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Sonntag, 29. März, 6.35 Uhr

Sommerzeit. Also erst 5.35 Uhr. Also noch dunkel. Regnerisch, der Wind pfeift ums Haus.

Ich mag die Sommerzeit. Schön lange schön hell. Doch es soll ja sogar “Sommerzeit-Hasser” geben. Diesmal bleiben die Diskussionen aber kleinspaltig. Selbst die “Hasser” und die, die “Sommerzeit-Hasser” thematisieren, haben gemerkt, wie kleingeistig in diesen Tagen die künstliche Aufregung um das Stündchen ist. Nur Kühe, die das Euter schmerzt, haben Grund zur Klage. Die oder denen? Solche Fragen kann ich um 5.35 Uhr noch nicht beantworten. Frühestens um 6.35 Uhr.

Ich wittere Ungemach. Keine Agentur-Nachrichten der Nacht zu finden. Letzte Meldung stammt von 16.54 Uhr. Seitdem schweigt unser Redaktionssystem. Ich rede und schreibe immer noch “unser”, doch es geht mich ja nichts mehr an, bin nur noch Ruheständler mit Schreib-Hobby. Bis vor zwei, drei Jahren, als ich mich noch verantwortlich fühlte und auch war, hätte ich jetzt unsere Technik alarmiert, einen Schlaftrunkenen nach fröhlich-feuchter Nacht aus dem Bett telefoniert, und bis die ersten Kollegen mittags in die Redaktion kommen, wäre der Schaden behoben  oder wenigstens schon in Arbeit gewesen. Aber jetzt weiß ich nicht einmal, wen ich alarmieren sollte. Oder ob alles undramatisch ist, und nachher kommt der Erste und macht einfach das Licht an bzw. drückt einen Schalter, und alles funktioniert schnell wieder. Es könnte aber auch sein, dass es einen System-GAU gegeben hat und in sieben, acht Stunden Hektik ausbrechen wird. Soll ich jemanden aufwecken, einen der Jungs aus der Sportredaktion, die als Erste unter dem GAU leiden würden? Nee, nee, die würden nur sagen, jetzt ist der Alte endgültig dement.

Klicke ich halt mal Bild online durch. Angeblich neue Stimm-Aufnahmen aufgetaucht. “Mach die verdammte Tür auf!” Auch die unvermeidliche Bischöfin äubt sich, na klar, wurde ja auch Zeit. Ob sie nicht merkt, wie gut ihr ein paar Jahre Medienverzicht täten? Sie rutscht in immer untere Schubladen ab. Aber ich will mal nicht übertreiben: In die allerunterste passt sie noch nicht, da steckt Bild mit dem Exklusivbericht über einen Fluggast des abgestürzten Flugzeugs. “Ich nahm den Hinflug mit dem Amok-Piloten”. Unterirdisch. Es gibt sicher noch ein paar Hundert Irre, die gerne öffentlich erklären würden, dass sie irgendwann einmal in einem Flugzeug saßen, in dem der “Amok-Pilot” im Cockpit war. Und “Emma” entblödet sich tatsächlich nicht, als Konsequenz aus der Katastrophe die Frauenquote im Cockpit zu fordern. Wenn die Emmas ehrlich wären, müssten sie auch die Quote benennen, die ihnen vorschwebt: 100 Prozent.

Am Mittwoch im Blog geschrieben: “Aber wer weiß, was da noch ermittelt wird.” Kurz danach wurde Unfassbares halb ermittelt und ganz rausposaunt. Völlig ungewöhnlich, und das ohne Flugschreiber. Jetzt kommen wieder leise, ganz leise Zweifel auf. Man stelle sich bloß vor … nein, lieber nicht. Das Grauen, das Grauen.

Business as usual: Montagsthemen. Heute schon einiges auf dem Zettel. Angleiten/Drehen/Lew Alcindor/Hook/Dunking/Oldfield/”Franz”Löw/Auswärts-Eintracht und Roulett/Blatter&Lennon – und das alles ohne das Sonntagsthema Georgien. Wird schon werden.

Wird schon hell.

Baumhausbeichte - Novelle