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Dienstag, 31. März, 17.40 Uhr

Den Sturm genutzt: Kein Rad, kein Garten, da konnte ich das “Sport-Leben” zu Ende korrigieren. Umbenannt in “Eine Kugel für das Leben”, mit Zwischenanmerkungen aus heutiger Sicht und vor allem in einem Stück von vorne bis hinten lesbar, was bisher nicht der Fall war (Link rechts “Sport-Leben”).

Was sonst noch zu dem Text zu sagen ist, steht in der Vorbemerkung und nach dem Schluss. Das teleportiere ich jetzt in den Blog, beam … hier ist es:

 

 

Den vorliegenden Text habe ich vor mehr als 15 Jahren in einigen wenigen Schüben geschrieben und seither nie verändert. Er ist eine Teil-Biografie, die nur mein sportliches Leben beinhaltet. Dadurch sind vielleicht einige Entschlüsse und Verhaltensweisen schwieriger nachzuvollziehen, doch über den Sport hinaus wollte und will ich mein Leben nicht öffentlich ausbreiten – es ist so interessant oder uninteressant wie das jedes anderen Menschen.   Nicht so das, was ich im und mit dem Sport erlebt habe. Da erlaube ich mir sogar die Behauptung, dass diesen Text gelesen haben sollte, wer gründlich über Ursprung und Entwicklung von Problemen, speziell des Dopings, informiert sein will, die uns heute mehr denn je beschäftigen.

Dieser Text wird nicht jedem gefallen, auch mein Tun und Nicht-Lassen nicht (mir ja auch nicht), aber wer ihn vorurteilslos liest, wird den Sport mit etwas anderen Augen sehen.

Teile des Textes sind in Serienform vor vielen Jahren in den Blättern des Verlages erschienen, für den ich auch im Ruhestand noch als Kolumnist tätig bin (Stand 2015). Die Komplett-Fassung, die seit mehr als zehn Jahren im Rahmen meines Blogs »Sport, Gott & die Welt« online zu lesen ist, findet immer noch interessierte Leser, vornehmlich solche, die dem Leistungssport verbunden waren oder sind. Mit der Überarbeitung will ich den Text typographisch leichter lesbar machen, Rechtschreibfehler eliminieren und in kursiv kenntlich gemachten Einschüben aus der Warte der Gegenwart manches nachtragen und erläutern. Der Ursprungstext bleibt aber unverändert – mit Ausnahme des Namens meines Freundes Ralf Reichenbach, den ich damals »Jan« geschrieben habe, aus nahe liegenden Gründen. Die dürften aber verjährt sein, und mit Ralf statt Jan ist »Eine Kugel für das Leben« (Ursprungs-Titel: »Sport-Leben«) endgültig eine absolut authentische Geschichte.

Erster Anhang im April 2005:

Sehr geehrter Herr St., lieber gw, nachdem ich seit vielen Jahren ›schweigend‹ Ihre Kolumne genieße, möchte ich Ihnen nun doch einmal schreiben und hoffe, dass Sie ein wenig Spaß daran haben, da Sie, wie ich zu wissen glaube, Geschichten mögen.
Ich (Jahrgang 1961) bin in Wetzlar geboren und aufgewachsen, habe dann beruflich einige Jahre in Gießen gearbeitet und auch gewohnt und seit etlichen Jahren beruflich und wohnortmäßig meinen Lebensmittelpunkt wieder Richtung Wetzlar verlagert. Aus meiner »Gießener Zeit« habe ich jedoch die Angewohnheit beibehalten, zumindest samstags die Gießener Allgemeine zu lesen.
Erst vor einiger Zeit stieß ich durch Zufall auf den Anstoß online. Ihre ›Sport-Leben‹-Geschichten haben mich dabei so gefesselt, wie selten ein anderer Lesestoff, und büchermäßig habe ich in meinem Leben wirklich schon einiges bewegt. Grund für mein fast schon atemloses Online-Lesen war sicherlich das Deja-vu-Erlebnis in Ihrem Bericht.
Zur Erklärung: Ich bin in Wetzlar an der Landhege aufgewachsen, wo auch heute noch meine Eltern wohnen. Für ein Kind und einen Jugendlichen war natürlich die nähere und weitere Umgebung ein Freigehege, in dem auch der Sportplatz an der Goetheschule für jemand, der im Fußballverein und auch den Rest der Woche dem runden Leder hinterher rannte, eine zentrale Rolle spielte. Große Klasse war dabei das hinter dem Sportplatz in Richtung Hundeabrichtplatz gelegene, etwa 1972 errichtete Handballspielfeld mit rotem Kunststoffbelag und Handballtoren, das sich bei den Straßenfußballern der näheren Umgebung von Frühjahr bis Herbst großer Beliebtheit erfreute und ›große‹ Matches erlebte. Ich erinnere mich noch, wie ich zu den anderen Halbstarken im August 1974 sagte, ab sofort sollten sie mich nur noch mit ›Weltmeister‹ ansprechen.
Im Zuge der Erweiterung des Schulzentrums um die beruflichen Schulen Ende der siebziger Jahre wurde der Platz dann leider zunächst mit einer Heißluft-Behelfssporthalle bebaut, bevor dann später der Neubau der Turnhalle für die Theodor-Heuss-Berufsschule errichtet wurde. Einen Bolzplatz von solcher Qualität habe ich seitdem nirgends mehr gesehen.
Nun werden Sie schon ahnen, dass sich unsere Wege dort, ohne dass man sich nahe kam, natürlich auch gekreuzt haben. Für einen Jugendlichen war der hünenhafte Athlet, der regelmäßig dort auftauchte, mit einem Besen den Kugelstoßring traktierte, dann allerlei merkwürdige Bewegungen und Übungen absolvierte, gelegentlich wie ein Elefant mit Turbomotor über die Laufbahn rannte, schließlich mit Eisenkugeln um sich schmiss, natürlich etwas geheimnisvoll Exotisches. In einer sportinteressierten Familie wusste der Vater dem Buben natürlich zu berichten, dass es sich um den bekannten und erfolgreichen Kugelstoßer G. S. handelte, über den gelegentlich etwas in der Zeitung stand. Insofern wurde das Auftauchen des Hünen mit bewunderndem Respekt verfolgt, obwohl seine ganze Körpersprache und auch sein Gesichtsausdruck deutlich machten, dass er sein Training ungestört durchzuziehen wünschte und keinesfalls auf Smalltalk irgendwelcher Art Appetit hatte. Insofern wagte man es auch niemals, den Riesen in seiner Konzentration zu stören oder auch nur in Reichweite auslaufender Weitwurfkugeln zu gelangen.
Der Vater wusste dann irgendwann von Rangplätzen bei Deutschen Meisterschaften oder von anstehenden oder vergangenen Olympiaqualifikationen zu berichten, was den großen Kugelstoßer in Kinderaugen noch größer machte. Später, so um 1979/80, als ich an der Goetheschule vor dem Abitur stand und mich in der Leichtathletik-AG mit den Sportskanonen auf Kreis- und Bezirksebene (zumeist TV Wetzlar unter Hilmar Schwesig) unterhielt, war da auch ein Kugelstoß-Talent darunter, der als 17-jähriger so um 16 m weit stieß und damit wohl in der hessischen Spitze stand. Mit ihm fachsimpelte ich natürlich auch über G. S. und seine Trainingsmethoden, und er wusste zu berichten (ob das so stimmt, wusste ich damals nicht und weiß es heute natürlich auch nicht), G. S. habe immer nur auf Kraft trainiert und erst jetzt, zum Ende seiner Karriere, habe er die Vorteile der Schnellkraft erkannt und trainiere nun verbissen Sprints, aber das sei nun zu spät. Den kugelstoßenden Mitschüler hatte ich im übrigen als körperlich schweren, aber im Wesen freundlichen und besonnenen Kerl kennen gelernt, was mir diesen Sport und seine Streiter durchaus sympathisch machte. Soweit ich weiß, war seine Laufbahn schon mit 20 wegen diverser Wehwehchen zu Ende, aber ich nehme an, dass er sich seine Freundlichkeit bewahrt hat.
Als ich dann etliche Jahre später anfing, in der Gießener Allgemeinen zu lesen und im Impressum irgendwann den für mich lange verschollenen Kugelstoßer von einst wiederfand, war ich, Sie ahnen’s, zunächst doch erstaunt. Der Mensch steckt halt leider voller Vorurteile, und Kraftsport wird halt doch seltener mit feinem Sprachverständnis verbunden. Solcher Art tumbes Urteil war nach vielen ›Anstößen‹ natürlich längst geistiger Verbundenheit gewichen, als ich dann kürzlich die ›Sport Leben‹-Geschichten las, die für mich natürlich manches Detail von größerer Bedeutung enthielten, als dies vielleicht für einen Leser aus Grünberg oder Hungen zutreffend wäre, der Wetzlarer ›Originalschauplätze‹ der sechziger und siebziger Jahre natürlich nicht kennen kann.
Die Freude, die Sie Ihren Lesern mit dem Versuch der Nachdenklichkeit über so vieles, was wir Menschen so treiben, geben, bekommt für meine Wahrnehmung eine besondere Bedeutung vor dem Hintergrund Ihrer Lebenserfahrungen im und neben dem Wurfring. Die Lebensgeschichte des Ralf R. ist insofern eine reale Parallel-Parabel, die zeigt, wie es auch hätte laufen können.
So, was ich also als Bub auf dem Sportplatz am Wetzlarer Hallenbad nie geschafft habe, nämlich die persönliche Ansprache, ist nun nachgeholt. Ich habe Sie hoffentlich nicht gelangweilt. Der Sportplatz wird übrigens gerade für eine runde halbe Million generalsaniert. Allerdings auch mit einem hohen Zaun umgeben, so dass selbst ein Olympiasieger ohne Schlüssel zum Eingangstor dort keine Trainingseinheit mehr absolvieren könnte. (Manfred S./Schöffengrund)

 

Zweiter Anhang, nach einigen Nachfragen:

 

Warum ist dieser Text nie in Buchform erschienen? In einer »Anstoß«-Kolumne habe ich es einmal erklärt:   Den ersten Teil des Manuskripts hatte ich dem M&M-Verlag angeboten. Ich erhielt begeisterte Reaktionen, man wollte den Text unbedingt veröffentlichen. Eines Oster-Tages rief Helmut Digel, damals DLV-Präsident, an und quatschte mir den Kopf voll. Wie toll das MS sei, wie verdienstvoll von mir usw. usw. Ich solle es unbedingt fertigstellen, und Walter Jens wolle in seiner Jubiläumsrede (100 Jahre DLV) darauf eingehen und daraus zitieren. Nach einer Denkpause stellte ich das MS fertig, jetzt kam nach der Eigen- auch die Verantwortlichkeit von Politik und Verbänden (und, ja, auch Journalisten) dran. Ich schickte das MS ab, erhielt monatelang keine Antwort, fragte dann nach und bekam ein Formblatt geschickt: »Passt inhaltlich nicht in das Verlagsprogramm« blablabla. Und das, nach dem ich mehrmals aufgefordert worden war, das tolle Manuskript abzuschließen. Ich fragte auch bei Digel in Darmstadt nach, hatte ihn endlich nach mehrmaligem Hinhalten an der Strippe, er tat so, als wüsste er von nichts, wolle sich mal drum kümmern, es klang aber nicht sehr engagiert, zumal nicht, nachdem er mir langatmig Honig ums Maul geschmiert hatte. Und der Clou: Digel war Herausgeber der Reihe des M&M-Verlages, in dem mein Text erscheinen sollte, er muss ihn also selbst abgelehnt haben. Logik: Wenn Sportler sich bezichtigen, prima, das wird veröffentlicht – wenn Funktionäre und Politik angeklagt werden, wird es unterdrückt. Digel hätte also schon 1999 dafür sorgen können, in Kenntnis meines Textes, dass bekannt wird, dass, wie und in welchem Ausmaß Doping in der Bundesrepublik gefördert und gefordert wurde.

 

Heute habe ich kein Interesse mehr daran, den Text in Buchform zu veröffentlichen. Nach den Erfahrungen mit meinem “Seemannsköpper” will ich mir all das, was zu einer Buchveröffentlichung gehört und mir extrem unangenehm ist, nicht mehr zumuten: Einen Verlag suchen, den Text noch mal mit einem Lektor durchgehen, Eigen-PR betreiben mit Foto- und Interview-Terminen, Lesungen usw – alles nicht mein Ding, habe ich schon beim “Seemannsköpper” (der übrigens nach Jahren, in denen er vergriffen war, wieder zu haben ist, zum Ramsch-Preis, ich glaube, knapp 5 Euro) nur ganz selten dazu breitschlagen lassen. Außerdem würde ich wahrscheinlich nicht einmal einen Verlag dafür finden. Mir ist es auch lieber, nur echte Interessierte lesen meine nicht unproblematischen Erinnerungen an eine sehr problematische Sportzeit. Dass eine Journalistin einer großen Zeitschrift immer noch mit dem Gedanken spielt, über das, was in Teilen des Textes steht, eine längere Geschichte für das Magazin ihrer Zeitschrift zu schreiben, hinterlässt bei mir zwiespältige Gefühle: Mulmigkeit, weil ich eigentlich nichts mehr mit der Geschichte zu tun haben will und das mögliche öffentliche Aufsehen scheue, uneigentlich aber mit der – hoffentlich nicht zu selbstgerechten – Vermutung, dass “Eine Kugel für das Leben” über den Sport hinaus von Interesse sein könnte. Nicht für jeden, aber zum Beispiel vielleicht für junge Menschen, denen es ähnlich geht wie mir damals.

Baumhausbeichte - Novelle