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Montagsthemen (vom Dienstag/7. April)

Toro! Vier Buchstaben für eine Strategie, mit der schwächere Mannschaften und stärkere, die eine Ausfallwelle schwächer gemacht hat, den BVB besiegen. – Toro! So simpel wie erfolgreich: Den wilden Stier ungestüm angreifen lassen, bis er irgendwann ins Messer läuft. – Toro! Der Stier ist als Tier nicht lernfähig, er darf den Ernstfall sogar nicht trainieren, sonst würde er zu gefährlich. Und schon nach dem ersten Mal ist er mäusestiertot. Aber Dortmund? Klopp der Stier, Guardiola, der Torero? Klar, dieses Bild ist zu einfach, es verzerrt. Aber seltsam war es schon, wie gemütsruhig die Bayern notgedrungen auf ihren Fetisch »Ballbesitz« verzichteten und die Borussen ihn sich ohne Not in die Hand und den Fuß drücken ließen.
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Stopp! Ist dies nicht gerade eben jene vermaledeite Hinterher-Besserwisserei, die ich in dieser Kolumne schon so oft veralbert habe!? Was wäre gewesen, wenn Hummels vor dem 0:1 nicht geschlampt, Neuer beim Reus-Freistoß nicht so Neuer-artig reagiert hätte? Belassen wir es dabei: In einem nicht spektakulären, aber hochklassigen Spiel siegte der gehandicapte Favorit mit etwas Glück, mehr Können und größerer Cleverness.
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Ostersonntag, zwölf Uhr mittags: Der Papst spendet in Rom den Segen »urbi et orbi«, gleichzeitig beginnt in Madrid das Real-Schützenfest gegen Granada. Und das im erzkatholischen Spanien! Frage an Radio Eriwan: Hat FIFA-Boss Blatter also doch recht, wenn er behauptet, Fußball sei populärer und einflussreicher als das Christentum? Radio »Anstoß« antwortet: Im Prinzip ja, aber noch einflussreicher sind die Fernseh-Milliarden, die in Urbs und Orbis fließen, Anstoßzeiten fließend machen und christliche Tabus hinwegschwemmen.
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Fußball ist wie der April, er macht, was er will. Noch verrückter ist die »March Madness« in den USA, die College-Basketballmeisterschaft, die in den letzten »Montagsthemen« ein Themchen war. Mittlerweile wird das »chen« durch  einem Skandal abgehängt: Indiana(polis), wo über Ostern das Finale ausgespielt wurde, will ein »Anti-Diskriminierungsgesetz« erlassen, das dessen Gegner aber als Diskriminierung bekämpfen (Konsequenz wäre zum Beispiel, dass Ladenbesitzer Homosexuelle nicht bedienen oder Unternehmer sie nicht einstellen müssten).
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Schon die leise Vermutung, dass dies ein Thema ist, bei dem  viele Fettnäpfchen lauern, könnte als volles Hineintappen in ein solches gelten. Aber ist die öffentliche, demonstrative Toleranz und Akzeptanz bei uns manchmal nur dünner Firnis über den alten Vorurteilen? Kleines Indiz: Just als die Indiana-Diskussion begann, gab es in Deutschland eine Ratesendung, in der Prominente spontan Schlagzeilen zu einem Foto erfinden mussten. Einer – ein sehr bekannter, Sportler – gebrauchte zwei Mal – dalli-dalli! – »schwul« im negativen Sinn. Oder habe ich mich etwa verhört?
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Nicht verhört haben sich die Hörer eines Radiosenders in Australien. »Down under« ist Cricket populärer als Fußball, und als die »Aussies« dieser Tage ausgerechnet gegen Nachbar Neuseeland den Weltcup gewannen, flippte ein ganzer Kontinent aus. Die Spieler feierten nicht, bis der Arzt, sondern eine morgendliche Radiosendung kam. Sie riefen dort sturzbesoffen an und grölten wie die Ballermänner (Dank an unseren Leser Alex Kniss aus Niddatal für den Link-Tipp). In den empörten Kommentaren fiel auch der dezente  englische Ausdruck, die Jungs hätten sich »unsophisticated« benommen. Ich lernte aber auch ein englisch-australisches Slangwort kennen, denn sie führten sich wie »bogans« auf, die mein Wörterbuch als »Angeber, Prolls« identifiziert.
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Dazu fällt mir eine Sauf-Talkshow ein, die gestern bei Tele 5 zur Premiere stand oder wankte. Ich wusste gar nicht, dass es diesen Sender noch gibt. Ich hatte ihn schon in der Frühzeit der Privaten sofort wegschalten müssen, wenn dort Menschen hinter Vorhängen und mit verzerrter Stimme mich mit den unangenehmsten Geschichten aus ihrem Privatleben belästigen wollten. Ich schaltete so schnell weg, wie ich eine Tür wieder zudrücke, die der Mensch, der dort mit heruntergelassen Hosen auf der Kloschüssel sitzt, vergessen hat zu verriegeln.
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Zu guter Letzt: Ostern naht. Für die Griechen, deren Karwoche (»megali ewsomasa«, die »große Woche«) erst gestern begann. Weil sich die griechisch-orthodoxe Kirche nach dem julianischen (und nicht gregorianischen) Kalender richtet, fällt hier Ostern auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang.  – Liebe Leser, bleiben Sie sophisticated, auch wenn Bogans Ihnen die Laune vermiesen wollen. Ich wünsche Ihnen eine »megali ewsomasa«! (gw)
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(www.anstoss-gw.de Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle