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Sport-Stammtisch (vom 4. April/Ostersamstag)

Bleibt München in der »aktuellen Krise« (»Zeit«) oder Dortmund »weiterhin verkatert« (»SZ«)? Schon in der Fragestellung steckt ein Joch, in das ich mich, wie jeder störrische Ochse, nicht gerne einspannen lasse. Sie setzt hier Krise und da Kater voraus, aber eine Krise wie die Bayern (zehn Punkte Vorsprung) hätte ich gerne, und Dortmunds Kater verdient seinen Namen ebenfalls nicht: Er macht keine, sondern heilt die schlimmsten Kopfschmerzen (von Platz 18 auf Platz vier der Rückrundentabelle).
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Sind Sie über den ersten Satz gestolpert? Über das Joch, das Zeugma (jochartige Verbindung), in das ein Prädikat mehrere Objekte zwingt? Hübsches Beispiel aus der Luther-Bibel: »Die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.«
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Ich sehe auf das Spiel und meine Ohren auf das Geschrei. Wie das um Mats Hummels. Wer nicht das »Kicker«-Interview gelesen hat, sondern nur das mediale Nachgeschrei drumrum, könnte fast annehmen, Hummels macht heute schon sein Abschiedsspiel für den BVB. Gesagt hat er aber nur, dass er sich irgendwann mal einen Wechsel ins Ausland vorstellen könne. So was aber auch!
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Hummels weiß besser, was er sagt, als manche, was sie schreiben (oh! Warum deuten da ein paar Finger auf mich zurück?). Was er sagt, hat sogar mehr Hand und Fuß als das, was er manchmal auf dem Platz tut. Als routinierter Verlautbarer wird er später seinen Platz finden irgendwo zwischen Philipp Lahm und Marco Bode.
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Krise und Kater, Triumph oder Tragik, sie wechseln nach Zeitungszeiteinheit von Tag zu Tag, was immer noch viel entschleunigter wirkt als im Netz. Beispiel Andrea Petkovic: »Ich liebe Miami«, sie genießt auf ihrem »Höhenflug« den »Frühling in Florida« – doch während wir lesen, hat sie im Netz schon verloren. Viele glauben, die gedruckten Zeitungen gehen im Tempo der Zeit unter. Doch manchmal siegt auch das Paradoxon. Hurtigruten sind in unserer schnelllebigen Zeit so erfolgreich, weil man damit nicht hurtig, sondern entschleunigt reist.
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Schnelllebig. Wie viele »l«? Früher zwei, heute drei – und bei Ulrich  Wickert vier, fünf, viele. Der Ex-”Tagesthemen”-Moderator kann die »Schnellllllebigkeit« hurtigrutig entschleunigen.
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Echt hurtig dagegen, mit welchem Tempo die Formel 1 von existenzbedrohender Langweile in den höchsten Knüller-Gang beschleunigt. Ferrari und Vettel sei Dank! Sogar Mercedes freut sich mächtig und gratuliert dem neuen Konkurrenten. Als hätte eine gute Fee der Formel-1-Branche einen Wunschtraum erfüllt. Verschwörungstheoretiker sind sogar fest überzeugt, die Fee gesehen zu haben –  winzig klein, mit  schlohweißen Haaren …
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Nur Fledermäuse beschleunigen schneller. Seit Jahren kämpften Bürger eines Örtchens nahe der Ostsee vergeblich für eine Geschwindigkeitsbegrenzung an einer Landesstraße. Wegen der Schulkinder. Jetzt wurden dort Fledermäuse entdeckt. Flugs kommt das Tempolimit.
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Am schnellsten aber beschleunigt Lars Andersen. Er schießt mit Pfeil und Bogen schneller als John Wayne mit dem »Peacemaker«: drei Schüsse in sechs Zehntelsekunden. Weitere Höchstleistungen im Bogenschießen führt der Däne auf YouTube vor (»A new Level of Archery«). Das erfahre ich  im »Spiegel«, der auch die Weltrekordweite im Pfeilweitschießen zu wissen glaubt: 1222,01 Meter. Gestatten, werte Kollegen, dass ich zweifle: Leser unserer Kolumne wissen schon seit Beginn dieses Jahrtausends, dass der Weltrekord bei 1410,87 Metern liegt. Damals baten wir bei der Pressestelle des Deutschen Bogenschützenverbandes um Bestätigung. Man zierte sich ein wenig, denn wenn die 1410,87 Meter allzu bekannt würden, müssten deutsche Bogensportklubs verschärfte Sicherheitsbestimmungen befürchten.
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Eine andere Meldung macht mich noch nachdenklicher. In der »Welt« lese ich, dass ein US-Möbelverkäufer, der in Mathematik ungefähr mein beklagenswertes Niveau hatte, überfallen wurde, einen Schlag auf den Hinterkopf erhielt, in Ohnmacht fiel und als Mathe-Genie wieder aufwachte. Das erinnert mich an Daniel Düsentrieb, der sich ein Holzhämmerchen an den Kopf hauen muss, um seine Genialität zu wecken. Das wäre doch auch was für mich – vielleicht schreibe ich dann geniale Kolumnen!
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Allerdings erinnert mich das auch an den amerikanischen Eisenbahner, dem sich 1848 bei einer Explosion eine Brechstange in und durch den Kopf bohrte. Nach vier Wochen war die Wunde verheilt, aber der zuvor freundliche, zurückhaltende, fleißige junge Mann verwandelte sich in ein faules, streitsüchtiges, fluchendes und amoralisches Scheusal.
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Genialer Kolumnist oder amoralisches Scheusal? Oder beides? Oder was? Ich wage es einfach mal. Holzhammer. Rumms! Und schon shrdjfne, kdlki nsmdj … (gw)
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(www.anstoss-gw.de   Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle