Archiv für April 2015

Otto A. Böhmer: Schleichender Distanzierungsprozess (zur Frankfurter Eintracht)

Was die Eintracht angeht, so hält der schleichende Distanzierungsprozess, der mich schon seit Vehs Frankfurter Endzeit befiel, an, ja, er ist noch stärker geworden. Schaaf, den ich als Bremer Trainer noch in Maßen verehrte, ist in Ffm., glaub ich, irgendwie fehl am Platz. Er wirkt rat- u. konzeptlos, was durch merkwürdige, manchmal fast guardiolahafte anmutende Ruderübungen am Spielfeldrand nicht wirklich überspielt werden kann, im Gegenteil. Irgendwie scheint auch das Binnenklima, speziell das zwischen Trainer und Mannschaft, nicht mehr so recht zu stimmen. M.a.W.: Wir können aufatmen, wenn die Saison, in der sich, fürchte ich, einmal mehr der unsägliche HSV retten wird, endlich vorbei ist.

Interessanter sind im Grunde die Positions- u. Grabenkämpfe, die jetzt in den Führungszirkeln ausgetragen werden. Wer bringt sich in Stellung, wer wird in Stellung gebracht? Vor allem: Wer wird Bruchhagen-Nachfolger? Am liebsten wäre es Bruchhagen, wenn er sein eigener Nachfolger würde, aber das ist einer Mehrheit wohl nicht mehr zu vermitteln. Ich hoffe, daß man einen aus dem Hut zaubert, den bis jetzt keiner auf dem Zettel hat. Bitte nicht Veh mit Hund (!), und auch Metzelder, der immer eine Art Strebertyp war, wäre von mir nicht erwünscht.

Wenn die Eintracht mal (postives?) Aufsehen erregen wollte, sollte sie Katja Kraus berufen. Das ist eine kluge, charmante, auch kompetente Frau mit erstaunlicher Karriere: Nationalspielerin, Pressesprecherin bei der Eintracht, dann in Amt und Würden beim HSV, dem es damals noch vergleichsweise gold ging; und: inzwischen, erstaunlicherweise, auch Buchautorin, und zwar keine schlechte. (Ihre erfreulich fußballfernen Bücher über Macht und Freundschaft, erschienen bei S. Fischer, wahrlich kein Winkelverlag, sind durchaus zu empfehlen …).

Jaja, wenn ich bei der Eintracht was zu sagen hätte —- würde es dem Verein vermutlich auch nicht viel besser gehen. (Otto A. Böhmer)

Veröffentlicht von gw am 30. April 2015 .
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Als wir Aas aßen (“Nach-Lese” vom 2. Mai 2015)

Als Josef H. Reichholf, es ist erst ein paar Tage her, einen runden Geburtstag feierte, würdigten ihn die deutschen Feuilletons in seltener Einmütigkeit als »Meister der Überraschung« (Welt) mit einer »Verneigung zum Siebzigsten« (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Wer nur Reichholfs Beruf kennt, den dürfte die Verneigung überraschen: Er ist kein Repräsentant der »schönen« Künste, sondern Naturwissenschaftler, ein Zoologe und Ökologe, der bis zu seinem Ruhestand einen drögen Titel trug, der Kultur-Eventhopper vor schauriger Langeweile erstarren lässt: »Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung München«.
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Aber diese Nach-Lese wird, dank Reichholf, ganz gewiss nicht dröge. Versprochen! Der Mann, der einst zusammen mit Ikonen wie Bernhard Grzimek, Konrad Lorenz und Horst Stern die »Gruppe Ökologie« gründete, kennt nicht nur das Wirkungsgefüge der Natur, sondern auch das der Mediengesellschaft. Grundprinzip: Nur nicht langweilen!
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»Machen Sie sich Sorgen wegen der Klimaerwärmung? Dann lohnt es sich, von den urzeitlichen Nilpferden in Rhein und Themse in Reichholfs Eine kurze Naturgeschichte der letzten Jahrtausende zu lesen. Sie fragen sich, warum die Menschen sesshaft wurden? Bei Reichholf können Sie in Am Anfang war das Bier nachschlagen, dass die Entdeckung des Bierbrauens und des ekstatischen Miteinanders den Ausschlag gab« (FAZ).
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Auch zur Frage, die mich am meisten interessiert, hat Reichholf ein ganzes Buch geschrieben, dem die Frage sogar den Titel gibt: Warum wir siegen wollen. Es taucht, was mich wundert, in keinem Geburtstagsartikel auf, obwohl es vielleicht das reichholfigste Reichholfbuch überhaupt ist. Die Überraschung steckt schon im kompletten Titel: Warum wir siegen wollen – Der sportliche Ehrgeiz als Triebkraft in der Evolution des Menschen. Und dieser Ehrgeiz begann, so Reichholf, mit dem Großtierfleisch und uns Aasfressern. Also als wir Aas aßen? Meine stabgereimte Formulierung könnte Reichholf gefallen, sie gibt daher der Nach-Lese ihm zu Ehren den Titel.
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Doch ist das wahr? Wie »wahr« das überhaupt? Ich greife zu Warum wir siegen wollen, lese und denke nach. »Das Siegenwollen steckt angeboren im Menschen und muss keinesfalls erst gelernt und anerzogen werden. Es geht um den Sieg, und der Vorgang heißt Sport.« Also: Evolution – der gnadenloseste Sport überhaupt? Die Sieger überleben (vorerst), die Verlierer scheiden aus dem Massenrennen aus . . . und sterben aus?
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Aber warum? »Das Ziel als Ort anzustreben lohnt sich nur, wenn es dort etwas Erstrebenswertes gibt.« Was denn? Reichholf: »Das Ziel war das Großtierfleisch.« Und das ist der Knackpunkt. Nur wer der Großtierfleisch-Maxime folgt, der kann auch Reichholf folgen, dass der sportliche Ehrgeiz die Triebkraft in der Evolution des Menschen gewesen sei.
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Folgen wir daher vorerst dem Meister: »Für das Großtierfleisch«, das für unsere Vorfahren – igittigitt – nur als Aas zu haben war (weil diese Tölpel zu dumm, ungeschickt und körperlich gar nicht in der Lage waren, lebende Büffel zu jagen), für verwesendes Fleisch also »sind wir aus baumhangelnden Waldaffen zu sprintenden Zweibeinern geworden«.
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»Am attraktiven Frischfleisch des Großtierkadavers hat sich vielleicht schon vor mehreren Jahrmillionen auf unserem Weg zur Menschwerdung die entscheidende Weiche gestellt: Die Wendung vom Recht des Stärkeren zum Recht des Ersten« begann am Kadaver, glaubt Reichholf, sie hatte arterhaltenden Sinn und brachte entscheidende Wettbewerbsvorteile im Evolutionssport. Denn zwar konnte der Stärkste dem Schnellsten der Gruppe das Fleisch wieder abnehmen und sich den Bauch vollschlagen, doch im Gegensatz zum mageren Eiweißangebot im Urwald (Termiten, Nüsse etc.) blieb in der Steppe vom Großtierkadaver für alle etwas übrig.
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Hier möchte ich Reichholf mit eigenen Feldforschungen ergänzen: Da die Frauen schon immer etwas schlauer waren, gingen sie mit dem Schnellsten ins Bett, wenn der vollgefressene Stärkste faul herumschnarchte. So wurden die Gorilla-Gene langsam zugunsten der Gene von schnellen, schlauen Adonissen ausgemerzt.
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Da fällt mir ein, dass die Bonobo-Schimpansen, unsere nächsten Verwandten, total friedliche Gesellen sind, weil die Weibchen nicht mit dem Stärksten oder Schnellsten schlafen, sondern mit jedem, jederzeit. Das lässt keine Aggressionen aufkommen, aber dafür sind wir zu Menschen geworden, und ihr bleibt Affen. Ätsch!
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Auch der Gemeinschaftssinn in der eigenen Gruppe und die Feindschaft mit anderen begann, als wir Aas aßen und endet im modernen Sport: »Was liegt näher, als anzunehmen, dass die Siegesgeste des Läufers, der als Erster durchs Ziel gekommen ist und seinen Erfolg durch Hochreißen der Arme zum Ausdruck bringt, das uralte Signal darstellt, das schon in der afrikanischen Savanne bei der Suche nach dem begehrten Großtierkadaver angewandt worden ist?«
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Mensch, Reichholf, jetzt hör awwer ma uff! Wenn Usain Bolt im Ziel die Arme hochreißt, bedeutet das: »Hier liegt das Aas«!? Den Satz kannte ich als sinnvollen bisher nur von Jürgen von Mangers Schwiegermuttermörder.
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Aber was weiß denn ich? Schon mein Forschungsergebnis, dass die Gorilla-Gene langsam zugunsten der Gene von schnellen, schlauen Adonissen ausgemerzt worden sind, stößt auf Widerspruch: Schön wär’s, klagen all die Frauen, die immer wieder über Restexemplare stolpern, die in einer Evolutionsnische überlebt haben.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 30. April 2015 .
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Ausdauernd (“Wer bin ich?” vom 30. April)

Wir suchen zwei Sportler, die einige Gemeinsamkeiten haben, obwohl sie unterschiedlichen Generationen angehören, aus unterschiedlichen Weltgegenden stammen und auf unterschiedlichen Lebenswegen unterwegs waren und sind.
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Der eine ging nie in eine richtige Schule, wuchs buchstäblich auf der Straße auf, hat keinerlei ordentliche Abschlusszeugnisse und machte dennoch seinen Weg. Der andere studierte Philosophie und Germanistik.
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In den Kolumnen von »gw« spielten sie bisher keine große Rolle. Während Namen wie Okocha, Ullrich oder Nowitzki schon tausend und mehr als ein Mal auftauchten, führt der ältere Gesuchte mit bescheidenen vier Erwähnungen in dieser »Anstoß«-Tabelle vor dem Jüngeren, der nur einmal zum Thema wurde, als er im Trio mit zwei Superstars ihrer Sportart im Fernsehen auftrat.
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Der Ältere wurde in dieser Kolumne einmal Opfer eines mieses Gags mit einem Wort, das mit A… anfängt und … gesicht endet. Dafür entschuldigt sich »gw« in aller Form. Aber der Popo-Anlass schien einfach zu verlockend.
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Der Jüngere wurde zunächst als Mannschaftssportler bekannt. Sein Team unternahm Gastspielreisen durch die ganze Welt. In Deutschland wurde er allerdings zum unpopulärsten Mitglied seines Teams gewählt.
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Danach startete er seine Karriere als Einzelsportler. Er nahm an fast allen legendären Wettbewerben seines Sports teil, auch an den extremsten, und das durchaus mit beachtlichem Erfolg. Auch scheute er nicht die sportliche Herausforderung im Fernsehen, vornehmlich bei Privatsendern, und trug sich dort in manche Siegerliste ein.
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Auch der andere Gesuchte gewann schon einen großen Extremwettbewerb im Fernsehen, auch er betreibt Ausdauersport, aber er hat sich auf eine Disziplin konzentriert. Er war Landesmeister, startete sogar bei Weltmeisterschaften und hätte beinahe an Olympia teilgenommen, scheiterte aber in der Qualifikation.
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Kleiner Tipp dazu: Nicht im Radfahren, obwohl er auch das kann und schon bei einer bekannten Benefiz-Tour mitradelte. Auch nicht im Schwimmen, obwohl böse Zungen in einem ganz und gar geschmacklosen Zusammenhang verballhornend behaupteten, er sei untergegangen.
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Kleiner Tipp zum Jüngeren: Kennen Sie »Flake«? Er ist Keyboarder von »Rammstein«, seine Autobiografie »Tastenficker« steht auf der Sachbuch-Bestsellerliste (kein WBI-, sondern ein Lese-Tipp: sehr empfehlenswert!). Am Schluss des Buches listet er dankbar Namen auf, was man neudeutsch »Credits« nennt, bei »Flake« aber »Band« heißt. Dort taucht auch der Name des Jüngeren auf, obwohl er ganz sicher nie zu »Rammstein« oder sonst einer Band gehört hat, in der »Flake« früher mitspielte.
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Ein wichtiger Tipp darf nicht vergessen werden: Die bekannteste Gemeinsamkeit der beiden Gesuchten … ist eventuell ein ganz anderes Thema und hat mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun (Einsendeschluss: Dienstag, 5. Mai)
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 29. April 2015 .
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Olaf Eulitz: Randvoll böser Albernheit

Es ist nur ein kleiner Anlass, aber wir alle nehmen doch Lob gern zur Kenntnis. Ich bewundere immer wieder Ihre Formulierungskunst. Aber der Satz vom Montag schien mir ausnehmend gelungen: “Die Götter, wieder einmal randvoll böser Albernheit, erfüllten ihr den Wunsch ganz wörtlich- …”. Darauf muss man erst mal kommen, Bosheit und Albernheit derart zu verknüpfen. Gleich habe ich auch den Ovid wieder rausgesucht. Ich bin ein regelmäßiger Leser Ihrer Kolumne und finde es immer unterhaltend, wie Sie Sport zum Anlass nehmen, um über die ganze Welt zu philosophieren. Das wollte ich Ihnen nur mal wieder sagen. (Olaf Eulitz/Karben)

Veröffentlicht von gw am 28. April 2015 .
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Walther Roeber: Schuldverarbeitung und Konfliktpotenzial (Antwort auf Dr. Hauschild)

Aus einer Frage eine Auffassung zu konstruieren, dazu
gehört schon eine gewisse Frechheit. Zunächst bleibt eine Frage eine
Frage… Ob sie ein Stilmittel ist, das wäre dann ein anderes Thema.

Ob die breite Bevölkerung mit dem euphemistischen ‘Genozid’ überhaupt
etwas anfangen kann, ist eine offene Frage, genauso wie die Begriffe
‘Holocaust’ oder ‘Shoa’.

Warum Bundespräsident Gauck zum Besuch in Bergen-Belsen eine Kippa
aufsetzt und damit Sinti, Roma, Homosexuelle und andere “vergisst”, die
diese Vernichtungslager nicht überlebt haben, würde ich ihn vielleicht auch
fragen wollen. Ich gestehe, dass ich mich am Völkermord an den Armeniern
nicht schuldig fühle und auch nicht bereit bin, dafür irgendeine
Verantwortung zu übernehmen. Offenbar ist die Schuldverarbeitung (?) den Deutschen  besonders gut eingeimpft worden.
Man möge in der Flüchtlingsfrage auch das Konfliktpotenzial beachten,
das mit der Aufnahme von immer mehr – erstaunlicherweise meist jüngeren
- Flüchtlingen sich entwickelt. Die Alten packen die Flucht wohl nicht
mehr bzw. sie können sie nicht finanzieren. Dass in den Heimatländern
damit die Basis für eine positive Entwicklung verloren geht, scheint
gern übersehen zu werden. Statt dessen bilden sich hier Ghettos, in
denen offenbar die Bereitschaft zunimmt, die Auseinandersetzungen im
Gastland (?) fortzusetzen, wofür es sicherlich eine ganze Reihe von
Gründen gibt. Muss ich deswegen bereit sein, immer mehr Flüchtlinge mit
offenen Armen empfangen zu wollen? (Walther Roeber/Bad Nauheim)

Veröffentlicht von gw am 27. April 2015 .
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Baumhausbeichte - Novelle