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Montagsthemen (vom 30. März)

Das Georgien-Spiel fand (Tiflis) und findet (über dieser Kolumne) anderswo statt. Das Montagsthema dazu stammt vom vorletzten Samstag in Mainz, als sich der Bundestrainer im Wurschtigkeitsstil eines Vorgängers verfranzelte. O-Ton aus dem ZDF-Sportstudio: »Früher, 1970 oder 1980, als ich irgendwie 18, 19 oder 20 war, hatte man überhaupt kein Bewusstsein für Doping. Weil es gab keine Verbote, und es gab auch keine Dopingkontrollen.«
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Gab es nicht? Seltsam. Als ich irgendwie 23, 24 oder 25 war, 1970 oder 1980, hatte man Bewusstsein für Doping, weil es Verbote und Dopingkontrollen gab. Aber Fußball wurde ja schon immer auf einem anderen Sportplaneten gespielt. Und was ein Weltmeister sagt, ist sowieso sakrosankt. Sakra! Sancta simplicitas!
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Nicht sakrosankt, leider, ist auswärts unser aller Eintracht. Schwarze Serie? Die kann man auch erst so richtig in die Köpfe schreiben. »Die Anmerkungen zur FR und der Eintracht und der Sportpsychologin« – am Samstag im »Sport-Stammtisch« – »waren mir ganz aus dem Herzen gesprochen. In Abwandlung eines sattsam bekannten Spruchs könnte man sagen, dass uns die (naja: nicht DIE, manche!) Zeitungen Dinge erklären, die uns ohne sie nie zum Problem geworden wären. Anderseits wüsste ich natürlich auch zu gerne, warum die Eintracht ›immer und immer wieder gegen schwächere Gegner verliert«. Und warte auf Ihre Erklärung!«
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Da auf diese nicht nur der Sozial- und familienpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion wartet, sondern in Personalunion auch der langjährige »Anstoß«-Leser Gerhard Merz, will ich gerne eine Antwort versuchen. Alte Zocker wissen, dass es kein Gesetz der Serie gibt. Nach zehn Mal hintereinander »Rot« bleibt die Wahrscheinlichkeit, dass beim elften Mal »Schwarz« kommt, genauso groß wie vor dem ersten Mal: Fifty-fifty (lassen wir »Zero« mal beiseite). Ähnlich im Fußball, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Hier können die Spieler mit der Kraft ihrer Gedanken die Kugel beeinflussen. Da Angst eine besonders fatale Kraft entwickelt, zumal wenn Kiebitze, die ihren Senf dazu geben, sie zusätzlich in die Köpfe teleportieren, gibt es beim Roulett nur eine Null, im Fußball aber manchmal deren elf.
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Wo regiert der Zufall mehr, beim Roulett, im Fußball oder … im Kugelstoßen? Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, in Fachkreisen aber bestaunt und bezweifelt, hat Thomas Schmitt seine Bestleistung um sage und schreibe 2,28 Meter verbessert. Auf 21,35 Meter. Wie geht das? Eigentlich überhaupt nicht. Doping? Blödsinn. So stellt sich Klein-Fritzchen Doping vor, Pille rein, simsalabim, kommt Weltklasse raus. Jugendkugel? Wäre eine logische Erklärung, kann aber angeblich ausgeschlossen werden. Was bleibt? Drehtechnik, die Roulettvariante der Kugelstoßer. Denn ein Athlet, der Angleit- und Drehtechnik gleichermaßen perfekt beherrscht, wird mit Drehung deutlich weiter stoßen können. Es gibt im Gegensatz zum Angleiten aber keinen, der die Drehtechnik reproduzierbar perfekt beherrscht.
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Thomas Schmitt ist ein Mordstrumm, 2,02 m groß, 140 kg schwer und  im Vergleich zum spritzigen, blitzschnellen Bewegungstalent Storl ein eher grobmotorischer Klotz. Ich habe einst dem Drehtechniker Brian Oldfield zugeschaut, einem supersportlichen Weltklassestoßer, als dessen Kugel mal 18, mal fast 24 Meter weit flog (mit Übertreten). Hat Schmitt den perfekten Tag und den perfekten Stoß erwischt?
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Oldfield beherrschte auch das Dunking. Aus dem Stand. Liebe Basketballer: mit der 15-Pfund-Kugel als Ball! Apropos Basketball: Vettels erster Sieg im Ferrari ist zwar für uns ein März-Wahnsinn, aber die echte »March Madness« strebt in diesen Tagen in den USA ihrem Höhepunkt entgegen: College-Meisterschaft, der helle … genau! In einem lesenswerten »Welt«-Text des Soziologen Wolf Lepenies erfahre ich, dass der Multimilliardär Warren Buffet diesmal sein Angebot zurückgezogen hat, jedem, der alle 63 Spielergebnisse richtig voraussagt, eine Milliarde Dollar zu zahlen. Obwohl Buffet nichts zu verlieren hätte. Eher gewänne man zehnmal hintereinander mit der »Zero«.
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In Lepenies’ Artikel geht es aber vor allem um Kareem Abdul-Jabbar, NBA-Legende und heute Schriftsteller, der unter seinem Geburtsnamen Lew Alcindor derart oft  »dunkte« (den Ball von oben in den Korb schmetterte), dass die Regeln im College-Basketball geändert wurden: Dunking verboten! Daraufhin verfeinerte Alcindor den »Hook« (Haken) zu einem kaum zu blockenden Spezialwurf. An dem arbeitet übrigens auch Dirk Nowitzki. Alle Basketball-Welt wartet darauf, dass er ihn noch zur NBA-Reife bringt.
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Quizfrage: Wer ist der fünfte Beatle?  Pete Best? Falsch. Mit George Best wären Sie näher dran,  denn mit Fußball hat der Gesuchte ebenfalls zu tun. Hilfestellung: Er plappert Ober-Beatle John Lennon nach. Dessen Spruch, die Beatles seien populärer als Jesus, löste einst christenweltweite Empörung aus. Unser Beatle toppt das nun, denn er behauptet, das, was er mit seinem Instrument spielt, sei populärer und einflussreicher als alle Religionen.
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Wer ist es? Zu leichte Frage für unser »Wer bin ich?«-Spiel. Natürlich Sepp Blatter, der mit seiner FIFA Fußball spielt. Bleibt nur eine Frage offen, ich reiche sie weiter: Hat der Vielkritisierte diesmal vielleicht ausnahmsweise Recht? (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle