Archiv für April 2015

Sonntag, 26. April, 6.20 Uhr

Klitschko hat natürlich gewonnen. Aber nur nach Punkten. In den USA also verloren. So wird er dort die knockoutgeilen Herzen nie gewinnen.

Als er jung, ungestüm und boxerisch noch ein wenig dumm war, hätte er die USA erobern können. Damals schlug er seine Gegner kurzrundig k.o., aber wehe, einer überstand die ersten Runden. Dann verwandelte sich Fallobst in furchterregende Monster. Für mich war das immer ein Musterbeispiel zur Veranschaulichung der muskelphysiologischen Trainingslehre. Muss mal in meinem Archiv nachschauen. Da war doch mal ein Kampf in Kiew, als Klitschko stehend k.o. war. Das war ihm aber auch eine Lehre, seitdem geht er locker über die Runden, schlägt niemanden mehr blitz-k.o., was aber für die weichgekloppten Gegner noch viel gesundheitsschädlicher ist.

So, das könnte ein Bröckchen für den „Montagsthemen“-Stein(es)bruch sein. Viel mehr fällt mir im Moment sowieso nicht ein. Doch, ein Klopp-Wort. „Sind auf Krawall gebürstet.“ Vielleicht kloppfe ich das mal ab. Aber ohne den Hammer-Gag „kloppfen“. Ist ja selbst unter meinem Niveau, solch ein schwaches Namenswortwitzchen.

Klopfen bringt mich aber zu Thomas Gottschalk. Der hat seine Memoiren geschrieben. Erste Kostproben deuten an, dass es kurzweilig zu lesen ist. Gottschalk halt: Unterhaltsam, manchmal kindlich naiv, manchmal nur kindisch, aber auch klug, und manchmal spürt man auch, dass er den intellektuellen Hintergrund hat (was für ihn eher ein Schimpfwort sein dürfte), den Harald Schmidt und Günther Jauch gerne hätten, wenn sie vorspiegeln, dass sie ihn haben.

Ist übertrieben, klar. Da geht mit mir die Lust an plakativer Zuspitzung durch. Aber jedenfalls hat Gottschalk mehr drauf, als er drauf zu haben vorgibt. Leider haut er aber auch drauf, und das vermiest mir meine Sympathie etwas. Im „Bild“-Vorabdruck beichtet er (ist ja Katholik), dass er seine Söhne zwei Mal geschlagen habe. Einmal ließ sein kleiner Sohn in der Eisdiele seine Eiskugeln vom Hörnchen auf den Boden fallen: Klatsch! Ein ander Mal fingerte das andere Söhnchen, einen DJ nachahmend, an einer LP herum: Peng! Auch wenn der Papst das seinen gar nicht schafigen Schäfchen ex cathedra und expressis verbis als „würdige“ Erziehungsmethode anpreist, enttäuscht mich das beim da etwas zu guten Katholiken Gottschalk.

Da fällt mir ein: Früher, sehr viel früher, ganz arg früher wollte mich ein Kollege (später Chefredakteur im Rhein-Main-Raum, leider recht früh gestorben) loben, indem er sagte, meine Kolumnen läsen (ist das der korrekte Konjunktiv?) sich wie Gottschalk-Moderationen, und ich wäre in diesem Stil der ideale „Sport-Studio“-Moderator. Ich werde nie erfahren, ob er mich auf den Arm nehmen wollte oder so falsch eingeschätzt hat, wie man einen Menschen nur falsch einschätzen kann. Ich kenne meine Nicht-Talente.

„Völkermord“ und „Entschuldigung“: Ich würde gerne wissen, ob auch in anderen Ländern derart um den Begriff „Völkermord“ gerungen wird. Dass es Massenmord war, ist doch eh klar. Ob man ihn so oder so nennt, scheint mir unwesentlich.

Soeben habe ich hinter mich gegriffen und „Middlesex“von Jeffrey Eugenides aus dem Bücherregal geholt, weil mir scheinbar eingefallen war, dass es in diesem Roman zu Beginn um die armenische Katastrophe ging. Doch beim Überfliegen des Klappentextes merke ich, dass ich da was verwechselt habe: „Ein junger Mann und eine junge Frau, Bruder und Schwester, fliehen vor den Türken nach Smyrna und, als die Stadt brennt, weiter nach Amerika. Es ist das Jahr 1922.“ Der Massen-Völker-Morde sind viele, nicht nur mit Türken als Tätern. Wer wüsste das besser als wir?

„Middlesex“ bringt mich aber auf die Idee, Bruce Jenner in die „Montagsthemen“ einzubauen. Bei Eugenides geht es aber andersrum: „Das Mädchen Calliope entpuppt sich als Junge, heißt von nun an Cal.“

Fast hätte ich die „Entschuldigung“ vergessen. Deutschland „entschuldigt“ sich für den türkischen „Völkermord“ an den Armeniern. Tragen wir auch daran die Schuld, dass wir uns entschuldigen müssen? Oder glauben wir, stellvertretend für alle Massenmorde der Historie büßen zu müssen, zu wollen? Da müssten wir uns ja auch für das entschuldigen, was die amerikanischen Siedler den Indianern angetan haben, und da waren sogar viele deutsche Auswanderer unter den Tätern. Warum wollen wir auch für Taten anderer die Verantwortung übernehmen, obwohl wir an den eigenen Taten genug zu tragen haben bzw.  hätten? Lenkt das vielleicht von der ureigenen Verantwortlichkeit ab?

Verantwortlich sind wir aber, stellvertretend für Europa, in der Tat für massenhaft Tote im Mittelmeer. Aber nicht, weil wir … ach, nein, selbst im Blog, den ich seit heute wieder spontan und ohne nachträgliche Korrekturen schreibe, scheue ich davor zurück, meine schlimme Vermutung in Worte zu fassen. Würde unmenschlich wirken, wie eine mathematische Gleichung: Mehr Gerettete heute = mehr Tote morgen.

Schreibschuster, bleib bei deinem Leisten. Ran an die „Montagsthemen“.

 

 

Veröffentlicht von gw am 26. April 2015 .
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Freitag, 24. April, 22.10 Uhr

Dass der MTV – für mich heißt er immer noch so – in die Basketball-Bundesliga aufsteigt, habe ich soeben im „Anstoß“ (siehe Link rechts unter „gw-Beiträge Anstoß“) aktualisiert. Online bleibt die Live-Version von heute früh. Der Aufstieg weckt auch in mir, der sich lange Jahre nicht mehr mit Bundesliga-Basketball befasst  (und auch nicht mehr dafür interessiert) hat, manche Erinnerung. Als ich 1972 von Heidelberg zurück nach Gießen kam, „sozialisiert“ von den USC-Basketballern um Jo Loibl, den Lachenauer-Zwillingen oder Walter Fuchs, hatte ich als Volontär einen meiner ersten Termine bei einem Freundschaftsspiel des MTV 1846, und in meiner leichtathletischen Ignoranz und meiner USC-Bindung schrieb ich u.a., das Spiel schleppe sich dahin wie der alternde Ron Davis über das Parkett. Prima Einstand, zumal Davis der absolute Gießener Publikumsliebling war. Man hat es mir erst sehr, dann gar nicht mehr übel genommen, auch weil ich langsam in die MTV-Familie hineinwuchs, in der Osthalle fast täglich gleichzeitig mit den MTV-Basketballern trainierte, ihr journalistischer Begleiter wurde und ab und zu auch einmal im Spiel Eins gegen Eins einen aus dem Erstliga-Kader schlagen konnte. Unvergessen auch, als ich einmal, ich glaube nach einem Spiel in Leverkusen, die Strategie des MTV-Trainers ausnahmsweise (da sehr berechtigt)  kritisierte, der sich daraufhin bitter beschwerte und als Gegenargument vorbrachte, die lokale Konkurrenzzeitung habe das viel positiver für ihn gesehen. Was er nicht wusste: Ich war für unser Blatt vor Ort, die Konkurrenz hatte niemanden hingeschickt, sondern sich Stichworte und Analyse von einem Gewährsmann durchgeben lassen. Vom Trainer persönlich …. gelle, Dschang?!

Veröffentlicht von gw am 24. April 2015 .
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Ungetwittert

Was hat Depression mit aggressiver narzisstischer Kränkung zu tun? Wie geht es Depressionskranken, die jetzt als potenzielle Massenmörder gelten? Was sagen 149 Kerzen zu der 150.?

Veröffentlicht von gw am 20. April 2015 .
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Ungetwittert

Was haben Horst Krause und Armin Rohde gemeinsam? Hier keine Antwort, denn sie wäre noch bösartiger als die Frage.

Veröffentlicht von gw am 19. April 2015 .
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Sonntag, 19. April, 6.05 Uhr

