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Walther Roeber: Gut nachzuvollziehen (zum Sonntagmorgen-Blog)

Bei ähnlichem Lebensalter kann ich Ihre nostalgischen Erfahrungen aus
Einzelerlebnissen gut nachvollziehen.

Klassenfahrt nach Berlin – wurde ja von der BRD gesponsort – mit
schikanöser Buskontrolle; das Kontrollpersonal kam offenbar bevorzugt
aus Gegenden, wo kein Westfernsehen zu empfangen war. Nach Ost-Berlin
durften wir ja nicht als Gruppe; es war schon spannend, als nach dem
“Einsickern” ein Mitschüler fehlte, der ohne Angabe von Gründen nicht
durchgelassen worden war, aber am Abend wieder zur Gruppe stieß.

Quartier war irgendwo in Marienfelde – weit im Süden. Ins Zentrum mit
der S-Bahn über  Friedrichstraße, wo die Bahn natürlich nur
durchrauschte, aber dennoch irgendwelche Grenzer patroullierten. Vom
Nachtleben (?) haben wir damals nicht viel mitbekommen, denn um 23 Uhr
war für uns Sperrstunde und die Fahrt dauerte schon reichlich lange.

Später mit dem Auto ein paarmal nach Berlin und ein oder zweimal
geflogen. Beim Fliegen wegen der Höhenbegrenzung die unruhigsten Flüge
meines Lebens erlebt… Und bei den Autofahrten einige Male mit dem
“Arsch auf Grundeis gegangen”. Die Flintenweiber an der Grenzkontrolle
beherrschten die Einschüchterung perfekt. Einmal bei strahlendem
Sonnenschein am Grenzposten zusammengeschissen, weil ich vergessen
hatte, die Sonnenbrille abzunehmen, ich wäre am liebsten umgedreht, aber
mein Pass steckte schon im Förderband gen Osten… Wussten Sie, dass die
Position des Einreisestempels auf eine Viertelstunde genau anzeigte,
wann man die Grenze überschritten hatte? So konnte man am anderen
Kontrollpunkt ziemlich genau sagen, ob die Durchfahrtzeit im Rahmen lag,
ob man gerast war oder sich über Gebühr lange auf DDR-Grund befunden
hatte… Mit den entsprechenden Folgen in Form von gründlichem Filzen
von Fahrzeug und Insassen.

Und heute? Die Mauer ist immer noch in vielen Herzen und Köpfen (es war
doch gar nicht alles so schlecht, früher ging es uns besser… u.ä.) auf
beiden Seiten. Dresden ist wunderschön, auf die Mecklenburgische
Seenplatte habe ich es immer noch nicht geschafft. Hemmschwellen im Kopf?

Und ein Ex-Kanzler wird gefeiert, weil es ihm sozusagen in den Schoß
gefallen ist… Aber das ist dann schon wieder ein ganz anderes Thema! (Walther Roeber/Bad Nauheim)

Baumhausbeichte - Novelle