht oder zumindest nicht so erlebt habe. Verkompliziert wird diese journalistische Schizophrenie durch die (nach meiner redaktionell verantwortlichen Zeit) eingeführten vollen und echten Namen plus Beweis-Porträtfoto über den Texten. Mein altes Kürzel “gw”, 40 Jahre lang mein Kolumnen-”Ich”, schreibe ich daher als Ruheständler nicht  aus eigennostalgischer Eitelkeit ans Textende, sondern als kleinen “Bosch”-Hinweis.

Ach ja, bevor ich ans “Montagsthemen”-Werk für Dienstag gehe: “Im Original” habe ich Aristoteles und Platon zwar zu lesen versucht, aber nur im deutschen Original. Ich bin ja kein ehemaliger Verteidigungsminister, der schon als Twen zur Entspannung im altgriechischen Original geschmökert hat. Dafür aber sind die Texte, die ich schreibe, keine Plagiate von größeren Geistern, sondern zwar von einem kleinen Geist, aber immerhin dessen Originale. Quod erit demonstrandum. Sofortigst in den “Montagsthemen”.

 

Baumhausbeichte - Novelle