Heute geht der erste Blick nicht nach draußen, sondern bleibt drinnen und richtet sich auf die  letzten beziehungsweise ersten Meldungen der Nachrichtenagenturen. Aber noch liegt kein Ergebnis vom Dirk-Nowitzki-Playoffspiel vor.
Der nächste Blick richtet sich in die Weiten der Netzwelt. Eingegrenzte Google-Suche, alle Sprachen, aber auf die letzte Stunde beschränkt. Nichts. Nur das hier, wohl aus einem »Livestream«: »Dirk Nowitzki screams in triumph after making a 3-pointer that turned into a 4-point play!« Ein Livescream im Livestream also. Mein im Lauf der Jahrzehnte abgebröckeltes Englisch will mir sagen, dass Nowitzki einen Dreier in ein oder zu einem Vier-Punkte-Spiel dreht. Oder wie? Oder was?
Da fühle ich mich ein bisschen wie Ben Bloom bei der BVB-Pressekonferenz. Der Junge ist jetzt weltberühmt, weil er englischen Humor, britisches Understatement und commonwealthweites Selbstbewusstsein live präsentiert hat. »Es gibt hier eine kleine Komplikation«, meldet der von seiner Redaktion nach Dortmund Geschickte, als er verblüfft feststellt, dass die kurzfristig angesetzte Pressekonferenz nicht nur in Deutschland stattfindet, sondern dass dabei auch noch deutsch gesprochen wird. So what aber auch! Sprechen die Kerle hier  einfach ihr Eingeborenen-Kauderwelsch statt unserer Weltsprache! Wie früher im Dschungel, als wir unser Empire aufbauten!
Sehr deutsches Selbstbewusstsein demonstrierte dagegen jener Mann, der sich als Korrespondent der Handwerkerzeitung vorstellte und nur eine Frage an Klopp stellte: Ob er für seinen Sohn eine Karte für ein BVB-Spiel bekommen könne, er, Klopp, habe ihm das mal versprochen. Da war selbst Klopp baff (»Ihr Selbstbewusstsein möchte ich haben!«). Im ersten und zweiten und dritten Moment dachte ich, mich für unsere Zunft fremdschämend, das sei fast idealtypisch für eine anmaßende innere Haltung, die ich in nur leicht abgeschwächter Form bei vielen ähnlichen Anlässen erlebt habe. Doch mittlerweile glaube – und hoffe – ich, dass wir alle auf eine geniale Verarsche reingefallen sind, so à la Hape Kerkeling oder Martin Sonneborn: Ein angeblicher Korrespondent der Handwerkerzeitung – »Handwerkerzeitung«! – stellt bei einer weltweit live übertragenen Pressekonferenz eine total irrsinnige Frage, bricht das überdimensionierte Spektakel um einen Fußballtrainer auf den allerkleinsten gemeinsamen Nenner herunter, auf die kleingeistige Anmaßung in eigener Sache. Genial! Wenn’s kein Ernst wäre.
Sonneborn? Hape kennt jeder, aber Sonneborn? Er ist nicht nur Ex-Chefredakteur der »Titanic« (gewesen), sondern Vorzeigefigur von »Die Partei«, für die er sogar im Europa-Parlament sitzt und die den schönen vollständigen Namen trägt: »Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative«.
Dass Sonneborn im Europa-Parlament sitzt, weiß Mister Bloom sicher nicht, aber es würde ihm sehr gefallen – und wenn er die Frage des Handwerkszeitungs-Korrespondenten verstanden hätte, wäre er vor Neid erblasst – die Deutschen haben ja nicht nur Klopp, den die Engländer so gerne hätten, sondern auch einen irren Humor, den längst nicht jeder Engländer hat!
Aber leider ist bei mir da wohl der Wunsch der Vater des Gedankens. Wäre halt zu schön: Die Welt weint um das Kloppo-BVB-Märchen, die Medien überschlagen sich, und der Handwerkerzeitungsmann hat nur im Kopf, für den Sohn eine Karte zu schnorren …
Zwischenblick und – klick auf die Dirk-und-Dallas-Lage … Mist! (SID) – Basketball-Superstar Dirk Nowitzki und seine Dallas Mavericks sind mit einer Niederlage in die Play-offs der nordamerikanischen Profiliga NBA gestartet. Trotz einer starken Leistung von Nowitzki verlor der Meister von 2011 bei den Houston Rockets mit 108:118. Nowitzki war mit 24 Punkten bester Werfer der Mavericks, die als Siebte im Westen in die Entscheidungsrunde eingezogen waren. Aufseiten der Gastgeber kam MVP-Kandidat James Harden ebenfalls auf 24 Zähler. – Aber was war das mit dem Dreier, der ein Vier-Punkte-Spiel dreht?
Noch ein Blick, diesmal auf die Uhr: Schon kurz nach sieben. Schreibe ich tatsächlich schon eine Stunde am Blog? Dann muss jetzt aber mal Schluss sein. Kaffee, Kuchen, Knicks und die »Montagsthemen« warten.
Letzter Blick zur Seite, in die Mailbox: Der Nachtbriefträger hat nur eine Mail eingeworfen: »Hallo, haben Sie schon von den lokalen Deutschlehrer aus Ihrer Nachbarschaft gehyrt?« Nee, hab ich nicht. Aber er scheint ja sein Fach zu verstehen, da sein PR-Mailmann nur zwei Fehlerchen macht. Ich werde die Mail an Mister Bloom weiterleiten.

Veröffentlicht von gw am 19. April 2015 .
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