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Ostersonntag, 5. April, 7.00 Uhr

Im “Kruso” von Lutz Seiler kommt auch er vor, Flake, der “Tastenficker” bei “Rammstein”. Seine Autobiografie ist auf die Bestsellerliste im “Spiegel” geschossen, sie ist viel und gut rezensiert worden, im “Spiegel” zum Beispiel von Leander Haußmann. Vor einigen Wochen tauchte Flake tragikomisch in unseren “Ohne weitere Worte” auf. Den “Tastenficker” will ich jetzt unbedingt lesen, obwohl offenbar ziemlich DDR-nostalgisch und ich ursprünglich sehr DDR-allergisch.

Die Allergie entwickelte ich auf vielen Fahrten durch die DDR, eine mit dem Zug (Klassenfahrt), viele mit dem Auto (Interzonenstrecke). Grusel, grusel, grusel. Dazu Grusel-Abstecher nach Ostberlin, und sogar der Blick aus dem Flugzeug verstärkte den Widerwillen, wenn auf den bundesdeutschen Acker-Flickenteppich an der dadurch von oben gut sichtbaren Zonengrenze die riesigen, öden Agrarflächen der Soffjettzone folgten.

Liebenswerte Menschen wie Udo Beyer (Leser meiner Kolumnen haben den großen DDR-Kugelstoßer gut kennengelernt) haben später meinen Blick auf die DDR relativiert, das heißt, nur den Blick auf die Menschen dort, nicht auf den beschissenen Staat. Ich glaube, Flake wird die Allergie weiter abmildern.

Was ich bisher über den “Tastenficker” und seinen Autor gelesen habe, erinnert mich, seltsam, an eine ganz andere und dennoch ähnliche Nebengesellschaft im Westberlin jener Jahre. Nicht an die linksalternative APO-Wohlstandskinderszene, sondern an die Helden der Nacht zwischen halbseiden und ganzlumpig. An jenes Berlin ohne Sperrstunde (im “Westen”, wie auch die Westberliner die BRD nannten, machten die Kneipen nach der Polizeistunde zu), und ohne Bundeswehr, daher strandeten dort viele ähnliche Typen wie in Hiddensee. Dazu die echten Westberliner, wie der verrückte E., der den Knopfladen seiner Mutter führte, oder jener Millionär, dessen Mutter eine große Gaststätte am Wannsee besaß, und der zu den stand- bzw. sitzfestesten Zockern der illegalen Roulett- und Seven-Eleven-Szene gehörte, aber pünktlich um fünf Uhr morgens zur Arbeit bei der Müllabfuhr aufbrach – die Arbeit als Müllmann gefiel ihm ganz einfach, sie brachte Konstanz und eine gewisse Grundsicherheit in sein Leben. Natürlich gab es auch die Halb- und Ganzverbrecher, ich erinnere mich deswegen wieder an alle diese Typen, weil ich endlich die lange beabsichtigte überarbeitende Korrektur an dem sportautobiografischen Text abgeschlossen habe, der unter den Links rechts (“Sport-Leben” – neuer Titel: “Eine Kugel für das Leben”) zu lesen ist.

Während ich hier vor mich hin tippe, ist der blasse Vollmond am Fenster meines Schreibstübchens vorbei gewandert. Auch KKK (Kaffee, Kuchen, Knicks) ist schon vorbei. Bald müssen wir nach Frankfurt, zum Flughafen, liebe Verwandtschaft abholen, die zwei Wochen in oder auf Kuba war. Wäre für mich ein Horrorurlaub, nicht nur wegen der langen Flüge. Aber vielleicht haben sie dort ja auch ähnliche (und so unterschiedliche) Typen wie Flake, Udo, Knopfladenmann E. oder den Millionärs-Müllmann kennengelernt. Dennoch: Ich fahre lieber mal nach Hiddensee. Bestimmt noch in diesem Jahr.

Im Schreibstübchen staut sich die noch nicht beendete Lesearbeit für die Kolumnenarbeit, was beides keine Arbeit ist, sondern Grundbedürfnis (Lesen) und Hobby (Schreiben). Es harren der Dinge: Spiegel (erst der alte ist abgelesen), Zeit (dito), FAS, Stern, die beiden letzten SZ-Magazine, Samstags-SZ. Auf dem Zettel für die “Montagsthemen”, die zu Ostern und Pfingsten auch am Dienstag “Montagsthemen” heißen, steht bisher (Moment, ich schaue nach) …

1. John Cleese, Interview im Vorwochen-Spiegel. Für “Ohne weitere Worte”: “Sie sagten kürzlich, natürlich könne man sich über Muslime lustig machen.” – “Sie töten einen nur hinterher, ja. Aber im Ernst: Ich glaube, dass sich Muslime an unsere Werte anpassen sollten, wenn sie aus Ländern mit anderen Wertesystemen in den Westen kommen. Ich würde ja auch empfehlen, nicht im Bikini durch Saudi-Arabien zu laufen. (…) Muslime, die bei uns leben, sind Teil unserer Gesellschaft. Sie haben das Recht, ausgelacht zu werden.” / Den zweiten Teil evtll. nicht für OWW, sondern für die Montagsthemen, mit dem Hinweis, dass Cleese damit unwissentlich unseren alten Freund Matthias Beltz plagiiert, der mir mal gesagt hat: “Auch der Ausländer hat das Recht darauf, ein Arschloch zu sein.”

2. Zur “March Madness” in den USA, der College-Basketballmeisterschaft, die schon in den letzten “Montagsthemen” Themchen war, auf den Homo-Paragraphen eingehen, über den jetzt so viel geschrieben wird (Ladenbesitzer müssen Homosexuelle nicht bedienen, Unternehmer sie nicht einstellen). Dazu – schwierig, kitzlig – die Vermutung, dass die öffentliche, demonstrative Toleranz und Akzeptanz bei uns nur dünner Firnis ist und darunter die alten Vorurteile lauern. Kleines Indiz dazu: Eine Ratesendung, in der Prominente ohne nachzudenken, ganz schnell, dalli-dalli, Schlagzeilen zu einem Foto erfinden mussten, und einer, ein sehr bekannter, Sportler zwei Mal “schwul” im negativen Sinne gebrauchte (oder habe ich mich verhört? Wegen der leisen Zweifel nenne ich den Namen nicht)

Nummer drei auf dem Zettel, in Verbindung mit zwei und Verweis auf die “Mailbox” (siehe Mail von Alex Kniss – sorry für den erst jetzt korrigierten “Axel”): Auch in Australien interessieren sie sich für anderes als den Fußball: Cricket. Australien gewinnt den Weltcup, gegen Nachbar Neuseeland. Die Jungs feiern nicht, bis der Azt kommt, sondern bis zu einer morgendlichen Radiosendung, rufen dort sturzbesoffen an und grölen herum, was für einen kleinen Skandal sorgt. In den Links, die Alex Kniss angibt, lese ich auch den hübschen englischen Ausdruck, die Jungs hätten sich “unsophisticated” benommen (singt nicht Frank Sinatra in “My Way” - im frühmittleren “Way”-Lebensabschnitt – von jungen Frauen, die “sophisticated” sind? An dieser Stelle hört man förmlich die Eiswürfel im Champagnerglas klirren). Außerdem lerne ich ein englisch-australisches Slangwort kennen, denn die Unsophisticateden führen sich wie “bogans” auf, die mein Wörterbuch als “Angeber, Prolls, Penner” identifiziert. Dazu fällt mir ein, als Anhang für die “Montagsthemen”: Premiere einer Saufsendung bei Tele 5 / So hieß auch der Sender, den ich schon in der Frühestzeit der Privaten sofort wegschalten musste, weil dort schattenhafte Menschen hinter Vorhängen und mit verzerrter Stimme mich mit den unangenehmsten Geschichten aus ihrem Privatleben belästigen wollten. Ich schaltete so schnell weg wie ich die Tür wieder zudrücke, wenn ich sie, zum Beispiel und hoffentlich nicht im Frankfurter Flughafenklo, öffnen wollte und der Durchfall-Mensch auf der Kloschüssel vergessen hatte, die Tür zu verriegeln.

4. Kleinigkeiten wie Brüderle und der Bund der Steuerzahler.

5. Tolles Hirscher-Interview in der SZ. Entweder für “Ohne weitere Worte”, oder im Zusammenhang mit einem schon immer in mir grummelnden Thema, das ich noch nie schriftlich begrummelt habe. Stichwort: der ärgerliche Satz der alten Neider, die sportliche Leistungen gerne verächtlich machen (alles nur Doping!), um sich selbst zu loben (“Früher war ich genauso gut …” – liewe Leut, das ist es ja gerade! Ihr habt nichts aus euch gemacht!). Hirscher: “Das gibt es hin und wieder. (…) Ich habe dann die Meinung: Komm, trainier mit mir einen Monat! Tagtäglich! Vier, fünf Stunden Kraft! Mach’s mit mir mit, genau gleich! Dann schauen wir, ob bei dir auch etwas weitergegangen ist oder nicht.”

Das war’s schon. Reicht ja auch. Wenn noch ein paar Anstöße aus der Lektüre”arbeit” hinzu kommen, wird’s sogar wieder viel zu viel.

So. Damit hätte ich auch schon ein bisschen Geröll aus dem Stein(es)bruch auf die Kolumnenhalde gehäufelt. Jetzt können Ostersonntag und Kuba kommen.

 

Baumhausbeichte - Novelle